Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1907
- Issue
- Nr. 3 - April
- Date
- 1907-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Logen nicht nur die wirtschaftliche, sondern auch die ethische Hebung der russischen Juden in die Hand zu nehmen, und in den letzten Wochen haben wir die ganz besondere Freude gehabt, dass einer der besten Juden Englands, der Neffe des grossen Moses Montefiore, Claude Monte fiore in London Mitglied der hiesigen Montefiore-Loge geworden ist, wenn auch die Voraussetzungen lür Gründung von Logen in England zur Zeit nicht vorhanden sind. In Deutschland aber waren sie vorhanden, denn als im vorigen Jahrhundert den Juden in Deutschland die Menschenrechte eingeräumt wurden, da tauchte neben diesem Glück eine grosse Gefahr für das Judentum auf. In ihrem Uebereifer, es den Mitbürgern der anderen Konfessionen in allem gleich zu machen, in dem Wahne, dadurch die Achtung und das Vertrauen der Anderen zu gewinnen, dass man alles Hemmende und Störende im staatlichen und gesellschaftlichen Leben beseitigte, bemächtigte sich unserer damaligen Glaubensgenossen eine geradezu leichtsinnige Preisgebung und Verspottung alles dessen, was uns an das Judentum und an die väterliche Religion erinnerte. Das Irrlicht einer missversiandenen Emanzipation hatte manche Israeliten vom Judentum abgelockt. Die deutschen Juden kannten keine Einigkeit, kannten keinen Zusammenschluss, empfanden nicht das Bedürfnis der Zusammengehörigkeit. Was mit den Juden in Rumänien, Galizien und in Russland vorging, Hess die Juden in Deutschland kalt. Sie legten die Zeitungsnotizen darüber gleichgültig beiseite. Es ging sie ja nicht unmittelbar an, wozu sich also vom Vergnügen und Geschäft stören lassen. i In dieser Zeit wurde der Logengedanke in Deutschland lebendig. Der Logengedanke, der nichts weiter ist als der Gedanke der Erhebung und Neubelebung des jüdisch' Gemeinschaftsbewusstseins bei rückhaltlosem Anschluss Vaterland und Menschheit. Da gründeten einfache aber einsichtsvolle Männer, denen heut Dank abzustatten unser! heilige Verpflichtung ist, unseren Orden in Deutschland, d unsere Glaubensbrüder zu einem festen, kraftvollen Bund' vereinigte." Nicht absondern — so war der weitere Gedankengang der Rede — wolle der Orden seine Mitglieder von den Andersgläubigen, im Gegenteil, er lehre, dass die Juden als „treue Söhne des Vaterlandes" in edlem Wetteifer mit ihren Mitbürgern zusammenarbeiten sollten zur Förderung alles Guten, Schönen und Nützlichen, zur Erreichnng der höchsten Ideale der Menschheit. Nur in einer Richtung müssten sie ihren eigenen Weg gehen, den Weg, den ihnen die Religion vorschreibt. Darum schärfe der Orden jedem Mitgliede die Mahnung ein: „Bleib Jude!" Bleibe Jude mit bescheidener Zurückhaltung, aber doch mit stolzem Selbstbe wusstsein; gedenke dessen, was deine angestammte Religion der Menschheit gebracht hat, und verlasse nicht treulos das Erbe deiner Väter um äusserer Vorteile willen. Hierauf sprach der Redner von den Leistungen des Ordens nach aussen und von seiner Tätigkeit nach innen, die Gesichtspunkte betonend, die uns bei unseren Schöpfungen und Aktionen leiten. Nach dem Grundgesetze des Ordens seien alle Fragen über Religion ausgeschlossen, denn der Orden wolle nicht einer Richtung im Judentum dienen, sondern alle Glaubensgenossen mit gleicher Liebe umfassen. Dagegen betone er allezeit die religiöse Gesinnung, und bemühe sich dieselbe bei seinen Mitgliedern zu stärken. Deshalb leiste der Orden Beiträge zur Hebung des jüdischen Religionsunterrichtes, unterstützte freudig alle Institutionen, welche sich die Pflege jüdischen Lebens, jüdischer Geschichte und Wissenschaft zur Aufgabe gestellt hatten. Besonders Gewicht lege der Orden auf die Erziehung der Jugend. Um die Jugend dem Judentum zu erhalten und durch sie das Judentum selbst habe der Orden Jugendvereine gegründet, eine Jugendschriftenkommission zur Schaffung einer vom jüdischen Geiste durchwehten Jugendliteratur eingesetzt und in letzter Zeit mit der Abhaltung von Vorträgen für die Jugend aus der jüdischen Geschichte und Literatur begonnen. Aber nicht nur die' geistige, sondern auch die körperliche Erstarkung und Entwicklung des heranwachsenden Geschlechtes liege dem Orden am Herzeh: dies beweisen die Ferienkolonien, die verschiedenen Kinderhospize, Kinderhorte, Kindergärten und Kinderheilstätten, die wir alljährlich mit ansehnlichen Summen unterstützten. Engherzige und lieblose Gesetze, so fuhr der Redner fort, haben unsere Väter von der Beschäftigung mit der Landwirtschaft und dem Handwerk ausgeschlossen und sie einzig und allein auf das Gebiet des Handels gedrängt. Wir suchen unsere Glaubensgenossen über alle Berufe zu verbreiten, um auch dem ungerechten Vorwurf zu begegnen, als scheueten die Juden die körperliche Arbeit. Deshalb haben witHunderttausende ausgegeben für Arbeitsnachweise. Arbeilssfitten, für die. Zurückführung der Juden zur Bodenkultur und zum Handwerk, ' für die Ausbildung junger Mädchen zu Krankenpflegerinnen, - zu Stützen im Haushalt und dergleichen mehr. Wie die Fragen über Religion-,' so sind nach dem Grundgesetz des Ordens auch Erörterungen über Politik ausgeschlossen, damit jeder einzelne unserer Brüder seinen Weg selbständig und nach bester Ueberzeugung wähle. Dieses Grundgesetz hindert uns aber nicht die Liebe zum Vaterlande zu betonen und zu betätigen. Die erste Loge auf deutschem Boden erhielt den Namen „Deutsche Reichs-Loge" und damit war die Richtschnur für unseren Distrikt gegeben, nämlich vaterländische Gesinnung zu pflegen und in Treue zu Kaiser und Reich zu stehen. Redner schilderte dann die Leistungen des Ordens auf dem Gebiete der Wohltätigkeit und der Bruderliebe; dieselben hätten sich keineswegs nur auf Mitglieder oder Glaubensgenossen erstreckt, sondern auf alle Hilfsbedürftigen ohne Rücksicht auf Bekenntnis und Abstammung. Freilich lasse der Orden seine Unterstützungen am ehesten den Glaubensgenossen zukommen, weil sie am bedauernswertesten und am meisten auf die Hilfe der Juden angewiesen seien. ..Der arme russische Jude ist doppelt unglücklich: er ist arm und er ist Jude". Redner gedachte sodann der Hilfswerke für Rumänien und Galizien, ferner der grossen Hilfsaktionen für die „Opfer der Verfolgung" in Rüssland, bei denen der Orden in treuer Zusammenarbeit mit den Wohltätigkeitsorganisationen,