Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1907
- Issue
- Nr. 7 - September
- Date
- 1907-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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— 79 — grelles Schlaglicht auf die religiös-sittlichen Zustände in gewissen Kreisen jüdischer Familien wirft. Nach einer oberflächlichen Schätzung beteiligen sich in den höheren Schulen im Deutschen Reich neun Prozent der schulpflichtigen jüdischen Kinder am christlichen Religionsunterricht. Wohlverstanden, Kinder jüdischer Eltern. In Berlin nehmen, nach den Aufzeichnungen verschiedener Schulvorsteher, in den höheren Knaben- und Mädchenschulen vierzehn bis fünfzehn Prozent aller jüdischen Kinder am evangelischen Religionsunterricht teil. In einzelnen Lehranstalten ist sogar ein Drittel der jüdischen Schüler am christlichen Religionsunterricht in den beiden letztverflossenen Jahren beteiligt gewesen. Man muss damit rechnen, dass, als Folge dieses nichtjüdischen Religionsunterrichtes, die bereits erwähnten neun Prozent jüdischer Kinder ebenfalls dem Judentum früher oder später verloren gehen. Diese Verlustziffern sind unnatürlicher Art, weil sie mit den normalen Lebenserscheinungen an sich nichts zu tun haben. Wir stehen also hier einer rein sozialwidrigen Erscheinung gegenüber, in der das Judentum wiederum einmal ohne Gegenstück in der Völkergemeinschaft dasteht. Hier drängt sich uns zunächst wieder die Frage auf: „Wie wird dieser ungeheure Ausfall an Seelen ausgeglichen und woher ersetzen wir diese Verluste, die, wenn wir die Gesamtseelenzahl der deutschen Juden in Betracht ziehen, denen eines blutigen Krieges gleichkommen? ' Nehmen wir hier vorweg, was wir später zu sagen haben. Wir haben keine E r s a t z q u e 11 e n für diesen ununterbrochenen Verlust. Die natürliche Erholungsquelle für Menschenverluste schöpfen die Volksschichten und Nationalitäten aus den Geburten, beziehentlich aus dem Ueberschuss von Geburten über die Verluste durch Todesfälle oder Auswanderung. Bleiben wir daher einmal bei den Geburtszahlen der Juden Deutschlands stehen. Sie sind gegenwärtig noch geringer als bei den Franzosen. Am klarsten werden uns die von Jahrzehnt zu Jahrzehnt herabsinkenden Geburtsziffern, wenn wir auf einen Zeitraum zurückgreifen, der mindestens zwei Generationen umfasst. Da die Zuverlässigkeit der Angaben mit der Einführung der Standesregister erst garantiert; war, zudem die Juden Preussens erst von 18 lß an in die allgemeinen Zivilstandsregister mit einbezogen wurden, so ist uns dadurch eine genaue Uebersicht an die Hand gegeben, die in der folgenden Tabelle veranschaulicht wird. Ende 1816 zählte Preussen an Einwohnern überhaupt und Juden insbesondere: Einwohner Juden 10.320000 124ÖOO bis Ende 1825war en hinzu- < gekommen durch Ueberschuss an Geburten . . . 1,612251 10% 22250=1« Ende 183 I waren hinzugekommen durch Geburtenüberschuss........ 1,100000= 8% 17421 =ltV2% Ende 1843 kamen hinzu Transport: 2,712251 . , 30671 durch Ueberschuss an , Mehrgebornen...... 1,467800 11V» 27700= 16% Ende 1846 betrug der Ueberschuss an Mehrgebornen......... •.'58*128;-= 4°/.. . H54u »: Mit II in weglassung der Eingewanderten betrug die Gesamtzunahme der Bevölkerung Preussens ,' .. _ Transport: 2,712251 39671 überhaupt......... 4,76« 17!» 78911 Mithin vermehrten sich die Juden Preussens innerhalb dreissig Jahren (von 181C 1*16) um 78 t» 11 Seelen, nämlich von 124000 auf 202911. Wie hier dargetan, übertrafen in diesem ganzen Zeitraum die jüdischen Mehrgeburten die nichtjüMischen ganz beträchtlich, im Durchschnitt um 17' z %. I. Uebergehen wir nun einen Zeitraum von 15 Jahren, so vollzieht sich vor unsern Augen allmälig ein Stillstand, der mit den sechziger Jahren sich zu einemsolchen Rückgang gestaltet, dass mit demselben die Juden nicht nur von den nichtjüdischen Bewohnern überholt werden, sondern auch sogar als eine Nachkommen erzeugende Stammeseinheit hinter den Franzosen rangieren.. Von .1860 an registrieren wir folgende Daten. Es kamen, im genannten Jahr auf je hunderttausend Einwohner in Preussen 138 Juden, 1870 132 Juden, 1885 129, .1895 sogar nur 119, 1900 zählen wir nur noch 114 und 1905 knapp 110 Juden. Wir würden fraglos zu einer noch niedrigeren Ziffer gelangen, wenn nicht durch die russische Zuwanderung in den letzten Jahren der Geburtsabslurz um etwas gemildert worden wäre. In die Zählergebnisse vom-Jahre 1905 ausgedrückt, stieg die Zahl der Juden in; Preussen von 392322 im Jahre 1900 auf 409500 im Jahre 1905, also um rund 17200 Seelen. So paradox es aber auch klingt, so bedeutet diese Zunahme im Vergleich mit der übrigen Bevölkerung in Wirklichkeit eine Abnahme; und wenn wir' weiter in Betracht ziehen, dass eine Zuwanderung von rund 9000 jüdischer Personen an dieser Ziffer beteiligt ist (zu einem Teil auf Kosten anderer Bundesstaaten), so bleibt nur eine Geburtsziffer von rund 8000 Seelen. Wäre aber die Geburtsziffer nicht schon wiederum gesunken, so hätten wir eine solche von 9000 Seeien erhalten müssen, . wenn wir nur das Mittel von jenen zwischen 1890—1895 als, Grundlage annehmen. So ist denn tatsächlich ■ gegenwärtig die Geburtenzahl der Juden im Deutschen Reich — bemessen an dem Zählergebnis der Juden Preussens — hinter derjenigen der Franzosen zurückgeblieben, 'denn die" Franzosen haben im Jahre 1906 0,74% Geburten mehr als die Juden. Als Lord Salisbury seine berühmt gewordene sozialpolitische Rede über absterbende Nationen hielt, wies er im Besonderen darauf hin, dass Völker, deren Geburtenziffer die Abgänge durch Sterbefälle, Auswanderung usw. nicht zu überbieten vermögen, auf den Aussterbeetat gesetzt seien. Dies war ungefähr zur Zeit des spanisch - amerikanischen Krieges und die Kulturwelt stimmte diesen Ausführungen bei, denn der englische Staatsmann hatte sich nicht damit begnügt, die Niederlagen der spanischen Truppen durch ihre numerische Inferiorität zu-erklären. Er meinte, dass auch