Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1907
- Issue
- Nr. 6 - August
- Date
- 1907-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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am so das! Wesen alttestamentarischen Gerechtigkeitssinnes zu charakterisieren. Das im Fünfbuche enthaltene Gebot der Nächstenliebe wird dem Christentum zugeschrieben und wohlweislich verschwiegen, dass dasselbe dem Judentum entstamme. Die moderne christliche Bibelkritik kann natürlich diesem l rteile nicht in allen Stücken folgen, aber auch sie betrachtet das Judentum nur von ihrem christlichen Standpunkte. Das Christentum ist nach ihrer Darstellung eine Welt-, das Judentum nur eine nationale Religion. Die Stellen im Alten Testament, die von dem Universalismus der Joden zeugen, wie die Schöpfungsgeschichte, die Verheissupg an Abraham, er solle ein Segen werden für alle Völker, das Gebet Salomos bei der Einweihung des ersten Tempejls, der Satz, ..denn mein Haus soll ein Bethaus genannt werden für alle Völker'-, die messianischen Verkündigungen dier Propheten, die eine Verbrüderung des ganzen Menschengeschlechtes verheissen u. a. m., werden von den meisten christlichen Theologen ganz ignoriert. j Ebenso tendenziös ist die Darstellung, dass die Israeliten sich Gott in stolzer Erhabenheit hoch über den Menschen thronend vorgestellt und in Furcht und Angst zu ihm emporgeblickt hätten, und dass erst das Christentum eine väterliche Liebe und Güte Gottes gelehit und so eine Verinnerlichung der Gottesidee herbeigeführt habe. Das Sch'magebet (5 M. Kap, 6) sowie zahlreiche Aussprüche der Propheten und Psalmisten bekunden eine innige Gemeinschaft der Seele mit G ott; der Psalm 103 verherrlicht in einer unvergleichlich schönen Weise die väterliche Liebe Gottes zum Menschen, dem er gcädig und huldreich die Schuld verzeiht. Aber solche Stellen werden von den christlichen Theologen entweder überhaupt nicht beachtjt, oder, wie dies besonders bei Psalm 103 geschieht, ein Stüik des Neuen Testaments im Alten genannt. So zeigt uns der Verfasser, dass auch in der modernen kritischen protestantischen Theologie das Alte Testament nicht unbefangen dargestellt wird, und dass sie nicht eingestehen will, was das Neue Testament von dem Alten genommen habe. Im G genteil; zu Gunsten des Neuen Testaments werden die Lehren d Alten in ihrem Werte geringer .eingeschätzt, als etwas Unvollkommenes hingestellt, das erst im Neuen Testament zur Vollkommenheit gelangt ist. Und dies alles geschieht zu dem Zwecke, um das Judentum als Vorstufe des Christentums hinzustellen. Hier wirft nun der Verfasser folgende Fragen auf: „Ist das Christentum in der Tat über diese Vorstufe hinweggeschritten und hat es sodann aus eigenem höherem Geiste sich das Heiligtum der wahren Religion aufgebaut? Waren die Lehren der israelitisch-jüdischen Religio» nur Vorbereitung i praeparatio evangelica) zur christlichen und wurden durch si s überwunden und bedeutungslos'i* Die Antwort .auf diese Fragen gibt der Verfasser aus den Tatsachen der Geschichte des Christentums und aus dei Darlegungen christlicher Theologen. Mit zwingender Logii weist er nach, dass das Judentum keineswegs überholt worden ist, und dass wir beim Christentum vergebens nach einer reineren Ethik und einer Verinnerlichung der Ideen von Golt suchen. Wohl haben die Vorstellungen von der Gottheit ball nach der Entstehung des Christentums eine extensive Erweiterung erfahren, die zur Trinitätslehre führte. Diese Lehre aber ist nach dem Urteile eines hervorragenden christlichen Gelehrten ein Mittelding zwischen dem Monoteismus des Alten Testaments and dem. Politheismas der Heiden wie dem Pantheismus der Zeitphilosophie. Dagegen hat das Christentum die Lehre von Gott von seiner väterlichen Liebe and Güte dem Alten Testament entnommen, wie es auch im wesentlichen seiner Ethik gefolgt ist. Die Nächstenliebe des Alten Testaments, die das Christentum für sich in Ansprach nehmen möchte, ist keineswegs darch dasselbe erweitert worden, vielmehr erfährt sie bei Paulus und später bei Johannes eine Verengerung. Das Gebot der Feindesliebe und die übrigen Vorschriften und Sprüche Jesu in der Bergpredigt sind nie betätigt worden, weil sie den natürlichen menschlichen Empfindungen widersprechen. Die caritative Tätigkeit an Armen, Kranken and Bedürftigen haben die Christen von den Juden gelernt, die das Wohltun als eine alttestamentarische Forderung der Gerechtigkeit (Zedakah) aasüben, and es nicht wie die Christen als persönliches Verdienst betrachten. Ebenso dürfen die Juden mit edlem Stolze es hervorheben, dass die hohen politischen und sozialen Gedanken der neueren Zeit sowie die Ideen des ewigen, vollkommenen Weltfriedens nur im Alten Testament ihren unvergänglichen religiösen Ausdruck gefunden haben. Wie die Gedanken über Gott, die Vorstellungen vom Menschen und dessen Pflichten, wie sie die Religion Israels aasgesprochen hat, nicht darch die Tochter-Religion übet wunden oder ergänzt worden sind, so ist auch das Buch der Bücher, in dem diese Gedanken sich finden, nicht verdrängt oder überboten worden. Das Alte Testament ist I das Buch der Menschheit geblieben. Es wurde bei den j christlichen Völkern neben dem Neuen Testament ein Bach des Unterrichts and der Erziehung für die Jagend, ein Bach! der Erbauung, der Belehrung and des Trostes für das Haas. Die Erzählungen, Schilderangen, Bilder and Gestalten des Alten Testaments sind Gemeingut der gesitteten Menschheit geworden; die Mahnungen and Forderangen der israelitischen Propheten, ihre Tröstaugen and Verkündigungen haben zahllose Menschen ausserhalb Israels von der Sünde abgehalten, zu Gott zurückgeführt, sie gestärkt und beseligt. Desgleichen leben viele biblische Sinnsprüche als geflügelte Worte im Munde der verschiedensten Menschen, denen sie Führer and Wegweiser sind. Und die Psalmen sind nach dem Aassprache berühmter christlicher Gelehrter für die Welt das Gebetand Gesangbuch schlechtweg. Auf Grand dieser Tatsachen moss jeder Vorurteilslose zugeben, dass die jüdische Religion keineswegs als eine Vorstufe der christlichen betrachtet werden darf, dass vielmehr jene die feste Grandlage bildet, auf der diese sich aufgebaut hat, und zu diesem Bau hat eben die Tochter von der Matter sehr viel entlehnen müssen, das sich im Laufe der Zeit als dauerhafter and stärker erwies als das neu Hinzugekommene. (Bilderdienst, Trinität, u. a. m.) Nach diesen Ausführungen schildert ans der Verfasser das wechselvolle Schicksal der Heiligen Schrift in den verschiedensten Zeiten, * wie sie bald bekämpft, bald verehrt wurde, ihre Behandlang in der alten Kirche, im Zeitalter der Reformation (Luther, Calvin), in der Zeit der wissenschaftlichen Erforschung des Alten Testaments auf den Universitäten, die Abneigung gegen sie in den Tagen