Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1907
- Issue
- Nr. 7 - September
- Date
- 1907-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Gehalte bare Religion hingestellt. Die christlichen Gelehrten vermögen nicht einmal in den Geist der Bibel einzudringen und einzusehen, dass die religiösen Satzungen und Bräuche dazu bestimmt waren, Israel rein zu erhalten, und das Leben des einzelnen Israeliten göttlich vollkommen zu gestalten. Nur wenige religiöse Genies sind zu dieser Erkenntnis vorgedrungen; C a 1 v i n ist der einzige, der den Wert der jüdischen Satzungen richtig erfasst und sie als Zusätze zum Deklalog und den übrigen Bestimmungen dargestellt, die dazu dienen sollen, diejenigen, die fromm sein und bleiben wo'len, in der dafür notwendigen Beschaffenheit des Geistes zu erhalten. Umso weniger versuchen die modernen Gelehrten, die die Geschichte des judischen Volkes zur Zeit Jesu schreiben, dem Denken und Fühlen jener Zeit gerecht zu werden. Ein schlagendes Beispiel hierrar fuhrt uns Eschelbacher aus dem grossen Werke Emil Schurers Vor. „Zur Schilderung der Feier des Sabbats übersetzt er eine Anzahl Paragraphen des gleichnamigen Mischnatraktates und gibt damit ein Bild, das ungefähr ebenso zutreffend für die Feier und den Wert des Sabbats ist, wie für diejenige des Sonntags der Abdruck einer Polizeiverordnung wäre, in der bis ins einzelnste hinein angegeben ist, welche Arbeiten an ihm erlaubt und welche verboten sind, für welche Stunden eine Erlaubnis gilt und für welche eicht, an welchen Tagen ein Verbot ganz und an welchen es zeitweise aufgehoben ist. Wer die Stimmung und den Frieden des Sonntags nicht kennt, wird ihn auch daraus nicht erfa iren, wohl aber durch ein Gebet oder ein Lied, wie etwa das Uhlandsche Schäfers Sonntagslied". Von den innigen Gebeten und tief empfundenen Liedern, die der Sabbat erweckt, von der Seelenfreude, dem Frieden und der Fülle des Segens, die dieses „Kleinod des jüdischen Volkes", wie Lagarde den Sabbat nennt, bei seinem Einzüge über Arm und Reich ausgegossen hat, von den feierlichen und erhel enden Stunden, die man an ihm geflossen, von dem Gottesdienste und den Vorträgen, die in den Synagogen und in den Lehrhäusern für die verschiedenen Kreise des Volkes gehalten wurden, erfährt derjenige, der in dem Buche von Schürer über den jüdischen Sabbat sich unterrichten will, nichts. Ebenso suchen wir vergebens in diesem Werke über das Wesen, den Inhalt und die Entstehung der jüdischen GeDete. Um ja nur die jüdische Religion als starre Satzung erscheinen zu lassen, übersetzt Schürer die 5. Eulogie des 18. Gebetes: „Führe uns zurück zu deinem Gesetz", anstatt wie üblich „zu deiner Lehre" (Tora), nämlich zur Erkenntnis Gottes. Denn Schürer will kein Bild von der jüdischen Religion und der Lehre geben nach ihren Zeugnissen und den Anschauungen der jüdischen Bekenner, sondern das Bild rechtfertigen, das Paulus und die anderen Evangelien von ihr entworfen haben. Auch die Glaubensanschauungen des Judentums jener Zeit werden von den christlichen Forschern nicht nach den Lichtgestalten eines Hillel und Rabbi Johann b. Sakkai und anderer Talmudgelehrter, sondern nach dem Bilde, das jene aus dem neuen Testamente und den ihnen nahestehenden Apokryphen und Pseudoepigraphen gewonnen haben, dargestellt. Diese Schriften, die von Schwärmern und Phantasten herrühren, und die schon frühzeitig aus dem Kreise des Judentums verschwanden, spiegeln keineswegs die Stimmung des ganzen jüdischen Volkes wieder,-sondern nur die Anschauungen der stürmenden Kreise, in denen das Christentum entstand und seine erste Verbreitung fand. Wer vom Judentum jener Zeit aber ein wahres Bild gewinnen will, müsste sich in das talmudische Schrifttum versenken. Aber hierzu fehlen den meisten christlichen Gelehrten das notwendige Wissen und der klare ungetrübte Blick, wie wir es im Buche von* Busset, das sich stolz „die Religion des Judentums im neutestamentlichen Zeitalter" nennt, sehen. Nachdem Eschelbacher diesem Gelehrten die Irrtümer nachweist, zeigt er, wie wir grade dem Judentum im neutestamentlichen Zeitalter viel zu verdanken haben. Durch den Aus- und Aufbau des religiösen Lebens, wie er sich damals in Palästina vollzog, wird den in den verschiedensten Ländern vertretenen Juden eine feste und dauerhafte Verfassung gegeben, die für die Gesamtheit im Laufe der Geschichte sich sehr segensreich erweist, und sie widerstandsfähig macht, .den schweren Aufgaben des Schicksals gegenüber. Nach den verschiedenen Richtungen werden die Juden zerstreut; überall wohin sie gelangen und festen Fuss fassen, eignen sie sich die Sprache und Sitten der neuen Heimat an, befreunden sich mit der Literatur der Völker, in deren Mitte sie leben, bleiben aber dabei dem väterlichen Glauben treu. Sie schliessen sich nicht von der. Aussenwelt ab, vielmehr beschäftigen sie sich eingehend mit den philosophischen Systemen ihrer Zeiten, mit denen sie .die Wahrheiten ihrer Lehre zu vereinigen suchen, was ihnen auch gelingt. Denn das Judentum ist nicht, wie die christlichen Theologen gerne annehmen» etwas Starres, Unbewegliches, nur eine Religion der Observanz, sondern eine solche des Lebens, der Erkenntnis und der Tat. Seit dem zweiten vorchristlichen Jahrhundert bis zum Bar Kochba-Kriege (135 n. Chr.) sind, wie alte Schriftsteller und neu aufgefundene Inschriften es bezeugen, in den verschiedenen Ländern, wo Juden lebten, zahlreiche Heiden zum Judentum übergetreten, teils als - Volljuden •'. teils als .Judengenossen" oder „Gottesfürchtige". Auf diesen vom Judentum gebahnten Strassen ist dann das Christentum in die griechisch-römische Welt'eingezogen, und hat eine rasche Ausbreitung gefunden dadurch, dass es über sich gewinnen konnte, mit der Bibel der Juden iu der Hand, sich den heidnischen Anschauungen zu nähern, eine Anpassung, deren das Judentum nicht fähig war. Dazu kam noch, dass zu Anfang des vierten Jahrhunderts der romische Kaiser Konstantin der Grosse aus Gründen der Staatsklugheit sich für die christliche Religion entschied. Und als das Christentum zur Macht gelangt war, unterdrückte es die übrigen Religionen und suchte durch Feuer und Schwert seiner Lehre Eingang zu verschaffen. Die grosse Ausbreitung des Christentums kann daher keineswegs als ein Beweis für die innere Grösse desselben hingestellt werden. Nach diesen Ausführungen behandelt Eschelbacher das Verhalten des Judentums dem Christentum gegenüber, gibt die verschiedenen Gründe an, warum das Judentum das Christentum ablehnen musste. Der stärkste Grund war der, dass nichts in der Welt die. Juden in ihrem Glauben an die Wahrheit ihrer eigenen Religion zu erschüttern vermochte. Dieser übernommenen Religion der Väter brachten sie zahlreiche Opfer; das köstliche Gut, das sie von ihren Vätern er*