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Bericht der Großloge für Deutschland · 1907-09-01 · Nr. 7 - September · p. [Seite]

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Journal
Bericht der Großloge für Deutschland
Volume
1907
Issue
Nr. 7 - September
Date
1907-09-01
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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4~ 77 — Tabellen in den Vordergrand zu rücken. Soweit ich mich ihrer hier bediene, sollen sie nur als Orientierangsmittel zu meinen Darlegungen dienen, und den Leser umso nachdrücklicher auf Erscheinungen hinlenken, die, so allgemein bekannt sie auch sein mögen, ein so grelles Schlaglicht auf die sittlich-sozialen Zustände der Judenheit werfen, dass sie gar nicht ernst und nicht häufig genug besprochen werden können. Unsere Logenzeitung, als die verbreitetste jüdische Zeitschrift muss als das berufenste Organ betrachtet werden, von dem aus in allen Formen und nach allen Seiten hin, auf die immer rapider wachsenden Gefahren, die unseren nummerischen und sittlichen Bestand bedrohen, beleuchtet werden. Hierbei muss auch die Statistik stellenweise zu Wort kommen. — In dem ihr eignen Lapidarstil teilt die statistische Aufnahme von 1906 mit, dass auf jeden sechsten eine Ehe eingehenden Juden und auf jede sich verehelichende siebente .1 tidin eine Mischehe kommt. Mit andern Worten besagt dieses: Unter hundert heiratenden jüdischen Männern befinden sich sechzehn, welche Nichtjüdinnen ehelichen. Und Vqn hundert jüdische weibliche Personen heiraten, so sind darunter vierzehn, die sich mit christlichen Männern vermählen. Diese Zahl ist, wie hier ausdrücklich hervorgehoben werden soll, nach unten abgerundet, faktisch also höher; denn die sorgfältig ermittelten Zahlen ergaben, dass der oben angegebene Prozent- ' satz Ende 1905 erheblich überschritten war. Von 1901 bis 1905 wurdest in Deutschland 15 635 rein jüdische Ehen und rund 2 700 Mischehen, an denen jüdische Personen beteiligt waren, geschlossen. Mit andern Worten: neben den durchschnittlich 3900 rein jüdischen Ehen jährlich gab es ausserdem noch 675 solcher Ehen, in denen eines der Ehegatten nicht-jüdischer Konfession war. Ausser diesen ist aber noch eine ganze Anzahl von jüdischen Individuen geschlossener Ehen vorgekommen, in denen die Kontrahenten sich als Dissidenten bezeichneten. Ich muss es dahingestellt sein lassen, ob die auf jüdische Dissidenten bezüglichen Angaben, dass nämlich jährlich noch zirka 35 Ehen von ihnen geschlossen würden, auch wirklich zutreffen. Wenn wir nun auch nur 25 von jüdischen Dissidenten geschlossene Ehen annehmen, so sind es jährlich dennoch 700 Ehen von jüdischen Individuen, die nicht als jüdische Ehen anzusehen sind, nicht als solche gelten wollen. Naturgemäss werden die meisten Mischehen in den Grosslädten geschlossen, weil dort die meisten Juden wohnen. In Amsterdam sind unter den eine Ehe eingebenden Juden 12 */o Mischehen, in Hamburg 14%, in München 15 %» m Berlin zwischen 16—17 %> und in Budapest 18 % jüdischen Ehen überhaupt. In den letzten 5 Jahren, von 1901—1905, haben sich die Mischehen (hier haben wir nur solche mit jüdischen Personen im Auge) gegenüber den vorausgegangenen 5 Jahren gerade verdoppelt. In Preussen allein betrugen sie von 1895—1900 rund 2100, von 1901—1905 aber 4100. Im übrigen Deutschen Reich liegen die Verhältnisse analog. Wenn nun die Statistiker ganz allgemein angeben, dass die Mischehen in Deutschland von Jahrfünft zu Jahrfünft sich verdoppeln, so ist das absolut richtig. Aber'relativ, und im Vergleich mit der Gesamtzunahme der Juden durch Geburten * und Zuwanderung, bedeuten sie mehr als eine Verdoppelung und müssen als Verdreifachung bezeichnet werden. Die wirkliche Zahl der in Deutschland bestehenden Mischehen kann nicht mit voller Sicherheit angegeben werden, weil durchschnittlich 12 % *Uer Mischehen wieder aufgelöst werden, in einem Teil — und zwar der grösseren Hälfte — volle Scheidung, m einem Teil, Trennung von Tisch und Bett ausgesprochen worden ist, und ein anderer Teil, ohne geriehtliche Intervention anzurufen, freiwillig getrennt lebt.2) Diese Tatsache mag auch dazu beitragen, dass die ohnehin nicht kinderreichen Mischehen eine so geringe Geburtsziffer aufweisen. Sie erklären aber auch, warum die wirkliche Zahl der Mischehen nicht mit den statistischen Angaben übereinstimmt. Wenn wir aber selbst aus den Volkszählungen keine zuverlässigen Zahlen über die wirkliche Summe der Mischehen erhalten, so rührt dies meines Dafürhaltens daher, dass eine beträchtliche Anzahl Mischehen über kurz oder lang als christliehe Ehen in die Volkszählungen aufgenommen werden; da ja auch tatsächlich ungemein häufig der jüdische Teil der Eheleute zum Christentum übertritt. Kirche und Gesetz erblicken dann in dieser Verbindung eine „rein" christliche Ehe und registrieren sie.als solche. Die (übrigens sehr schwer zugänglichen) Kirchen- und Zivilstandsregister sowie die leichter erreichbaren, aber nicht ganz zuverlässigen Zeitschriften für Juden- und Heidenmission ergänzen stellenweise die Lücken, die, in dieser Beziehung die Statistik noch aufweist. Wenn wir von rein jüdischen Gesichtspunkten aus jede eheliche Verbindung zwischen Juden und Nichtjuden als Mischehe betrachten, so fällt dieser Gegensatz für den Staat und die Kirche in dem Augenblick fort, in dem die Ehegatten sieh zu derselben Konfession bekennen. Alsdann werden diese Ehen bei allen gesetzlichen Gelegenheiten, auch bei Volkszählungen, nicht als Mischehe bezeichnet, i Dieses ist. ein weiteres Erschwerungsmoment -) Ali die meisten Seheidungsgründe werden angegeben: Ehebruch, Misshandlongen, böswilliges Verlassen. Bemerkenswert erscheint es auch, dass vollständige Scheidungen überwiegen, wenn die Frauen Christinnen, und Trennung von Tisch nnd Bett am häufigsten, wo die Krauen Jüdinnen waren. Das hierauf bezügliche Material bedarf jedenfalls noch einer viel gründlichem Sichtung als bisher. In Nummer 1 (Beilage) unseres LogenMattes vom Februar 1906 gibt College Br. Maretzki in seinem Artikel „Mischehen* die Zahl der Ehescheidungen etwas niedriger 4n, als ich.- Nach seiner Ermittelung betragen dieselben pur 9°/0. Dies mag daher rühren, dass sich seine Berechnungen nur auf komplett Scheidungen beschränken, während ich die gerichtlichen und freiwilligen Trennungen noch hinzurechne. 3) Es erscheint ganz glaubwürdig," wenn kirchliche Blätter, allerdings im Tone des Bedauerns, die Behauptung aufstellen, dass bei verschiedenen Gelegenheiten, auch häufig vor Gericht; aus dem Judentum ausgetretene aber nicht getaufte Individuen sich als 'Christen bezeichnen, wa^ ihnen ohne positiven Nachweis geglanbt werde, wenn sie nach ihrer Konfession befragt würden. Der Staat gebe sich ohne weiteres mit solchen .vagen* Erklärungen zufrieden nnd sanktioniere dadurch unzuträgliche Zustände. Wenn diese Angaben zotreffen', so hat das für. uns nichts Befremdliches,' denn das wäre nnr ein kleines und unbedeutendes Kapitel der seit Jahrhunderten gegen die Juden geübten- Praxis. Freilich mit dem für die Juden nicht ganz gleichgiltigen Unterschied, dass an Stelle des früher sehr leicht entzündbar gewesenen Hplistosses, des Galgens, Ertränkens nnd Lebendig-

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