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Bericht der Großloge für Deutschland · 1907-09-01 · Nr. 7 - September · p. [Seite]

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Journal
Bericht der Großloge für Deutschland
Volume
1907
Issue
Nr. 7 - September
Date
1907-09-01
Page
[Seite] (sequence 12)
Language
German
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84 — und SitteD, ohne von der sie umgebenden Kultur beleckt z werden. Wie können wir aber diesen osteuropäischen Juden helfen, sie ethisch heben und sozial starken? Zunächst dadurch, dass wir ihnen die Wege ebnen, ihnen behilflich si nd bei der Gründung einer Existenz, bei der Bewerbung im Hausierscheine und bei der Erlangung eines kleinen Kredites. Wir müssen sie durch Rat und Tat fördern, ihnen Lehren und Winke geben, wie sie ihrem Gewerbe nachzugehen hab;n, wie sie es mit strengster Redlichkeit und mit gewissenhaftes £t Treue und dabei doch nicht ohne einigem Nutzen betreiten können. Freilich wäre es am besten, diese Aermsten v>m Hausierhandel ganz abzulenken. Denn abgesehen davon, diiss er jetzt gar zu wenig bringt und kaum imstande ist, eine Familie ausreichend zu ernähren, schädigt er den sesshaflen Handel, und die ihn ausüben, erregen Aergernis und Verdriiss bei der einheimischen Bevölkerung. Auch bestärkt cer Hausierhandel diese Unglücklichen in ihrem unsteten Wesen und begünstigt ihren Wandertrieb. Es soll daher unser Bemühen darauf gerichtet sein, die osteuropäischen Juden zum Handwerk anzuhalten, wenn sie eines gelernt haben und es verstehen, oder sie als Arbeiter zu beschäftigen. Damit sie aber nicht immer Gelegenheitsarbeiter bleiben, wäre es nötig, dass sie noch manches hinzu lernen. Zu diesem Zwecke müssten wir Fortbildungskurse für die bei uns ansässigen osteuropäischen Juden schaffen. In denselben könnten die Söhne unserer Ordensbrüder als Lehrer tätig sein und uns wesentliche Dienste leisten. Hier sollen (ie Ausländer die deutsche Sprache, sowie andere Lehrgegenstände, deren sie zu ihrem Fortkommen in unserem Vaterlande unbedingt bedürfen, sich aneignen. Der Fortbildung sunterricht soll das, was die Erziehung an diesen Bemitleidet swerten in ihrer Jugend verabsäumt hat, einigermassen nachholen. Um den Teilnehmern diese Kurse lieb und wert :u machen, wäre es ratsam, unter Begleitung der Lehrer und Leiter von Zeit zu Zeit gemeinsame Spaziergänge und Aisflüge zu arrangieren und die Sehenswürdigkeiten des Ai fenthältortes zu besichtigen. Dadurch wird der Gesichtskreis der bis jetzt in Finsternis und Unkultur Lebenden erweitert werden, und die Kinder des osteuropäischen Ghettos werdsn erfahren, dass es ausserhalb dieses Ghettos eine andere Welt gibt, so herrlichfund schön, wie sie nur ein liebender und gütiger Gott hat schaffen können. Der freundschaftliche Verkehr zwischen uns und den hilfsbedürftigen osteuropäisch sn Juden würde auf das Gemüt derselben sehr wohltuend wirken Sie würden es fühlen, dass wir sie nicht als polnische Schnorr sr betrachten, sondern sie als Brüder und Religionsgenossen te handeln.*) Ausser den Söhnen unserer Logenbrüder, denen die Leitung und Erteilung des Fortbildungsunterrichts oblieg >n *' Wohl wissen wir. dass manche Logen sich der osteuropäischen Jaden warm annehmen, aber es' gibt noch' viele Städte, iro diese Bedauernswerten sich selbst ganz überlassen sind. Nur 1 und da ürTnet sich ihnen eine mildtätige Hand, ein wannempfindend es Herz Aber Almosen wirken ja bekanntlich nicht immer segenbringend und kommen auch nicht immer dem Würdigen zu gu Grade die Unwürdigsten, die sich vordrängen, erhalten in der Ref el die grösste Förderung, während die Bescheidenen übergangen werdtn. ^■■RS>11^ würde, wäre die Mitarbeit unserer Frauenvereine and Schwesternbünde bei dieser sozialen Aufgabe von unschätzbarem Werte. Unsere lieben Schwestern müssten diese osteuropäischen Familien in ihren Wohnungen häufig aufsuchen, deren Verhältnisse genau kennen lernen, den Gesundheitszustand der Kinder und Frauen prüfen und ihre Schutzbefohlenen zur Ordnung, Reinlichkeit und Häuslichkeit anhalten. Denn gerade die osteuropäischen jüdischen Frauen haben vieles von der slawischen und besonders der polnischen Wirtschaft sich angeeignet. Wie die polnischen Frauen, suchen auch diese nach aussen zu glänzen, vergeuden das wenige Geld, das sie besitzen, für Samt und Seide, für echte und falsche Diamanten, während ihnen gar oft das Notwendigste von der Leibwäsche fehlt. Auf dieses unpraktische Gebahren müssten unsere Schwestern die polnischen Frauen aufmerksam machen und bei ihnen Sinn und Verständnis für Einfachheit und Ordnungsliebe wecken. Bei den öfteren Besuchen der osteuropäischen Familien könnten unsere Schwestern auch erfahren, ob die eine oder andere Familie wirklich bedürftig und einer Förderung würdig sei oder nicht. Auf diese Weise würden wir von unsern Frauenvereinen die besten Auskünfte erhalten; wir würden stets informiert sein und bei Zuweisungen von Unterstützungen uns zu richten wissen. Vor allem aber werden unsere Frauen ihr Augenmerk auf die Kinder dieser Ausländer zu richten haben, sie hygienisch beaufsichtigen und ihren Schulbesuch überwachen und sie so erziehen/ dass sie später, wenn sie herangewachsen sind, in Sprache, Gesittung und Bildung von jhrer Umgebung sich nicht unterscheiden. Wir werden endlich die Eltern dieser Kinder auf einem Gebiet zu belehren haben, das wir sonst aus bestimmten Gründen nicht gern betreten. So sehr wir nämlich die religiösen Gefühle eines jeden schonen, so wenig wir in die religiösen Empfindungen des Einzelnen eingreifen mögen, vielmehr einen jeden nach seiner Fa(;on selig werden lassen, so wird es dennoch nötig sein, die osteuropäischen Familien darüber zu belehren, dass beispielsweise die Betlokale, die sie getrennt sogar von der orthodoxen Gemeinde für sich einrichten, in gesundheitlicher und selbst in religiöser Beziehung viel zu wünschen übrig lassen, dass dieselben durch Lage, Einrichtung und dergl. mehr, den Namen eines Gotteshauses überhaupt nicht verdienen. Wir werden vielleicht auch betonen müssen, dass das Poltern, Lärmen, Schreien und Schaukeln beim Gottesdienst, wie sie es im Ghetto gewohnt waren, denselben keineswegs würdig gestalte, vielmehr lächerlich mache in den Augen der nicht jüdischen Umgebung. Wir werden sie an die Worte der alten jüdischen Lehrer erinnern müssen: „Und wenn ihr betet, so wisset von wem ihr betet", dass daher unsere Gebete mit innigster Andacht und auf die würdigste Weise verrichtet werden müssen. Die Belehrungen und Winke nach dieser Richtung hin werden denjenigen unter unseren Brüdern zufallen, die selbst wahr- Da das Elend der Juden Osteuropas immer mehr zunimmt, und viele derselben alljährlich bei ihren Wanderungen auch bei uns sich ansiedeln, so inüsste die Hilfeleistung keine sporadische, sondern eine umfassende sein. Es wäre wünschenswert, wenn die w. Logen Erhebungen über die in ihrem Orte ansässigen osteuropäischen Familien anstellen würden und Vorschläge machten, wie man diesen nach einem einheitlichen Plane helfen könnte.

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