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Bericht der Großloge für Deutschland · 1905-05-01 · Nr. 4 - Mai · p. [Seite]

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Journal
Bericht der Großloge für Deutschland
Volume
1905
Issue
Nr. 4 - Mai
Date
1905-05-01
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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der Geisteskranken überhaupt eist iu jüngster Vergangenheit Gegenstand allgemeinen Interesses geworden. Der Bau der ln-Men öffentlichen Irrenanstalten in Deutschland fällt in das letzte Jahrzehnt. Noch, immer herrschen im Publikum irrige Vorstellungen über Art und Bedürfnisse der Geisteskranken, bedauerlicheVorurtheile iu Sachen der ärztlichen Behandlungsweise, der Austaltseiurichtungeu etc. Die Heilungserfolge werden unterschätzt. Molerufc Irrenheilstätteu sind keine Bewahranstalten von gefänguissartigem Charakter, sondern Krankenhäuser. Zwei roedfifch jüdische Momente kommen hinzu: einmal die aus der Ghettozeit stammende Scheu, die Aufmerksamkeit auf unei fi euliche Dinge unter uns zu richten, da deren Feststellung unser Ansehen in den Augen Uebelwollender schädigen könnte; ähulich wie mau lange Zeit zöget te, in eine offene Bekämpfung des jüdischen Mädchenhandels einzutreten oder wie mau sich heute noch der nothweudigen Fürsorge um die unehelichen. Kinder jüdischer Mütter entziehen zu müssen glaubt. Dieser Grand ist unwürdig einer jüdischen Generation, deieu oberstes Princip die werkthätige Liebe zu unserem Stamme ist. Ein weiterer Grund liegt meines Erachtens darin, dass unsere Stieiiggläubigeu vielfach die Bedürfnissfrage verneinen, indem sie aus sicherlich falscher Deutung einer Talmudstelle der Anflicht sind, dass jeder .Geisteskranke von der Beobachtung des Religions-Gesetzes entbunden ist. So überweisen viele Orthodoxe ihre Angehörigen den allgemeinen Anstauen, unbekümnieit um die religiösen Bedenken der Kraukeu. Der Talmud versteht zweifellos unter „Irren" nur solche, die tief verblühst oder völlig verirrt sind. Wir wissen heute, dass deraitige Kranke zu den Seltenheiten gehören, dass die »eisten Anst;iltsiusas>eu den Eindrücken der Aussenwelt ein weitgehendes Verstandniss entgegenbringen; verhalten sich doch viele, z B. die Melancholischen, in intellektueller Beziehung völlig wie Gesunde! Jeder Irrenarzt weiss, wie schwerer Gewisseusqual solche Kranke unterliegen, wenn sie zufn Genüsse veibotener Speisen veranlasst werden. Ich erinnere mich aus meiner Assisteuzzeit mehrerer Patienten, die ich selb.*t gegeu ihren Willen mit der Schluudsonde füttern mu-ste, weil sie aus religiöser Scheu Sie gebotene Fleisch-- nahrung verweigerten. Dies Beispiel für viele. Wenn die unbemittelten jüdischen Kranken uuter heutigen Verhältnissen nicht zu ihrem vollen Rechte gelangen, wenn sie unter den antisemitischen Anfeindungen der Milkrankeii und des niederen Pflegepersonals zu leiden haben, wenn auf jüdische Festzeiteu. Biäuche etc. keine oder ungenügende Rücksicht genommei. wird, so liegt die Schuld nicht an dem Willen der leitenden Aerzte! Selbst verständlich ist der cht istliche Arzt in gleicher Weise auf das Wohl aller seiner Kraukeu bedacht; die Verhältnisse sind es, die ihn, eb'enro 'wie den zufällig an einei allgemeinen Anstalt wirkenden jüdischen Arzt binden, den Bedürfnissen der jüdischen Pfleglinge in voliem Umfange Rechnung zu tragen. Der jüdische Krauke, der unter Umständen viele Jahre seines Lebens iu der Anstalt zubringt, verlangt zu seinem Wohlbetiuden ein jüdisches Milieu, ein verstäudnissvolles Eingehen auf seine Stamniesat t; ist es doch das Hauptbestreben' der modernen Irrenbehandlung, das Anstaltsleben nach Möglichkeit den gewohnten häaslichen Verhältnissen des Kranken entsprechend zu gestalten. Nicht aus konfessionellen, sondern aus humanitären und ärztlichen.-Gründen fordern wir e i n e ö f f e n 11 i c h e j üd-i s c h e.G e m üjt hs hei 1 s tätte. Ich habe die bekannte-Tliatsache von dem hohen Procentsatz der Geisteskranken unter, deii jnden bisher unerwähnt gelassen, weil darin ein ausschlaggebendes Moment für die Notwendigkeit einer Anstaltsgrüiidung nicht zu erblicken ist. Ausserdem fehlt uns bis.heute die Möglichkeit, genaue Zahlen anzugeben. Die Gründe dafür sind mannigfache, ihre Aufzählung an dieser Stelle erübrigt sich. Es ergiebt sich aber daraus die Forderung, eine sorgfältige Statistik, darüber anzustellen; dazu ist der Einzeln^ nicht im Stande: Sache der hochw. Grossloge wäre es., mit der Einsetzung eiuer aus Fachmännern bestehenden statistischen Commissiou ditj Vorarbeiten zu I beginnen. i. ' I Nach meinen ungefähren Berechnungen giebt es etwa 34-1000 geisteskranke bezw. /geistesschwache Juden in Deutschland, voj denen etwa die Hälfte (1ÖOO-2000) anstaltsbedürttig und etwa der 5. Theil (600 -800) in öffentlichen Anstalten unteii gebracht seien. Ein Theil dieser G — sOO käme für uns in erster Linie in Betracht. Hieifzu käme eiue gewiss nicht unbedeutende Auzabl von denen, die heuteunter grossen finanziellen Opfern in Privatanstalten oder iu uuzweckmässiger Weise in der Familie Verpflegt werden. Um nicht missverstanden zu werden, sei. ausdrücklich bemerkt, dass für die wohlhabenden Kreise das Bestehen jüdischer Privatanstalten, wie der in SaJ-'u b. Coblenz, von hohem Werthe" bleibt; für unsere Zwecke dagegen kommt ein solches Institut nicht iu Frage. Mit der dort gewährten, dankenswerthien Aufnahme vereinzelter anner Kranker ist dem .socialen Notnstaude nicht abgeholfen. Aus dem gleichen Grunde, ist auch der vor eiuigen Jahren gegründete „Bjülfsverein für uu-" bemittelte jüdische Nerven^, :undi -Geisteskranke-' zur Lösung der uns vorschwebenden Aufgabe nicht geeignet. Ein Werk, wie ich es meine, kann nicht auf dem Wege der Vereiusbildung oder auch durch Bettelwohl thätigkeit ins Leben gerufen werden; es muss äufjbreitef, SQciajler Grundlage ge> schaffen werden. Eine Gründung, fwie"sie mir als Nothwendigkeit erscheint, d. h, eine moderne Ausmalt mit einer anfänglichen Belegziffer, von ca. .250 Krauken, erfordert ein Kapital von mindestens 1 Million- Mark.- Wie diese Summe aufzubringen ist, muss durch Einsetzen einer Fiuauz Commission festgestellt werden. [.' Die grossen jüdischen Gemeinden, die in erster Reihe, interessiert sind, müssen-mit den grossen jüdischen Institutionen (Loge. Gemeindebund, Hültsveretn etc.) zusammentreten. Sache unserer Loge ist es, die allgemeine Autraerksamkeit darauf zu lenken und den Plan kraftvoll in die Haml zu nehmen. Dann werden sich . auch' l'n.iia.utiöpeu tiudeu, die hierfür, wie schon für so manchen grossen Zweck, Kapitalien zur Verfügung stellen. Die [Unterhaltungskosten durlteu weniger schwielig zu beschaffen sein,-da die Koii)inaueii, wie bisher, die Kosten für ilire Armeiipflejgjuige tragen würden. Die Anstalt muss im' H-izeU Deutschlands errichtet werden,, um für transportable und vehronisohe Kranke von überallher bei|iieni erreichbar zu sein Das in kurzen Umrissen mein Vorschlag. I*n gestatte mir, folgenden Antrag zu stellen nnl bitte die 1. Brüder um - r * -*>■•-. v eiustimm'ge Annahme: ,"; . . .,Der uordwestdeutsche Logentag zu Bremen hält die Begründung einer jüdischen Gemuthsheüstätte iu .Deutschland

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