Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1907
- Issue
- Nr. 2 - März
- Date
- 1907-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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diskutieren und verhandeln. Gar zu leicht kommt man in i die Lage, sich mit der Sache so zo. identifizieren, dass man durch die kritische Beurteilung von Massnahmen und Pro- | blemen sich in der eigenen Person getroffen fohlt. Empfindsamkeit und Verstimmung fioden dann bald Eiulass in das : Gemüt der beteiligten Brüder, trüben den Blick und färben das Urteil, wecken Misstrauen und Argwohn. ..Nicht Wurzeln schlägt das Wort, das kaum der Lippe oder der Feder ent- Jl flohen, sondern vom Ohr des Argwohnes aufgefangen, kriecht es wie Schlingkraut, endlos treibend, fort." Davon müsste |! sich Jeder frei halten. Wer eine höbe Idee vertritt, soll jl gross denken, soll sich über den Streit der Meinungen erheben, soll nicht die I lee mit der Person gleichstellen, soll! nicht ins Persönliche umsetzen, was der Idee gilt. — Man! fürchte sich nicht vor dem- Kampfe, er wirkt anregend und ■ belebend, das lehrt die Geschichte aller Zeiten, sonst kommt mau in den Zustand de? Qaietismus, der Erschlaffung. In gleicher Weise wird auf anderem Felde ein beständiger Kampf geführt und ausgefochten, ebenso notwendig und dem Fortschritt dienlich, der Kampf der Alten und der j Jungen. Unaufhaltsam diängt die Jugend nach oben. Soll man ihr wehren? Sollen wir Alten, fassend auf langjähriger; Erfahrung und L'ebnng, die aufstrebende Jugend von der i Leitung uud Führung fernhalten? Das wäre ein verhängnisvoller In tum. Das liegt ja gerade in dem Wesen unseres I Ordens, die Brüder zum Höheren, Grüneren zu erziehen, | heranzubilden. Die jungen Stüimer und Dränger bringen frisches Leben, grössere Lebhaftigkeit, machen das Ordensleben schneller pulsieren. Es ist von dem Eindringen der j Jugend in die führenden Stellen nichts- Schädigendes zu be-! sorgen. Die Wogen ihrer raschen Auffassung, temperamentvollen Gebahrens, schneller Entschlussbereitschaft brechen sich an der Ruhe und Gemessenheit der Aelteren, die leicht || erregbaren Wellen der Jugend glätten sich durch das Oel gereifter Denkart der Alten, die Bedächtigkeit des Alters erhält mehr Wind in den Segeln durch die Begeisterung der Jugend. Ein alter Kapitän von reicher Erfahrung, ruhiger Besonnenheit und ein junger Steuermann von frischer Kraft und frohem Mut sichern dem Schiffe eine ruhige, glatte Fahrt. Darum rauss es unser unausgesetztes Bemühen sein, die Jugend zu unserem Orden in stärkerem Masse hinüberzuleiten, seiner Mission dienstbar zu machen. Der Fortbestand unseres Ordens, die zukünftige Gestaltung zum Fortschritt und Gedeihen erheischt es mit aller Macht. Der Jugend im Orden gehört die Zukunft, ihr muss mehr Spielraum zar Betätigung gewährt werden. Dr. Maretzki. Zukunftsideen. In der Harmonie der Töne, die zum Jubelfest unseres Ordens erklingen werden, dürfen wir einen nicht nur nicht überhören, sondern vir müssen ihn nach meiner Ueberzeugung voller anschlagen lassen als alle anderen. Das ist die Betonung der geistigen Aufgaben unseres geliebten Ordens. Gewiss, unser Orden ist ein Bund der Humanität, aber der würde die Humanität schlecht auffassen, der in ihr nicht auch die höchste Vollendung des geistigen Lebens sähe. Wie mir scheinen will, ist dieser Gedanke in den letzten fünfundzwanzig Jahren wohl sehr oft, aber noch immer nicht oft genug betont worden. Bei jeder Zusammenkunft, in jeder Sitzung, bei jedem Feste, bei jedem Mahle, ja sogar , bei jedem Begräbnis und in jeder Trauerloge müsste der führende geistige Gedanke des Judentums zugleich auch als der des Ordens hervorgehoben werden, so dass er allmählich in Fleisch und Blut aller Brüder und Schwestern und s * ihrer Kinder und Enkel überginge. Es muss von ihm heissen wie von dem Schema der Alten: „Du sollst ihn einschärfen deinen Kindern; sprich von ihm, wenn du in deinem Hause sitzest und wenn du auf dem Wege wandelst: wenn du dich legen willst und wenn du aufsiehst, schreibe ihn an die Pfosten deines Hauses und an deine Tür." Gerade in einer Zeit, in der man von allen Seiten sich bemüht, dem Judentum nicht nur die Priorität dei grossen Humanitätsgedar.ken und ethischen Ideen abzusprechen, sondern seine Bedeutung zur Zeil der Entstehung der Tochterreligion so tief wie möglich herabzudrücken, gerade in dieser traurigen Zeit, in der' die evangelischen Theologen an der jüdischen Religion dasselbe tun wie die Antisemiten an den Juden, muss es in unseren Kreisen mit allem Eifer, mit aller Entschiedenheit, mit allem Nachdruck so oft und so eindringlich wie möglich betont werden, dass das Judentum zuerst die grossen'weltbefreienden Gedar.ken des Monotheismus, der Gleichheit aller Menschen auf dem Erdenrund, der Sabbatruhe, der Nächstenliebe, der sozialen Fürsorge in die Welt gesetzt und Jahrtausende lang allein auf sein Banner erhoben hat. Zu einer Zeit, wo die Griechen und Römer jeden Fremden Barbaren nannten, lehrte das Judentum seine Anhänger: „Liebet den Fremdling, denn Fremdlinge wäret ihr im Lande Aegypten." In einer Periode, wo rings umher der wildeste Fremdenhass tobte, verkündeten die israelitischen Propheten: „Liebe verlange ich, nicht Opfer!" Und ein anderes Mal: ..Es ist dir gesagt worden, o Mensch, was der Herr von dir fordert, nichts als Recht ausüben, Liebe zur Menschheit und bescheidenen Wandel mit deinem Gotle! ' Und im Angesicht des brennenden Tempels und der Zerstörung Jerusalems verkündet einer der grössten Rabbinen: ,.Die Sühnopfer der Nationen sind ihre Liebesmahle." Und im Mittelalter lehrten unsere bleichen Märtyrer noch auf dem Scheiterhaufen: „Ihr Kinder Israels seid barmherzig, schamhaft, edel und treu!' Welch ein Weg der Humanität, welch eine Mission, welch eine Geschichte, auf die wir immer mit Bewunderung zurückblicken und mit einem wahren Hochgefühl die Unsrigen' verweisen müssen! Von Abraham, der die Götzen des Vaters zerschlägt und die erste Offenbarung der Familienreligion erlebt bis zu Mose, der die erste soziale Gesetzgebung verkündet, bis zu den Propheten, die sich zu einer weltgeschichtlichen Höhe des Universalismus erheben, bis zu den freisinnigen Rabbinen und todesmutigen Märtyrern des Mittelalters, bis zu unseren Vätern und Müttern, bis zu den '