Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1905
- Issue
- Nr. 3 - April
- Date
- 1905-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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— 35 Brüder die Zwecke der Logenarbeiten völlig zu missverstehen scheinen und wichtige, von nebensächlichen Fragen, nicht mit wünschen swerther Logik abgrenzen. Wenn über ganz unwesentliche Dinge lange Diskussionen gehalten und darüber viel wichtigere Angelegenheiten vernachlässigt werden; wenn manche Brüder zu, j e d e m Gegenstand immer wieder und noch dazu^ohne zwingende Gründe mehreremale das Wort ergreifen, so mag das an sich ja ganz löblichen Motiven und einem ehrlichen Arbeitseifer entspringen. Ob aber anderen Brüdern hierdurch geistige Anregungen erwachsen, ob dadurch die Arbeiten geistig vertieft, das Interesse der Zuhörenden erhöht wird, wird man doch nicht ohne Weiteres zugestehen können. Es kann oft bis zu unhöflicher Rücksichls losigkeit führen, wenn Brüder über Gegenstände, die ihrer Natur nach In wenigen Minuten erledigt werden könnten förmliche Redetourniere aufführen, die weder neue Gedanken zu Tage fördern noch auch unbedingt zur Sache gehören. Viele Brüder gewöhnen sich mit der Zeit daran,in den Logenabenden rhetorische Uebungsstunden oder Debattierklubs zu erblicken. Dabei kann natürlich von erspriesslicherä Zusammenarbeiten nicht mehr viel die Rede sein und wenn sich solche Rede scenen in allen Sitzungen wiederholen, dann werden sich neue Mitglieder bald enttäuscht fühlen, — und bleiben fern. Deswegen sollten Brüder doch erst, ehe sie ums Wort bitten, sich erst wohl klar darüber sein, wie möglich wenig und kurz sie zu einer Sache sprechen, ob sie überhaupt dazu sprechen sollen. Man sollte sich des Goethe'sehen Wahrspruches: Worte sind gut aber nicht das Beste", stets erinnern, und nicht vergessen, dass nichts leichter zur Veiflachung führt, als vieles Reden über unwichtige Dinget. Besser kurze, aber inhalt reiche Sitzungen, als langhingezqgene über viele Kleinigkeiten. „Kleinarbeit in kleinem, engen Rahmen'1, muss auch eine Devise sein, die sich mancher Bruder aneignen sollte. Aber auch dieser Uebelstand, der ja schon oft beklagt worden ist. darf kein Anlass sein, die Logensitzungen zu meiden. Im Gegentheil sollten; die Brüder eben deshalb erst recht häufig erscheinen, und indem sie selber mitrathen. mitreden und mitentscheiden, den Ideenaustausch bereichern und in richtigem Geleise zu halten suchen. Durch Fernbleiben und Interesselosigkeit kann kein höherer Standpunkt erreicht werden, im Geigentheil wird die Weiterentwickelung ernstlich gefährdet. Man wendet gegenüber den Klagen der Logen ob solcher Interesselosigkeit an ihren Arbeiten in dem Kampf der Meinungen, im Austausch unserer Ideen uns von Neuem bewusst werden,. dass unser Leben uns nicht allein angehört, sondern auch Pflichten für Andere auferlegt. Freilich, wer diesen Idealismus nicht kennt, w»-r von allen Stunden der Woche nicht eine oder zwei für ideale Ziele erübrigen und für seine Mitmenschen sich abringen kann, wird schwerlich unsere Bestrebungen verstehen lernen. So wenig wir jene Brüder, welche der Meinung sind, dass sie sich durch Geldspenden, so dankenswerth diese auch sind, von der moralischen Pflicht, die Logen zm besuchen, entbinden könnten. Mit solchen An- . %■ . ■ & t schauungen würden die Logen gar bald auf das Niveau irgend eines Vereins herabgedrückt werden und wir bedürften keiner Ritualien mehr. Aber dahin dürfen wir es. nicht kommen lassen. Wer unserem Orden beitritt und ihm angehört, muss sich voll und klar bewusst sein, dass er persönliche Pflichten auf sich nimmt, die rein immaterieller Natur sind. Erst du-rch persönliche, innere Hingebung erfüllen w i r die übernommenen Ordenspflichten. Wo immer wir eine Aufgabe übernehmen, müssen wir ihr -auch einen Theil unserer Kraft zuwenden. Gleichgültig hinnehmen, sie Anderen überlassen, führt zum Indifferentismus, jener geistigen und sittlichen Lebensschwäche, für welche das Laisser-fair und .Laisseräller das Deckschild der Gleichgültigkeit ist. Nur stumpfe." verbrauchte Menschen, die eines höheren Aufschwungs nicht fähig sind, verfallen dem Iridifferentismusnicht aber stark ausgeprägte Persönlichkeiten, die einen gewichtigen Faktor in der menschlichen Gesellschaft bedeuten. Indifferentismus, die Schlaffheit der Seele, bedeutet in der Natur wie im Leben, Stillstand, Rückschritt, geistiger und sittlicher Tod, der jeden höheren Aufschwung hemmt. Und so bedeutet der Indifferentismus -den Tod des Idealismus. Er degradiert, zerstört, erzeugt Verfall und Ruinen: er reisst nieder, was der Idealismus "erbaut und autrichtet — er ist eine Auflösungserscheinung. Dem Geiste des Judenthums erscheint der Indifferentismus als etwas Feindseliges und Fremdes, weil er als Unterbrechung der ethischen Weiterentwickelung des Menschen betrachtet wird. Und mit Rech'. Denn der Indifferentismus muss als ein Hemmniss aller Kultur und Civilisation erscheinen und muss daher bekämptt werden". Nur in Perioden des Niedergangs und wenn der Egoismus'den Altruismus, auf den der Fortbestand des Jüd.enthums begründet ist, veroft ein, dass die meisten Brüder nach den Mühen und Lastegldrängte. hat er Eingang bei uns gefunden. Wir aber, die der Tagesarbeit meist zu müde seien, um zu später Abendstunde noch einmal an Logensitzungen theilzunehmen. Ja, arbeiten denn d i e Brüder, welche regelmässig die Logen besuchen und nur ausnahmsweise fernbleiben, denn weniger? Es sind doch nicht die privatisierenden Rentner allein, welche in den Sitzungen erscheinen und die Logengeschäfte erledigen helfen, sondern zumeist von ihren Geschäfts- und Berufspflichtea stark in Anspruch genommene Brüder, Und gerade, wenn uns die Mühen und Sorgen des täglichen Daseinskampfes ermüdet und abgespannt haben, sollte uns die Loge der Jungbrunnen unserer ermatteten Seele sein; die Pflegestätte des Guten und Edlen, wo wir uns aus den Niederungen des Daseinskampfes emporschwingen zur Erfüllung idealer Aufgaben. Gerade in den Logen sollten wir Erholung suchen für Geist und Gemüth; wir berufen sind, das hohe Erbe unserer Vorfahren zu erhalten und tür kommende Geschlechter weiter auszubauen, wir müssen den Inditferentismüs energisch bekämpfen. Am wenigsten , dürfen wir ihn in unserem erhabenen Orden Platz greifen lassen, von dem aus von Neuem jüdisches Leben, jüdischer Geist und jüdische Weltanschauung hineinströmen soll in' das jüdische Haus' und in die jüdischen Gemeinden. Ist aber unser Orden wirklich berufen, das Sit kende Judenthum aufzurichten, ihm neue Lebenskräfte einzuflössen, lolmüssen wir im eignen Hause, im Orden, wie auch indenLo gen , den Kampf mit dem Indifferentismus auf nehmen. Wirksam geschehen kann dies aber nur dann, wenn jeder Einzelne, der unserem Orden angehört, auch die Pflichten erfüllt, die dieser seinen Mitgliedern . auferlegt. Dazu' gehört, in erster Linie d i e I ... \) . /'' -"; ■ ' cts/^ '