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Bericht der Großloge für Deutschland · 1906-01-01 · Nr. 1 - Januar · p. [Seite]

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Journal
Bericht der Großloge für Deutschland
Volume
1906
Issue
Nr. 1 - Januar
Date
1906-01-01
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
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— 10 — hältnisse aufgingen, desto mehr schwächte sich bei ihrer Vereinzelung ihr jüdisches Bewusstsein und das Gefühl der Zugehörigkeit zum Judentum ab und drohte gänzlich verloren zu gehen. Diese Gefahr wurde rechtzeitig von einer Anzahl edler Männer erkannt, deren Herz noch warm und begeistert für das Judentum und für ihre jüdischen Glaubensbrüder schlug. Diese Männer, an deren Spitze Henry Jones, ein nach Amerika eingewanderter deutscher Maschinenbauer, stand, gründeten am 13. Oktober 18-43 in New-York-den Orden Bnei Briss, um den Zusammenhang unter den amerikanischen Juden zu wahren und den jüdischen Sinn unter ihnen zu neuem kräftigen Leben zu erwecken. Doch blieb der Orden bei dieser rein erziehlichen Tätigkeit nicht stehen, sondern wandte allmählich seine Aufmerksamkeit und Arbeit sämtlichen Interessen der amerikanischen Juden, ja der Judenheit im allgemeinen zu. So wuchs der Orden jenseitsdes Oceans zum Mittelpunkt und festen Hort aller gemeinnützigen Bestrebungen und Einrichtungen heran, die das Wohl unserer Glaubensgenossen erheischten. Schulen, höhere Lehranstalten und Bibliotheken, Waisenhäuser, Krankenhäuser und Altersheime, die alle im Dienste der Allgemeinheit stehen, daneben mannhaftes Eintreten für die Rechte der Juden zeugen von der segensreichen Wirksamkeit, die, unser Orden in Amerika entfaltet hat. Neben der inneren Erstarkung ging gleichzeitig eine räumliche Ausdehnung des Ordens einher. Nicht nur in Amerika selbst entstanden von den Gestaden des Atlantischen bi3 zu denen des Stillen Ozeans immer neue Arbeitsstätten, sondern bald fand der Orden auch Eingang in die Länder der alten Welt. So finden wir heute Logen in Deutschland und Oesterreich, in Rumänien und Bulgarien, in der Schweiz, in Aegypten und Palästina. Sie alle sind berufen, für das leibliche und geistige Wohl unserer Glaubensgenossen zu wirken, das soziale, sittliche und kulturelle Niveau unter ihnen zu heben, das Gefühl der Zusammengehörigkeit zu kräftigen und so alle Spaltungen zu überbrücken. Die erste Loge auf deutschem Boden wurde am 20. März 1882 in Berlin errichtet. Stiess anfangs die Verbreitung des Ordens in Deutschland auch vielfach auf Widerstand, so hat doch allmählich sein segensreiches Wirken im Dienste des Judentums allen Widerstand gebrochen und die verdiente Anerkennung gefunden. Der Siegeszug des Ordens durch die deutschen Gauen ist nicht mehr aufzuhallen, und heute — nach Verlauf von 24 Jahren — zählen wir bereits im ganzen 65 Logen, die zumeist in den grösseren jüdischen Gemeinden Deutschlands ihren Sitz haben. Zu ihnen zählt auch die August Lamey-Loge, die hier zu Mannheim am 15. März 189U ins Leben gerufen wurde. 2. Zwecke und Ziele des Ordens U. O.B.B. Wir bilden einen Bund von Israeliten. In solchem Zusammenschluss liegt aber keinerlei feindselige Absonderung von unserer nichtjüdischen Umgebung, keine Lossagung von der Mitarbeit an den allgemeinen Kulturaufgaben, keine Trennung von den Interessen, die uns mit dem engeren Vaterland oder der Menschheit im allgemeinen verbinden. Einen engherzigen exklusiven Standpunkt kennt unser Orden nicht; er bewahrt den toleranten Geist des Judentums, das dem wahrhaft Edlen und Guten, auf welchem Boden es auch entspross, stets Anerkennung zollte und sich gern von den idealen Leistungen anderer Gemeinschaften befruchten Hess. 8chon die geschichtlichen Ursachen, die zur Gründung unseres Ordens führten, beweisen klar, dass wir keinen feindlichen Tendenzen gegen andere huldigen, dass wir nicht zum Angriff da sind, sondern zur Abwehr, zum eigenen Schutze, zur inneren Erstarkung. Als eine kleine Minorität unter den verschiedenen Völkern bedürfen wir Juden an sich schon eines engeren Zusammenschlusses, um nicht in der Mehrheit unterzugehen. Wir bedürfen aber eines solchen in um so stärkerem Masse, als so alt unsere Geschichte ist, so alt auch die Angriffe und Anfeindungen sind, darunter wir zu leiden haben. Zu den politischen Zurücksetzungen, die sich auch in den Ländern bürgerlicher Gleichberechtigung noch unangenehm fühlbar machen und einen Stachel in der Seele zurücklassen, kommt eine dreiste wirtschaftliche Zurückdrängung, die eine Verschlechterung oder gar den Ruin vieler jüdischen Existenzen bedeutet. Wenn nun unser Orden alle politischen Aktionen von seinem Arbeitsgebiete streng fernhält, so erachtet er es um so mehr als seiue Aufgabe, der wirtschaftlichen Not, wo sie unter Juden angetroffen wird, entgegenzuarbeiten, nach Möglichkeit das soziale Niveau unserer Glaubensgenossen zu heben, die heranwachsende Generation einträglichen Berufszweigen zuzuführen, Liebe zum Handwerk und Gartenbau zu wecken, den Willigen Arbeit zu verschaffen, dagegen eine gewohnheitsmässige Bettelei, ein das Ansehen der Gesamtheit schädigendes Schnorrertum möglichst zu bekämpfen. Das Recht aber, erzieherisch für andere aufzutreten, hat nur der, der sich selbst erzieht. Darum dürfen wir nur die besten Elemente in unseren Orden aufnehmen, darf nur ein idealer Antrieb für den Anschluss an unseren Orden bestimmend sein. Ueberhebung liegt uns fern; wir kennen die menschliche Unvollkommenheit; darum hören wir mit dem Werke der Selbsterziehung niemals auf. Unsere Losung lautet: Wohltätigkeit, Bruderliebe und Eintracht. Wir verlangen wahre Herzensbildung und einen makellosen Lebenswandel, im gegenseitigen Verkehre der Brüder Freundschaft und Wohlwollen, Duldsamkeit und Verträglichkeit. Wir fordern gegenseitige Achtung, neidlose Anerkennung der Leistungen andere^ Unterordnung des Willens und der Interessen des Einzelnen unter die Gesamtheit. Durch Ehrenhaftigkeit und Anstand, durch Förderung gemeinnütziger Bestrebungen, durch Achtung vor dem Gesetze und Liebe zum Vaterland wollen wir den Beweis liefern, dass Judentum übereinstimmend ist mit der Betätigung der reinsten Grundsätze der Ethik und Humanität, dass es eine Religion ist, die offen vor aller Welt zu bekennen, zur Ehre gereicht. Unsere Arbeit wurzelt in der Liebe und Treue zum Judentum. Ohne uns auf religiöse Erörterungen im engeren Sinne einzulassen, vielmehr alle trennenden Streitfragen der orthodoxen und liberalen Richtung von unseren Verhandlungen streng fernhaltend, sind wir einig in dem Bestreben, alle gemeinsamen Ideen und Ziele im Judentum zu fördern. Wir wollen das Judentum an der Hand seiner Geschichte achten und seinen idealen Gehalt begreifen lernen; wir wollen in uns die Ueberzeugung befestigen, dass seine religiösen Lehren es waren, die den Grund zur sittlichen Entwickelung der Menscliheit gelegt haben. So bewahren wir uns ein vornehmes

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