Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1905
- Issue
- Nr. 5 - Juni
- Date
- 1905-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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- 64'- Erhabenen. Mit iler Wucht einer hinreissenden Prophetensprache. als schöpfe er stets aus dem nimmer versiegenden Wahrheitsborn der alten Bibel, deren Geist den Dichter so mächtig erfasst, eifert der geniale Denker für die höchsten Ideale und hont durch sie einen neuen Geistesfrühliug für die Menschheit anzubahnen. 1rnd siehe! Was das alte Ju lenthum seit Jahrtausenden rn heiligem Ernste und glühender Begeisterung erstrebt, uudT auf dessen Verwirklichung trotz aller Verdunkelung des .Lichtes, trotz aller Verschleierung der Wahrheit es fort und fort geharrt, der edle Meister, der ähnlicli wie da* Judenthuin. Während seines ganzen Lebens erfahren musste des Daseins Bitterkeit, im Gegensatz zu dem von der Sonne des Glückes so mächtig bestrahlten Goethe, er hat das Hotten und Sehnen einer unter schwerem Drucke schmachtenden Menschenseele villi und ganz empfunden, und ohne es zu ahnen, besang er. w .is Israels Herz bewegte, die Idee der Freiheit, wie sie vor .Tausenden .v.iu Jahren in Israels Freiheitsliedern so trefflich zum Au>druck gelaugte Der grosse Dichter lebte ja inmitten jener stuimbewegten Zeit, wo mau . endlich der wahren 'Menschenwürde sich hewasst geworden, die es forderte, für das Verdruckte Recht der Schwache» einzutreten unl da-; Tyrannetrjöch zu brechen, das den Nacken ein^s nach Freiheit sich sehnenden Volkes dat niederhielt. Jene^ holden Freiheitsstimmen eines Voltaire», Miräbeau, Rousseau. Diderot, die im Westen aut eiumil eiklungen, sie faulen freudigen Wiederhall in der neuen und reinen Dichterseele eines Schiller, der es d i h selber in früher Jugend t?inpfun iea. was es heisst, der .-ästen Hdfcmelsgabe, der Freiheit entbehren zu müssen. I gewönne» war in ilira für das deutsche Heimithland eine; der gewaltigsten Freiheitsapostelu, der. weuü er es auch vermieden in das politische Leben und Treiben der *Vöikei hinabzusteigen, ''mit um so grösserer Wärme seine göttlichen Ideen in seinen Liedern verherrlichte. Er .besang die FreiheÜ wie keiner je zuvor; doch nicht zügellose Freiheit. a Schränken des Rechtes und des Gesetzes niederrejssen will, denn ..wo viel Freiheit, ist viel Inthum, doch sicher ist der sclimale Weg der Pflicht", sondern jene höhere, sittliche Freiheit, die da kennt die Norm'des Gewissens, und die in dem ' rottefge lauken ihre höchste Kraft unl Weihe findet, mit aiiilereu Worten jene Freiheit, die führet zum Gottesdienste, um hier im Geiste der alten Bibel zu reden, aus deren Quelle «ler ursprünglich zum Predigeramte bestimmte Dichter wohl zuerst geschöpft haben wird. Diese höhere . Freiheit, die Ziel und Richtung erhält durch den Glauben an eine göttliche Vorsehung, durch die Ueberzeugung von einer sittlichen Weltordnung, sie ist des Dichters Lebsusideal, l ud dieses höchste Lebensprinzip, in dem er gefunden die Kraft seines Daseins, die Energie seines Willens, die Sauftmuih seiner Seele, hat seinem frommen, gottesinnigeu Geiiiüthe die Schwungkraft der Begeisterung, seinem Herzen die EitmmetBgluth der Menschenliebe vei liehen, Hess ihn vergessen des I.-irens Schmerz, beschwichtete alle die Stürme in seiner Seele, und brachte ihm jene innere Ruhe, die fromme Ergebung, ,'lie Resignation'', ja er entlockte den zarten Saiten seines WVsens. inmitten des Leides, die rührendsten Töne zu einem Lied auf „die Freude", wie es herrlicher noch kaum eiklungen war1. Nur eine gottb£geisterte Seele, aus der der Geist eines Psalmistej] "der eines göttlichen Prophtten sprach, sie war zu solchen bezaubernden Tönen fähig und erklärt die ganz ungewöhnliche Begeisterung, die das Lied des holden Sängers unl ganz besonders seine Dramen allüberall hervorgerufen .haben. Lasst uns sie wiederlesen jene alten Dramen, denen die •lugendtrüche noch immer nicht dahingeschwunden, die Räuber, dm Fiesko. den Don Carlos, in denen der Dichter die politische, sein Drama Kabaie und Liebe, in dem er die soziale Freiheit fordert. La>st uns aber ganz besouders schätzen und würdigen jene Perle der/deutschen Dichtkunst, jenes Hoh-hel der Freiheit, den Wilhelm Teil. V Dieses Drama, das athmet jenen wahren biblischen Freiheitsdrang und in das der Dichter den ganzen Adel seiner Seele hineingetragen, es hat alle, die es lasen, gar mächtig ergriffen und musste ihre Herzen erschliessen jener Stimme einer neuen Offenbarung, die vom Westen her verkündet, bald ihren Siegeslauf hielt durch die Länder der Erde. Eine neue Weltordnung bereitete sich vor, diesmal auf den Grundlagen des Rechtes und der Gerechtigkeit, der Freiheit und der Menschlichkeit, und das Ideal des grossen Dichters, wie er es besungen in seinen Liedern, es schien in Erlüllung zu gehen. Der Verwirklichung nahe war der herrliche Traum, dem vor Schiller jene alten biblischen Seher einst einen Ausdruck verliehen haben. Doch wer hatte von diesem l nischwung der Lebensverhältnisse mehr zu ei warten, wer wurde von ihm wohlthätiger berührt als unser altes Judeiithum. das noch immer hinter den Mauern seiner politischen und gesellschaftlichen Abgeschlossenheit wie in einem Kerker sehnsüchtigen Herzens auf das Sonnenlicht der Freiheit harrte, das schon seit Jahrhunderten sein Aug' nicht mehr erblickte 1 Es brach an, der goldene Morgen, wo endlich, bestrahlt von der Sonne der Autklärung, der Mensch es lernte, ein Mensch zu sein, und die Bruderhand, die Isr-ael den Völkern zum Bruderbünde reichte, sie wurde jetzt, wo die Saat der Bruderliebe und Menschlichkeit in voller Blüthe staud, von der Mitwelt nicht mehr verschmäht. Schiller hatte in seinem Laude dieses goldene Zeitalter angebahnt, er war einer der moderneu Propheten, der erhoben die Stimme der Humanität, der redete von Recht und Wahrheit, von Freundschaft und. Bruderliebe, von Freiheit and Menschlichkeit. Doch sind das nicht die 'Jone, die fast auf allen Seiten unserer alten Bibel uns entgegenhalleiiY Sind das nicht die Ideale de« alten prophetischen Judeuthums? Sind das nicht lie Biütheu, die an dem alten Lebensbaume Israels sind aufgegangen! Und das .fudenthum, dessen vieltausendjährige Vergangenheit nichts anderes darstellt als den Kampf für solche Ideale, hat es heute nicht die moralische Pflicht, den Dichter besonders zu feiern, der im Sinne seiner alten Propheten von der hohen Warte aus, die er rh seinem mächtigen Geistesfluge erstiegen, der Menschheit die Stimme der Wahrheit vei kündete, die diesmal nicht ungehöit veiklungen? Denn jetzt erst, wo j«ie hohen uud heiligen Ideen, in deren Dienst das .Judenthum von Anfang an sich gestellt, in Männern wie Schiller, dem ein Lessing, ein Klopstock schon Torausgegangen, um nur von deutschen Humanitätsdichtern zu reden, ihre. Herolde gefunden, da war ihr Triumph auf Erden gesichert; Die neue Zeit brach herau, der Winterschlaf, der Völker war vorüber, Männer wie Schiller, von einem prophetischen Geiste beseelt, hatten mit dem Zauberstab, den die Vorsehung in ihre Hand gelegt, den Bann gelöst, der über einer mittelalterlichen Welt Jahrhunderte lang gelagert war. Schon im Hinblick darauf hat das Judenthum an den Dichter, der ihm 60 ganz aus der Seele gesprochen, eine grosse Daikesschuld abzutragen. Insbesondere aber werden die Mitglieder des Bnei Briss- < )iJens den grossen Meister ehren, der im herrlichsten Liede all' die hohen und heiligen Gefühle besungen, die uns in diesen Logentempel geführt, die Freundschaft, die Bruderliebe, die Vaterlandsliebe, die Menschlichkeit. 1 Eine so reine, edle, tietlühlende Dichterseele, die so ganz frei von allen niederen Affekten, die über dieser Erdenwelt mit ihren Fehlern und Schwächen wie ein himmlisches Wesen schwebte, sie musste sie finden, uud wahrlich sie hat sie gefunden, jene bestrickenden Töne, die die Stimme der Freundschaft einem edlen Herzen entlocken muss. Die Freundschaft! wer hat sie tiefer empfunden als unser grosser Dichter? Hat er sie doch in früher .lugend, die für ihn so reich au Entbehrungen, schon gekostel, wo er auf der Flucht aus der K»ls-chule den Freund gefunden, der iu Hochherzigkeit uud Eielsiuu die Beschwerden der Flucht mit ihm theilte, den Musiker Audreas Streicher. Auch im reiferen Alter fand er