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Bericht der Großloge für Deutschland · 1907-03-01 · Nr. 2 - März · p. [Seite]

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Journal
Bericht der Großloge für Deutschland
Volume
1907
Issue
Nr. 2 - März
Date
1907-03-01
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Stiftern unseres Ordens. Welch ein Weg, welch eine Geschichte, welch eine erhabene Mission! Ja, aus dem Judentum ist unsere ganze humane Weltanschauung hervorgegangen, durch das Judentum ist die Geschichte der Menschheit eine heilige Geschichte geworden, ich meine, ern einheitlicher organischer Entwicklungsprozess, der mit der Familie beginnend nicht eher seine Vollendung erreicht haben wird, bis die ganze Menschheit eine Familie sein wird, deren Kinder solidarisch durch den heiligen Geist, den schöpferischen Genius der Geschichte, verbunden sind. So verkündet ein moderner Prophet des Judentums und er hat Recht. Das jüdische Volk hat den Gedarken der Humanität zu einer Reife entwickelt, welcher die schönsten Blüten gezeitigt und die edelsten Früchte getragen hat. In wenigen Wochen feiern wir wie vor Jahrtausenden unser altes Passahfest. Wie beginnt dasselbe? Mit folgendem Satz der Hagada: „Das ist das Brot des Elends, das unsere Väter im Lande Aegypten gegessen haben. Jeder Arme komme und esse mjt, jeder Bedürftige komme und feiere unser Passahfest mit!"' Und wie schliesst das Fest der Freiheil? Mit der grossen Rede des grössten aller Propheten über die Zukunft der Menschheit (Jesaia, Kap. 11.), die jedes J ihr zu Beginn des Frühlings die Hoffnungen in unseren Herzen neu belebt, dass trotz aller Wolken und Nebel doch sicher einmal die Zeit anbrechen wird, in welcher man nicht nach dem flüchtigen Augenblick urteilen wird und nicht nach dem blossen Hörensagen entscheiden, wo man auch den Niedrigsten mit dem Richtmass der Gerechtigkeit messen, wo an dem Gürtel der Mächtigen nicht das blutige Schwert, sondern der Stab der Gerechtigkeit hängen und durch die bewohnte Erde ein Meer der Gotteserkenntnis rauschen wird, die Länder erfrischend und befruchtend mit Liebe und Gerechtigkeit, mit Freiheit und Frieden. Diese Gedanken müssen wir in unserem Orden beständig propagieren. Es mag ketzerisch klingen, aber ich meine, dass sie unendlich wichtiger sind als alle Kinderheime und Krankenasyle und Hospitäler, deren Bedeutung ja nicht im entferntesten abgeschwächt werden soll, die aber doch nur kleine Etappen sind auf dem Wege der Humanität, den wir zurückzulegen haben. Wenn unser Orden, wie er dies ja mit Erfolg bereits getan hat, sich auch ferner zum Träger dieser Ideen machen, wenn aus ihm die Erkenntnis hervorgehen wird, dass Israel eine Mission habe, dass wir kaum angefangen haben, diese Mission auszuführen, geschweige denn, dass diese bereits erfüllt sei. wenn von uns aus in alle Familien, in alle Vereine, in alle Gemeinden der Diaspora diese Gedanken sich verbreiten: Das Judentum ist die Religion der Liebe, das Judentum ist die Religion der Humanität und demgemäss: das Judentum ist die Religion der Zukunft, denn diese Religion, die Religion aller Religionen, kann sich nur auf den Ideen unserer Propheten von Humanität, Freiheit und Liebe aufbauen,— dann wird man nach abermals fünfundzwanzig Jahren vielleicht sagen dürfen: Die Zukunft unseres Ordens ist auch die Zukunft des Judentums. Gustav Karpeles (Berlin). ' Zwei Vorschläge ztir Sicherung unseres Fortbestands. Mit der Aufforderung beehrt,/zur Jubiläumsnummer upseres. Ordens einen Beitrag zu liefern, ia dem ich mich über die Organisation unserer Wobltätigkeitspläne äussern soll, gereicht es mir zu grosser Freude, auf zwei Gesichtspunkte die Aufmerksamkeit unserer Brüder hinzulenken, von denen aus ich seit langen Jahren unsere Notlage beobachtet habe. Zur Kennzeichnung dieser Gesichtspunkte sei es mir gestattet, mit einer allgemeineren Betrachtung zu beginnen, welche die Charakteristik unserer geschichtlichen Verfolgungen betrifft. Auch diese haben ihre Geschichte und wo Geschichte ist, da bleibt es nicht beim Stillstand, noch beim Einerlei, sondern überall Ist da Entwicklung. Auch unsere Lage ist im Uitett unserer Verfolger eine andere geworden. Im Mittelalter uud bis in die Neuzeit hinein ist-der Gedanke nicht aulgekommen, da«s die Wirkung der Verfolgungen unsere Ausrottung sein könnte oder sein sollte. Schon die theologische Ansicht, dass wir bis zur Wiederkunft. Christi erhalten bleiben müssten, wirkte dagegen. Aber man mutete auch bis dahin aller politischen- Tätigkeit eine solche umgestaltende geschichtliche Kraft nicht zu! Darin »hat sich in der neuern Zeit ein Fortschritt vollzogen, im. Guten, und auch im Schlimmen. Durch die lebendigere Regsamkeit der politischen i Tätigkeit und durch die persönliche Betätigung aller Indivi- I dnen an diesen geschichtlichen Bewegungen hat sich die j Meinung gebildet und verbreitet, dass die Geschichte gar j nicht so beharrend in ihren Grundlägen sei, wie es den An- I schein habe, sondern dass man sie umzustürzen und umzfigej stalten boff-m könne. Da nun aber die geschichtliche Einsicht j keineswegs in ihrem Wachstum Schritt hält mit der leiden- | schaftlichen Hast und der gewalttätigen Einseitigkeit der I politischen Bestrebungen, sö schwankt das Urteil über die wahrhaften Grundlagen der allgemeinen geistigen und sitt- ■ liehen Kultur von einer Unklarheit in die andere. Und da '. man von eiuem besonneren Urteil also nicht geleitet und bestimmt wird, so gibt man sich der" Illusion hin, dass es ge- | 1 in geh müsse, dasjenige zu vernichten,. was mau aus dem Gesichtspunkt der eigenen Partei, Konfession und Nationalität! für schädlich oder hinderlich halt — wenn man diese Ver-! ni Ii tun g nur ernsthalt und rücksichtslos sich vorsetzt und durchzuführen den Mut hat. Das Neue in unserer jetzigen Notlage besteht darin, dass unsere Gegner in der Tat, so unglaublich es scheint, : mit .unserer in absehbarer Zeit .zu bewirkenden Vernichtung rechnen. I nd es sind keineswegs die ausgesprochenen Antij semiten alleio, welche diese hirnverbrannte Ausicht hegen, j sondern* es muss ausgesprochen-werden: in weitesten Kreisen! der liberalen deutschen Bevölkerung und bei vielen, die wir für unsere persönlichen Freunde halten, ist jetzt diese Ansicht voi banden. Sie gilt nicht als Unbescheideuheit und auch nicht i als Widerspruch zur Humanität, sondern mau entschuldigt und beschönigt sie mit der scheinbaren Humanität,, dass auf diese Weise endlich" dieses unaufhörliche Unglück für „unsere armen Juden" beseitigt würde. Es sei ja nur

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