Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1907
- Issue
- Nr. 1 - Februar
- Date
- 1907-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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2 — für ein erschöpfendes Referat zu reich an charakteristischen Gestalten, zu verwickelt in seiner weitverzweigten Handlang nnd za intim in seiner persönlichen dichterischen Art ist. Mag man über Einzelheiten rechten, insbesondere daranf verweisen, dass manche Gestalten vom dramatischen Standpunkte ans zn verschleiert, za zart getönt gehalten sind, dass der über jeden konfessionellen Gesichtspunkt emporgewachsene Held schliesslich doch am äusserer Vorteile Willen den Glauben wechselt, die Handlang ist folgerichtig and straff geführt, das historische, mittelalterliche Kolorit ebenso einheitlich wie trefflich festgehalten. Dabei tritt nirgendwo eine Tendenz störend zutage, die sichere Kunst des Dichters schafft ein objektives Zeit- und Kulturgemälde von spannendem Reize, das mit seinen düsteren, dunklen Fasben überaus malerisch wirkt und bei der Aufführung, wie es besonders in der trefflichen Darstellung des Kölner Stadttheaters zutage trat, eine Reihe fesselnder Bühnenbilder auslöst. Licht und Schatten sind von dem Dichter gerecht verteilt worden. Der Fanatismus, die naive Leichtgläubigkeit, der Aberglaube, welche die grosse Masse der christlichen Deutschen im Mittelalter beherrschten, die Opferwilligkeit, die Hingabe an den Glauben, die unsichere Lage, die unauflösliche Gemeinschaft, wekhe durch das gemeinsame Leid und die fortgesetzten Verfolgungen die Jaden im Mittelalter zusammenschmiedete und einen Abfall um so schmerzlicher and tiefer empfinden Hess, treten klar hinter den Geschehnissen and Gestalten hervor. Eine suggestive bannende, einheitliche Stimmung geht von dem Drama aus, das eigentümliche Helldunkel, welches wähnend der ganzen Handlang über Ort und Personen lagert und in welchem sich die Vorgänge abspielen, schaffe einen seltsamen, kraftvollen, malerischen Hintergrund. Es ist eine Tragödie im echten Sinne und in der Auffassung, wie sie der grosse Dramatiker Hebbel geschaffen hat. Alle Fäden der Handlung ziehen sich strahlenförmig am den für eine klar erkannte Idee kämpfenden Helden Nasson zusammen, der die völlige Entwurzelung seines Volkes und seine eigene Heimatlosigkeit tief und bitter empfindet. In dem Bestreben, eine Heimat, einen eigenen Herd, eine Scholle zu finden, in welcher er festwurzeln und aus welcher er unausgesetzt Kraft zum Schaffen und Lieben gewinnen könne, geht er im Konflikt mit den widerstreitenden Mächten zugrunde. Wo immer Brüder Einflass auf eine Theaterleitung and Gestaltung des Spielplanes haben, mögen sie sich lebhaft für eine Auffuhrung des Scholz'schen Dramas einsetzen. Der hohe, dichterische Gehalt des Werkes, seine dramatische Schwungkraft and bei guter Darstellung und Inszenierung, der gewisse Erfolg werden dieses Vorgehen ebenso rechtfertigen, wie diese ausführliche Besprechung — Ein seltsames, mannigfachen Widerspruch, aber auch reiche Anregung erweckendes Werk ist das kürzlich im Verlage von Oesterheld und Comp., Berlin, erschienene Buch von Chr. Müntz „Wir Juden". In aphoristischem, durch Nietzsche stark beeinflassten Stile lässt sich Müntz über die frühere, jetzige und zukünitige Mission des Judentums, als der Verkörperung der Menschheitsidee aus. Das Bach ist von einem überaus starken Subjektivismus und von einer leitenden Idee getragen, zwei Gtünde, die ausser den vielfachen interessanten, kulturellen, philosophischen, religiösen, wirtschaftlichen und historischen eigentümlich behandelten Problemen allein schon seine Empfehlung rechtfertigen. Als belletristische Gabe von beträchtlichem künstlerischen Werte sei der Roman „Jettchen Gebert" von G. Herrmann (Vertag Egon Fleischet u. Comp., Berlin) namhaft gemacht. Derselbe bringt auf einem einheitlich durchgeführten, die Zeit und Verhältnisse der Biedermeierperiode ausgezeichnet wiederspiegelnden Hintergründe einen völlig tendenzfreien Ausschnitt des Berliner jüdischen Lebens zu Anfang und Mitte des vorigen Jahrhunderts. Was diesen Roman uns Juden besonders wertvoll erscheinen läset, ist neben dem hohen künstlerischen Range desselben der Umstand, dass hier einmal ohne jede vordringliche Tendenz jüdische Menschen und Verhältnisse auf einem allgemeinen menschlichen Grunde handelnd und redend aufgeführt werden, und dass doch ihr Judentum wie eine feine Essenz sie stets umgibt. Zum Schlosse möge kurz das Lebenswerk eines bereits gestorbenen namhaften jüdischen Schriftstellers erwähnt werden, das jetzt in neuem Gewände za annehmbarem Preise erstanden werden kann. Ich meine die im Verlage von Max Hesse, Leipzig, soeben herausgekommenen sämtlichen Werke von Leopold Kompert, dem Dichter der Gasse, welche in vier handlichen Bänden für zwölf Mark zu haben sind. In prächtigen, voll und richtig erschauten und dargestellten Gestalten, in einer Fülle von bald ernsten und heiteren Situationen und Handlangen, lebt die dahingeschwundene Poesie, die ganz eigenartige, jetzt versunkene und nur dem Jaden restlos verständliche Welt des Ghetto, „der Gasse in diesen gemütvollen Erzählungen Komperts auf, der diesen begrenzten Bezirk der allgemeinen Literatur erschlossen hat. Aber auch tiefere Konflikte, die unsere Gegenwart in demselben Masse aufwühlen, der Gegensatz zwischen Neigung und Konfession, die Frage der Assimilierung u. a." liegen der Kunst Komperts zugnmde. Kompert ist ein Volks- Schriftsteller ersten Ranges, der auch dem Andersgläubigen die Fülle der sittlichen und dichterischen im Judentame liegenden Elemente nahe bringen wird. Die Werke Komperts eignen sich in ganz besonderem Grade zur Anschaffung für Bibliotheken und zu/Geschenken für die reifere Jagend. Aus dem Bureau der Grossloge« Br. Dr. Freund-Görlitz beging am 30.Dezember das 50jährige Rabbinerjubiläum. Die Arrangements der Feier gingen von der jüdischen Gemeinde in Görlitz aas, und auch die Viktoria-Loge nahm daran grössten Anteil. Vormittags fand Gratulation des Jubilars in seiner Wohnung statt, mittags 12 Uhr eine Feier im Tempel, und abends ein Festbankett. Die Tageszeitungen berichteten, wie vortrefflich alle diese Arrangements geleitet waren, und welch schönen Verlauf sie genommen, besonders aber geht aus den Berichten hervor, welch allgemeiner Liebe und Wertschätzung sich der Jubilar erfreut. Zeugnis hiervon legt die überaus grosse Beteiligung ab auch von Seiten der Behörden, der städtischen Gemeindeorgane, der Geistlichen anderer Konfessionen, sowie die Verleihung des Roten Adlerordens an den Jubilar. Die Grossloge war bei der Feier durch Br. Bergel vertreten, der beim Festbankett die Glückwünsche der Grossloge zum Ausdruck brachte. Br. Dr. Freund stattet seinen Dank an die Grossloge mit folgenden Ausführungen ab: „Sie haben mir die Ehre erwiesen, an der Feier meines 50jährigen Amtsjubiläums durch die Anwesenheit unseres ver-