Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1907
- Issue
- Nr. 2 - März
- Date
- 1907-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 10 - Sympathie uad Sorge für die Jaden, welche deu Wunsch eingibt, sie möchten als Juden verschwinden. Bei allen unseren Veranstaltungen müssen wir daher mit diesem Gedanken, der jetzt herrschend ist, rechnen. Es - darf uns daher nicht genügen, aus denjenigen Gesichtspunkten allein die Wohltätigkeit zu pflegen, welche von den Prinzipien der sozialen Reform im allgemeinen aufgestellt werden, sondern wir müssen aus diesem besonderen Gesichtspunkte alle unsere Einrichtungen dirigieren, aus dem Gesichtspunkte der Verteidigung gegen den im Grunde allseitig gegen uns gerichteten Vernichtungski ieg. Daher haben wir — es wird mir schwer, dies auszusprechen; aber rückhaltlose Klarheit ist unerlässlich — auf ein echtes, auf die Ursachen bezogenes Mitgefühl für unsere Verfolgungen nicht zu rechnen. Werden in Russland ia der erschütterndsten Weise Tausende von Juden hingemordet, fo sollen es nicht Juden sein, auf die (las Mitleid mit seinen geistigen Begleiterscheinungen zu lenken wäre. Daher müssen sogleich die etlichen Datschen mitgenannt werden, deren Verfolgung einem gatiz anderen geschichtlichen Motive zufällt. Werden Juden in ihrer staatlichen Gleichberechtigung hinter - gangen, so wird auf andere Volksklassen hingewiesen, deren Bedrückung-jedoch in ein ganz anderes sozialpolitisches Kapitel gehört. So werden die Motive untermischt, damit nur ja das spezifische Judenmotiv beiseite geschoben werde. So kann auch rein menschlich ein lebendiges herzliches Mitgefühl nicht entstehen, oder wenn es den ungeheuei liebsten Greuelu gegenüber durchbrechen muss, sich nicht wirksam duichsetzen. Der geschichtliche Fortbestand einer religiösen Gemein sebaft, wie der unsrigen, ist nun im letzten Grunde auf die g.eistige und sittliche Kraft basiert, der er rein bisheriges Dasein verdankt. Da aber unser Fortbestand gegen den Plan einer Vernichtung sich zu wehren hat, so müssen sehr gründliche Mittel ins Weik gesetzt werden, um ihn zu sichern. Seit laBgen Jahren habe ich daher zwei Gedanken im Sinne getragen, die im Prinzip zusammeugehörep, von deren einem es mir jedoch beschieden gewesen ist, unter gleichgesinnter Mitwirkung ein Probebeispiel zu verwirklichen. Als die antisemitische Bewegung"Marburg den traurigen Ruhm brachte, das erste Mitglied des Reichstages von dieser Partei zu entsenden, da mussten wir dem Gedanken nälitr treten, wie eine gründliche AbhHte hier zu schaffen sein möchte. Wir sahen nun. dass es den Glaubensgenossen auf dem flachen Lande schwer und unmöglich.wurde, ihre Kinder zu einem besseren Schulunterrichte, als er auf dem Lande möglich ist, nach Marburg in Pension zu geben: und so - konnten wir hier einsetzen. Ohne bessern Schulunterricht - * müsste unsere Jugend unrettbar der Agitation, von der wir wohl wussten, dass sie nicht alsbald aufhören würde, zum Opfer fallen. So konnten wir aus der Xot eine'Tugend machen. In grösserem Umfange, als es sonst nur Einzelneu möglich war. liess sich vielleicht die Verbesserung der Bildung bei dieser Volksschicht herbeiführen, wenn es gelingen könnte, ein, Pensionshaus zu gründen, in welches die unbemittelteren Eltern ihre Kinder geben könnten. Am lö. April 1901 hatten wir die grosse Genugtuung. •■ ' I ' *• V . ~ ' " - i " ■ V ein solches Heim zu gründen. Der Gedanke, den ich hier ausgeführt habe, war zu neu, als dass wir ihm schnelle Werbekraft zutraüen durften. Wir verbanden ihn daher mit einem beliebten und an sich durchaus berechtigten und wünschenswerten, jedoch einem eDgeren Zwecke entsprechenden, nämlich mit dem der Heranziehung zum Handwerk. So ist unser „Israelitisches Schüler--und Lehrling s h e i m" in Marburg entstanden. Der Erfolg in diesen sechs Jahren hat unsere Ei Wartungen weit übertroffen> Obwohl wir viele Anmeldungen nicht annehmen konnten, wurde doch die Anzahl der Meldungen so gross, dass wir schon nach zwei Jahren uns entschliessen mussten, e^in neues Haus anzukaufen, welches aus denselben Grundsätzen geleitet wird. Zwei Grundsätze nämlich müssen sich hier zur Einheit' verbinden, wenn jenem aüf unsere Vernichtung abzielenden Plane entgegengearbeitet werden solp. Unser Fortbestand beruht auf der geistigen und der sittlichen Kraft unseres Stammes. Seide aber haben ihre Wurzel in unserer Religion. Und ■ wenngleich die moderne Kultur unser geistiges Wesen be- I fruchten muss, so wurzelt unsere sittliche Kraft vorzugsweise in unserer religiösen Gesittung und Bildung. Ohne religiöse Bildung, ohne ein lebendiges Wissen von unseren Ideen, von unserer Literatur und Geschichte bleibt die religiöse Gesittung ohne Halt und Inhalt. Ohne den Stoff von Kenntnissen kann sich kein Zusammenhang von Gefühlen halten. Man bedenke, wie die gesamte geistige Bildung sich zu den Grandlagen unseres religiösen Wesens in Gegensatz stellt. Schon die Notwehr macht es erforderlich, dass wir djer allgemeinen Bildung gegenüber die spezifische nicht vernachlässigen. Aber die Sache selbst macht ein gewisses Mass von religiösem Wissen zur umgänglichen Vorbedingung der religiösen Ge- sinnung. Ich muss wissen, welchen sittlichen Gehalt die Gedanken meiner Religioa in sich tragen, wenn ich Gefühl ünd Begeisterung für sie erlangen und behaupten soll. Nun erleben wir es, wie leider die oberen Schichten der Gesellschaft unaufhaltsam sich den Mächten der Verführung preisgeben. Das scheint nun einmal der Gang der sozialen Geschichte so mit sich zu bringen; ein Aufstieg aus den niederen Schichten zu den immer höheren; damit alsbald j meistens Verfall in die höheren Laster — und Degeneration. Ueberall müssen es immer die niederen Stände sein, aus denen, das geschichtliche Leben sich verjüngt, nnd die sittliche und geistige Kraft sich neu belebt. Daher haben unsere ' Alten schon gemahnt: „Seid sorgsam mit den Kindern der Armen, denn von ihnen geht die Thora ausj" Jemehr der : Abfall in den höheren Ständen uns schmerzliche Verluste bringt, desto eifriger und tiefer müssen wir darauf bedacht sein, die unteren Schichten uns zu sichern; {und zwar nicht allein für die geistige, sondern auch für die religiöse Bildung. Der zweite Gesichtspunkt, aus dem die Begründung unseres Heims in Marburg «folgt ist, war demgemäss def der Gewinnung eines Stamm? -von Kindern, welche einen tüchtigen Schatz von religiösen Gedanken in ihr Wissen aufnehmen, so dass sie durch dieses Wissen gegen die Verführungen der Zeit geschützt werden. Das Wissen bleibt der sicheiste Mutterboden für W: :'■:"