Mannheim
Compact Memory

Bericht der Großloge für Deutschland · 1906-03-01 · Nr. 2 - März · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bericht der Großloge für Deutschland
Volume
1906
Issue
Nr. 2 - März
Date
1906-03-01
Page
[Seite] (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/4864325-6028968-6074133--0989-4865147
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 29 trachtang über die schimpfliche Unterdrückung, in welcher ein Volk seufzen muss, dass ein Chi ist, sollte ich meinen, nicht ohne eine Art von Ehrerbietung betrachten kann. Aus ihm sind ehedem so viele Helden und Propheten aufgestanden, und jetzt zweifelt man, ob ein ehrlicher Mann unter ihnen anzutreffen sei." Diese Gedanken, die er dann in seinem „Nathan" vertiefte, betätigte er auch in seinem Leben durch sein Freundschaftsbündnis mit Moses Mendelsobn. So war Lessings Dichten und Wirken von unmittelbar praktischer Bedeutung für die deutschen Juden. Er bereitete ihnen den Boden für das Eintreten in das Gebiet gemeinsamen wissenschaftlichen und bürgerlichen deutschen Lebens vor. Von seinem Geist war der Kreis bedeutender Juden erfüllt, den Mendelsohn nach seinem Tode in Berlin um sich versammelte, ünd in dem auch zahlreiche Christen, wie die beiden Humboldts, Friedlich Schlegel und Schleiermacher verkehrten. Von dann an lebten sich die Juden immer mehr in deutsche Gesinnung und Gesittung hinein. Und auch die darauf beginnenden Kämpfe um die Emancipation der Juden nahmen von dem Wirken Lessing 's ihren Ausgangspunkt. Und als schliesslich die Gleichheit der Juden vor dem Gesetze in der Gesetzgebung erreicht war, da schien Lessings Lehre gesiegt zu haben: Allein die büsen Instinkte der Menschen bereiteten bald dem faktischen Fortschreiten der Humanität und Gleichberechtigung erfolgreichen Widerstand. Die zunehmende antisemitische Strömung anch in den Massnahmen der Behörden versagte der gesetzlichen Gleichberechtigung die tatsächliche Anerkennung. So gab denn bei der in der Hochflut des Antisemitismus — am 11. Januar 1885 mit 48 Brüdern — erfolgten Gründung der Lessingloge die Wahl dieses Namens einem Dankgefühl Ausdruck und bedeutete gleichzeitig die Flucht zu den Manen Lessings und seiner Lehre; und die zwanzigjährige Geschichte der Loge beweist, dass sie bisher im Lessing's Sinne und im Sinne der Oi dens-Tendenzen gewirkt hat." Fragen wir uns nun, ob das,4 was die Lessingloge im Berichtsjahr 1905 im Dienste der Humanität geleistet hat, diesen in der Festrede betonten hohen Prinzipien entsprochen hat, so mögen die trockenen Ziffern des Jahresberichts pro 1905 die Antwort geben. Es wurden verausgabt: An Unterstützungen an Brüder, resp. deren Witwen Mk. 1900,—, an Nichtmitglieder Mk. 9571,—, an Wohltätigkeitsanstalten Mk. 020,—. Was die Unterstützung an Nichtmitglieder betrifft, so sind bei diesem Betrage mit eingerechnet die Spenden, welche unsere lieben Brüder zu dem iu der Loge gesammelten Äussenfonds beigetragen haben. Es ist im vorigen Jahre in dem Finanzbericht des Gross-Sekretärs der Grossloge aufgefallen, dass das Unterstützungskonto der Lessingloge im Vergleich zu dem anderer grossen Logen klein war; dies erklärt sich daraus, dass z. B. die K i s c h i n e w - S a m m- 1 u n g, weil direkt an die Grossloge abgeführt. in dem Unterstützungskonto unseres Finanzberichtes nicht figurierte. Hierzu kommt, dass auch in diesem Jahr die grossen Summen, welche unser Frauen-Verein für Ferienkolonien, für Ausstattung von Bräuten und andere Unterstützungen verwendet, da derselbe eine vollständig unabhängige Organisation darstellt, in unserem Finanzbericht keine Erwähnung finden. Es sirjd von unseren 1. Br. im Frühjahr dieses Jahres infolge des Aufruf« der hochw. Grossloge und des deutschen Hilfsvereines ca. Mk. 1500,— und im Herbst ca. Mk. 0500 in der Loge gesammelt worden, Wobei zu. bemerken ist, dass ausserdem viele Brüder ihre Beiträge der hiesigen jüdischen Gemeinde, dem Hilfsverein direkt oder der Alliance Israelit* Universelle überwiesen haben. Die. Opferwilligkeit unserer t Brüder dokumentiert sich auch in den reichlichen Spenden- — ca. 0600 Mk. — die bei freudigen Gelegenheiten, wie bei Trauerfällen teils unseren Wohltätigkeitsfondszuflössen, teils als besondere Stiftungen errichtet wurden. Br. Herrmann und Fraa Marta Liepmann stifteten Mk. 2000,— deren Zinsen jährlich am Geburtstag ihres verstorbenen Sohnes an 2 jüdische Studierende gezahlt werden sollen. Herr Georg Kempner stiftete 2 Lessinglogenhaus-Aktien zum Andenken an seine verstorbenen Brüder, Br. Otto Kempner nnd Br. Schatzmeister Nathan Kempner, mit der Bestimmung, dass die Dividenden für die Waisen der Loge verwandt werden sollen. — Was die Art der Wohltätigkeit, die hjer in der Stadt selbst geübt wird, betrifft, so wird seit Jahren von der Loge der Grundsatz durchgeführt, dass ausserhalb der Loge Stehende nur zu fruchtbringendem Zwecken, z. B. Fortsetzung des 8tudiums, Einlösung des Gewerbescheins und dergl. subventioniert werden. — Daneben erhält jedoch das Unterstützungs-Komitee durch freiwillige, ihm zur Verfügung gestellte Spenden unserer lieben Brüder" reichliche Mittel, um Not und Elend bei den Armen und Kranken der y . Stadt zu lindern. , - Neben diesen umfassenden Leistungen praktischer Wohltätigkeit hat sich die Loge .in mehreren Sitzungen mit der Neugründung segensreich wirkender sozialer Institutionen btfasst. Ein schon im vorigen Jahre ernanntes Komitee für Errichtung eines Arbeitsnachweises (Vors. Expr. B. A. Kaiisch) wurde beauftragt/ sich mit der jüdischen Gemeinde zu diesem Zwecke in Verbindung zu setzen Ferner wurde auf Anregung des Br J.Sachs und unseres w. Präsidenten S. W. Meyer ein Toynbee-Hallen- Komitee ernannt, um die Gründung einer Toynbee-Halle in Breslau vorzubereiten. Doch wurde die Aufmerksamkeit unserer Brüder sowohl wieder massgebenden Kreise der hiesigen Gemeinde durch die Russen not so in Anspruch genommen, dass einer Ausführung dieser Pläne noch nicht näher getreten werden konnte. — - Besondere Sorgfalt widmen unsere wackersten Brüder der Stärkung derjenigen Fonds,' welche dazu bestimmt sind, den Wechselfällen des Schicksals, denen eine Loge von 4 03 Mitgliedern leicht ausgesetzt ist, erfolgreich zu begegnen. Unser Reservefonds (Witwen um! Waisen) beträgt ca. 54 000 Mark, der S p e z i a 1 - Re s e r v e f o n d s betrJgt ca. 64 000 Mark. Dieser letztere Fonds dient, wie ich an dieser Stelle in Beantwortung einer Frage des Referenten unseres letzten Finanzberichts in diesen Blättern mitzuteilen mir erlaube, zur Unterstützung von Brüdern und aussergewöhnlichen Ausgaben. — Bei unseren wöchentlichen Sitzungen nehmen die Komiteeberichte, die Verlesung der eingegangeneu Schriftstücke und die anschliessende Diskussion einen breiten Raum ein. * Die A u s s c h u s s p r ö t o k o 11 e der hochw. Gro?sloge sowie die Tagesordnung des Generalkomitees (Ref. Br. Expr. Justizrat Dr. Kempner) bildeten häufig den Gegenstand der Diskussion. Betreffs der Gross logen-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.