Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1907
- Issue
- Nr. 3 - April
- Date
- 1907-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
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— 28 — Br. Maretzki dankt der Versammlung für die Bewilligung des genannten Beitrages nnd gibt der Hoffnung Ausdruck, dass auch dieser Beschluss zum Ruhme des Ordens und?um Wohle der Menschheit gereichen werde. Br. Kempner bittet, dem D. I. Gr. B. den hier geäusse-ten Wunsch, dass unbemittelte Kinder bei der Aufnahme bevorzugt würden, mitzuteilen. Autoreferat des Br. Dp. Wilhelm Neumann. Der Referent erklärt sich von vornherein als Fürsprecher des vom Deutsch-Israelitischen Gemeindebunde gestellten Antrages, der dahin geht: Die hochwürdige Grossloge wolle sich als gleichberechtigter Partner dieser ihr bereits auf manch anderem Gebiete gesamt jüdischer Bestrebungen verbundenen Körperschaft an der Errichtung einer Erziehungsanstalt für schwachsinnige Minderjährige beteiligen. ' j ' Er erblickt in der Firsorge für S< hwachsinnige den wichtigsten Teil der Fürsorge au Gebrechlichen überhaopt, zu denen'noch die Krüppel, Blinden, Taubstummen und Geisteskranken gel "ieii. Zu allen diesen Kategorien stellen die Schwachsinnigen ihren Beitrag. Aber nicht nur in turnerischer Ausdehnung ist dieses Teilgebiet das grösste^rsondern es steht auch als ein Problem der sozialen Ordnung überhaupt im Zentrum des «tientiichea Interesses. Es beschäftigt nicht nur die öffentliche und private Wohltätigkeitspflege, sondern neben dem Armenprteger den Volkswirt, neben dem P.»ychiater den Pädagogen, neben dem Kriminalisten und Regierungsvertr eter den P>ychu!ogen. Nach den 1'ntti suchungen von Prof. Bonnhöfer in Brefelau befanden sich unter 100 psychiatrisch untersuchten Prostituierten t59 Idiotinnen und Imbecille, 10 Hysterische, 13 Epileplikerinaen. l.'nter 404 von demselben Gelehrten untersuchten Insassen des Arbeitshauses befanden sich: 31 % Schwachsinnige uiter den vor dem 25'. Lebensjahre kriminell Gewor(tenen, 15% Schwachsinnige und 9 % Epileptiker unter den erst später kriminell Gewordenen. Selbst das internationale Verbrechertum, dem vom Laien^ine ganz besonders entwickelte Intelligenz zugeschrieben wird, weist ähnlichen prozentualen Anteil der geistig Minderwertigen auf. Humanität und Sicherung der öffentlichen Wohlfahrt gebieten gemeinsam schon bei der Erziehung den sozial ge> fährlichen FoJgen dieser Defekte vorzubeugen. So haben sich im Juni 10<xi auf dem allgemeinen preussischen Fürsorge- Erziehungstage in Breslau und im Januar ds. Js. auf der ersten Konferenz der Zentralstelle für Jugendfursorge in Btrlin die staatlichen nnd kommunalen Behörden gemeinsam mit Beamten der Fürsorge-Erziehungsanstalten, den Vorsitzei den zahlreicher Jugendschutzvereine, Pädagogen, Aerzten und Juristen aufs eingehendste mit den jugendlichen Schwach sinnigen und den von diesen getrennt zu erziehenden „psychopathischen Konstitutionen" und „intellektuell und moralisch Verkümmerten" beschäftigt. Für die jüdische Gemeinschaft ist die Frage eberiso wichtig, wie für die grosse Allgemeinheit. Wenn unter den den Kolonisten der jüdischen Arbeiterkolonie des D. I. G. B in Weissensee die Schwachsinnigen sich nicht auffallend bemerkbar machen, so beruht das darauf, dass unsere Kolonisten nicht den physischen und geistigen Bodensatz der jüdischen Bevölkerung darstellen, sondern meist aus dem Auslande stammende Opfer der politischen und sozialen Verhältnisse ihrer Heimat sind. Auch hat die Leitung der Kolonie wiederholt der Versuchung widerstunden, gegen Bezahlung vermögende Schwachsinnige aufzunehmen. Anders liegt die Sache bei den Fürsorge-Zöglingen. Unter den durch Richterspruch der vom D. I. G. B. gegründeten Fürtorge-Erziehungsanstalt für Knaben in Bepzin Ueberwiesenen waren in den drei ersten Jahren 25% imbeciller, debiler oder in anderer Üeziehung psychopathischer Jugendlichen. Aehnlich verhält es sich mit den jugendlichen Prostituierten in der gleichfalls vom D. I. G. B. geleiteten Fürsorge - Erziehungsanstalt für israelitische Mädchen in Plötzensee. Referent gibt eine Anzahl von instruktiven Persönlichkeitsbildern solcher Imbecillen und Debilen, von denen einige bereits sich schwer kriminell betätigt haben. Referent beschäftigt sich mit den Gruppen, die für die in Beelitz bei Potsdam zu begründende Anstalt füt hwachsinnige Minderjährige in Betracht kommen. 's**°* Die den Schwachsinnigen nahestehenden J(r.ptiker kämen in Frage, sofern die Anstalteinrichtungen es .estatten, sie setrennt von den übrigen Insassen zur Vermeidung des suggestiv ungünstigen Eindrucks der epileptischen Anfälle zu erziehen. Auszuscbliessen sind vorläufig die au Zahl sehr häutig auftretenden majorennen Imbecillen und Debilen (in christlichen Anstalten befinden sich 80, eine Enquete des D. I. G. B. hat die Personalien von weiteren 111 geliefert, eine sehr unvollständige Zahl, weil die Gross gemeinden dabei nicht berücksichtigt sind}. Wenn' die erwachsenen Schwachsinnigen auch auf der gleichen kindischen Stufe stehen, wie die Minderjährigen, so versprechen sie doch keine erzieherischen Erfolge. Solche Patienten würden der Anstalt den Charakter eines Pflegeheims aufdrücken, eine gleichfalls sehr wichtige Aufgabe, für die ein stark gefühltes Bedürfnis vorhanden ist, für die auch seitens vermögender Angehöriger Mittel zur Verfügung gestellt würden, deren Inangriffnahme im gegenwärtigen Zeit punkt aber eine Zersplitterung der Kräfte bedeuten wurde. Aus demselben Grunde sind auch die in die Pflege der Irrenanstalten gehörenden hilflosen jugendlichen Vollidioten auszuEchliessen. Es bleiben also zwei Gruppen von Minderjährigen übrig. 1. die Imbecillen oder Tölpel, 2. die. Debilen oder Schwachsinnigen, .unter denen nicht etwa Schwachbegabte normale Kinder zu verstehen sind. Von diesen unterscheiden sich die Debilen durch die abweichende Art und Weise, wie sie auf Anregungen von aussen reagieren, durch Reizbarkeit, mangelnde Fähigkeit zur Selbstbeherrschung, veränderte Art und Nachhaltigkeit der Gemütsbewegungen. Die zwischen Vollidioten und Debilen stehenden, vielfach an körperlichen^Gebrechen leidenden Imbecillen sind die get '■, \:?. ,;• ' i. .;i >