Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1905
- Issue
- Nr. 3 - April
- Date
- 1905-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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31 — bildet die Vermittelung zwischen Idee und Wirksamkeit zwischen Denken und Wollen der sittlichen Vorschrift." Die R e a 1 i s i e r u n g. d h. die Verwirklichun bestimmter Vorgänge in unserem Geistes und Gefühlsleben zur Verdichtung in ein That, fällt dem Willen und Können anheim Sie unterliegt äusseren Bedingungen und Umständen, die ausserhalb unserer Persönlichkeit liegen. Insofern bedar: Carlyle's Aeusserung, dass das Hinderniss in uns selbst liege welches der Verwirklichung unserer Ideale hemmend ent gegenstehe, der hier ausgesprochenen Erweiterung. So - betrachtet, besteht zwischen der Idealwelt unc der Wirklichkeit doch nicht eine so breite Kluft, wie häufig angenommen wird. Diese zwischen Realismus und Idealismus gähnende Kluft verengert oder verbreitert sich aber nur nach dem Grade sittlicher Lebensauffassung, nach der Fülle oder dem Mangel des Gemüthslebens und nicht zum mindesten der sorgfältigen Pflege und Liebe, die man den geistigen und sittlichen Gütern zuwendet und wie man sie neben den materiellen einschätzt. Man muss alle zu verbinden suchen Ideale soll man nicht vom praktischen Leben trennen, nicht als verschiedene Dinge betrachten. Vielmehr sollen wir ja, müssen wir sogar, wenn wir sie nicht aufgeben und verlieren sollen, unsere Ideale ins volle Leben kühn hineintragen, damit unsere Ideale wirkliches Leben, unser Leben verwirklichtes Ideal werde. Gerade das Hineintragen der Ideale ins wirkliche Leben förderte von jeher den Fortschritt der Menschheit. Denn alle grossen Errungenschaften, Erfindungen und Entdeckungen, alle Kuliurwerke und Sittengesetze waren, bevor sie Gemeingut wurden, die Ideale einzelner grosser Denker, weniger hochragender Geister, genialer Naturen. Es scheint ein besonderer Grundzug des jüdischen ' Charakters zu sein, das seinem Idealismus eine so kraftvolle Realistik beigemischt ist. welche auf der einen Seite mit allen Verstandeskräften abwägt, was die Gefühlswelt mit ihren feinsten Stimmungen und zartesten Regungen wünscht und ersehnt. Der mächtige Drang nach Erfüllung seiner Wünsche und der Stillung seiner Sehnsucht ist bis heute hinausgerichtet nach unbekannten Fernen, weil . er seiner eigensten Umgebung fremd und unverstanden blieb, und dieses Suchen der Seele nach wirklicher Heimath gab dem jüdischen Idealismus sein Gepräge. Es münzte ihn um in einengrossen, menschheitumfassenden Altruismus, der nicht für sich allein leben, für sich allein gemessen mag und sich in selbstischen Zwecken der Allgemeinheit verschliesst. Nicht auf eine abgeschlossene Gruppe oder ein bestimmtes Land und Volk oder eine Epoche ist der jüdische Idealismus gerichtet, sondern auf einen weltumspannenden Uniyersalismus, der bis heute nicht aufgehört hat, von einer Völkerverbrüderung zu träumen, in der die Gesammtheit alles bedeutet und der einzelne ihr dienstbar ist. So ist der jüdische Idealismus unpersönlich, auf das Gemeinwohl gerichtet, ganz im Geiste seiner Religionsgesetze, welche jede Absonderung verpönt und die Vereinigung, die Gemeinschaftlichkeit als das Heilige und Heiligende gebietet. Daher hat das Judenthum keine weitabgewandten Einsiedler, die ein nutzloses Leben in Wald und Heide führten und die Askese als Endzweck des Lebens betrachteten, hervorgebracht. Deshalb hat das Judenthum auch keine Heiligen, denn nicht die Einzelperson, sondern die Gesammtheit als solche .ist heilig. Daher wird wohl einer Gemeinde, einem Verein oder einer Gesellschaft das Prädikat ..heilig'- zuerkannt, niemals aber einer Person, denn ..der Mensch ist kein Heiliger, sondern kann nur heilig werden." Das Judenthum fordert Zusammenschluss, nicht Abschliessung. noch_ weniger Ausschliessung. In diesem Sinne bildet die Judenheit stets eine grosse Gemeinschaftlichkeit und, nur zu oft in der Dlavpora, eine Leidensgenossenschaft. In dieser Leidensgenossenschaft aber sind wir stark geworden, stark geblieben. Unter welchen Zeitumständen auch immer unsere Vorfahren gelebt, vor allem wurde das Gemeinde- und Gemeinschaftsleben gepflegt, von der richtigen Erkenntniss ausgehend, dass unser Fortbestand nur im Gemeinschaftsgefühl — Solidaritätsgefühl — gesichert wird. Jede Lockerung dieses Gefühls bedeutet in der That eine Gefährdung des Judenthums und es war" ein prophetischer Geist, der vor Jahrzehnten schon das Herannahen dieser Gefahren voraussah und jenseits des Oeeans eine Vorbeugungsmaassregel traf, deren Segen wir heute alle dankbar empfinden. Die Schöpfung des Ordens Bnei Beriss war ein Monumentalwerk, eine neue Aeusserung des jüdischen Idealismus, der umsomehr erstarkte, je höher die Wogen einer brutal materialistischen Zeitströmung anschwollen und die sittlichen Güter der Menschheit unterwühlten. Wie eine Naturnotwendigkeit m u s s t e dieser jüdische Orden entstehen, sollte das Judenthum nicht in einer Zeitströmung untergehen, der man in Anbetracht ihres ethischen Gehaltes nur wenig Gutes nachrühmen kann. Umso festeren Fuss musste der Orden Bnei Beriss in Deutschland fassen, weil gerade hier das udenthum von innen und aussen am schwersten bedrängt war und die Einbusse am Gemeindeleben und Familientraditionen Spal'.ung und Entfremdung herbeiführten. ■) ' ,/jJB_ i. * i * * i - j .„'■'. Das ehemals so kräftig pulsirende und auf den Corpsgeist belebend einwirkende Gemeindeleben verlor seinen erhaltenden Einfluss und wurde eine Steuergemeinschaft. Die versittlichende Rückwirkung des Gemeindeebens auf die Familie hörte unter den veränderten Verhältnissen auf, und das jüdische Familienleben, früher der Stolz und das festeste Bollwerk unserer Existenz, hat seine edlen Züge fast ganz eingebüsst. Alles, was einst das jüdische Familienleben veredelte und verklärte, ist fast ganz aus demselben verschwunden. Eine trostlose Nüchternheit hat alle Poesie hinweggebannt; der jüdische Idealismus in der Familie ist flügellahm geworden. Die herrlichen Stimmungsbilder voll poetischen Zaubers mit denen ehemals unsere Eltern unsere Jugend verschönten, wie sie im Glänze der Sabbath- und Festtage uns Erinnerungsbilder schufen, die uns durch das ganze Leben begleiten, der e u t i g e n Jugend werden sie nicht erschlossen. Und wenn wir auf den Altären dieser nimmer in ihrem Glänze erbleichenden Erinnerungsbilder unseren^Toten immer wieder ein neues Monument eines verehrenden Andenkens weihen, J) L*iaroj, die Ethik <Jes Jodenthums. wenn wir, dieser Weihestunden eingedenk, festhalten und von Neuem beleben, was einst unsere eigene Kindheit verklärte, dann beschenken wir aber auch unsere Kinder mit gleichen Eindrücken, die sie im späten Alter noch beseligen werden. I