Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1907
- Issue
- Nr. 3 - April
- Date
- 1907-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 20 — seiner Begeisterung für die heilige Sache unseres Ordens. Lassen Sie mich nicht noch einmal alles das wiederholen, was von Koi porationen,jVereinen und Freunden in so b< redten Worten an seiner Bahre verkündet wurde; das ist uns allen in frischer ^Erinnerung, und wir werden diese erhebende Feier so bald nicht vergessen. Nicht das Einzelne lasst uns sehen, die ganze Persönlichkeit lasset vor unser Auge heute treten, aschen Erst damit sich erfülle das Wort des Talmud: „Die edlen Mo werden Lebende genannt auch nach ihrem Hinscheiden.- mit dem Abschluss des irdischen Lebens zeigt sich, ob ein Mensch wahrhaft gelebt hat. So trete denn Dein Bild mit Deinem herzgewinnenden, schlichten, milden Wesen vor unsere Seele, in' dem sich verkörperte das Wort des Propheten; „Nicht rühme sich der Weise seicer Weisheit, nicht der Held seiner Stäike, nicht der, der irdisches Gut besitzt, seiner Habe; sondern dessen rühme sich, wer sieb rühmen will, mich zu erkennen und mich zu vergehen, der ich liebe Gerechi igkeit und Barmherzigkeit zu üben, denn nur au diesen habe ich Wohlgefallen, spricht der Herr." Meine Verehrten! Gibt es ein Wort, das treffendsr bezeichne» konnte die hehre Aufgabe, die unser Orden ai uns, an jedem einzelnen von uns erfüllen will. Sagt uns das nicht: Stelle Deine Kralt. Dein Wissen und Dein Können in den Dienst der Gesamtheit, und nur, wenn Du sie enthaltest zum Wohle anderer, wirst Du ihrer froh. Vergiss niett der Grenzen Deiner Kralt, wisse, dass alles ein Ende hat,| vermeine nicht, mit Deinem schwachen Meuschengeist die Rätsel des Daseins zu lösen, suche Gott überall, aber vergiss das Eine nicht, damit Da nicht übermütig werdest,' damit Du Dich nicht überschätzest. Suche Gott, der die Liebe fet, in der Liebe, in der Arbeit für das Wohl Deiner Mitmenschen. — Das war die Ansicht von Heinrich Wisloch. Reich waren die Gaben, mit denen die Vorsehung ihn ausgestattet hatte. Heinrich 1 Wisloch hatte einen scharfen Verstand zu eigen, den er in unablässiger Arbeit fördirte. Et erheute ii an den Schöpfungen der Kunst und Literatur, vor seinem 4, istigen Auge zog vorüber die bunte Mannigfaltigkeit des Lebens in seinen wechselnden Gestalten, das Leben der Zeiten und der Völker. So efschloss sich seinem feiten Sinu die Schönheit der äusseren und der inneren Welt, deren nur der froh wird, der sie in einsamer Stille s eht. •Aber er rühmte sich dessen nicht. Heinrich Wisloch hatte Mut uud Ausdauer und eine zähe, alle Schwierigkeiten iberwindende Willenskraft. Er prangte damit nicht. Aber als die Stunde der Gefahr kam und des Vaterlandes Ruhm und Giösse auf d» in Spiele stand, da trat der Achtzehnjährig»» als Freiwilliger in den Heeresdienst, und es. war ihm vergönnt, unter den Siegern heinizukehren in die Vaterstadt. Mit emsigem Fleiss förderte er die Arbeit seines Berufes, und Gott hat das Mühen seiner Hände gesegnet. Aber das Ziel des Lebens dünkte ihm höher als nur ein Ansammeln von Geld und Gut. In der Arbeit seines Berufes, in Handel und Wandel erkannte er den Zusammenhang des Einzelnen mit dem Ganzen, in seinem Bddungsstreben, im Dienste des Vaterlandes sah er, dass der Einzelne niemals ein Ganzes Ist, dass er immer zum Ganzen streben muss, und so lernte er, als dienendes Glied für die Gesamtheit zu wirken. Manche stille Träne hat er getrocknet, manches Verlassenen, manches Armen hat er sich angenommen. In diesem und jenem Verein war er bereits tätig, als er in die Frankfurt-Loge eintrat: Hier erst fand er, was er suchte, in dem Bunde, der die heiligsten Interessen der Menschheit fördern will, der Israeliten vereinigt zur Hebung aller idealen Bestrebungen, in dem Orden, der Bruderliebe, Eintracht und Wohltätigkeit als die Grundrichtungen seiner Tätigkeit entfaltet. Hier hatte er das Wiikungsfeld, das er erstrebte. Mancher tritt da und doit ein für die Unterdrückten, aber sein inneres Wesen bleibt unverändert, — gibt da und dort eine Gabe, aber oft bedeutet das nur ein Loskaufen von der inneren Teilnahme; im Gruude des Herzens bleibt seine Seele unberührt von den Leiden ■ der Menschheit. Heinrich Wisloch aber trat ein mit allem, was er war, mit seiner ganzen Persönlichkeit^ und die freie Zeit, die ihm seine unabhängige Stellung Hess, das Ansehen, das er sich erworben hatte, seiue grosse Begabung, — alle stellte er in den Dienst dieser idealen Sache. So wurde er immer mehr ein echter Ben Bris?, eiu Sohn unseres Bundes. ,Mochte seine Tätigkeit der engereu Loge gelten oder mochte er anderwärts Werke der Liebe üben, immer war alles getragen von einem Geiste, von dem Geiste der Bruderliebe, der Menschlichkeit. Soll ich im einzelnen schildern, wie er sich die Liebe der Brüder im Fluge erwarb, wie er allen teuer wurdet Wie er als protokollierender Sekretär mit seltenem Geschick, als Präsident in Ernst und Würde mit Gewissenhaftigkeit seines Amtes waltete, wie er mit seinem Bruder Hand in Hand arbeitete für die Interessen des Bundes, wie einer da den anderen ergänzte, wie er einer der eifrigsten war von denen, die erfolgreich eingetreten sind für die Schaffang dieses herrlichen Logenheims, mit dem sein Name unvergesslich lür alle Zeiten verbunden bleibt? Und Heinrich Wisloch wuchs immer mehr mit .den grossen Aufgaben, denen er sich widmete, immer giösser und reicher wurde seine Seele, fand er fand immer eiu weiteres Wirkungsfeld, mochte er draussen im politischen Leben eintreten für Freiheit und Menschenwürde, 'als stellvertretender Vorsitzender der Maklerkammer die Iuter- * * I ' L essen seiner Berutsgenossen vertreten, in der Stadtverwaltung als Stadtverordneter tätig sein, immer übte er Werke der Liebe, immer trat er ein für die Schwachen, für die Unterdrückten, und immer hatte man Vertrauen zu seinem ruhigen sachlichen Urteil, zu der Vornehmheit, zu der Makellosigkeit seines Wesens, zu der Biederkeit seines Charakters, zu seiner strengen Gerechtigkeitsliebe. - Soll ich Ihnen schildern, was er geleistet hat in Vereinen, im Ausschuss der israelitischen Gemeinde, als Mitglied von so viel einzelnen Vereinigungen? Soll ich Linen sagen, wie er vor allem den Verein gehoben hat, der bestrebt ist, arme Schulkinder zu kleiden, sie vor Spott und Beschämuug zu schützen, ihnen das Getühl ihrer Menschenwürde zu erhalten. Immer blieb er derselbe. Aber je giösser die Anerkennung war, die ihm gezollt wurde, umsomehr fohlte er sich angeeifert zu neuer Tätigkeit im Dienste der Mitmenschen. Sie' machte ihn nur reicher, ohne ihm etwas zu nehmen von der Schlichtheit, von der Bescheidenheit seiues Wesens, die ihm immer zu eigen blieb.