Mannheim
Compact Memory

Bericht der Großloge für Deutschland · 1905-04-01 · Nr. 3 - April · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bericht der Großloge für Deutschland
Volume
1905
Issue
Nr. 3 - April
Date
1905-04-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/4864325-6028966-6074113--0844-4865023
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

BERLIN, im April lt No. 3 Bericht der Grossloge für Deutschland u. o. B. B. Nachdruck sämmtlicher Artikel'aus diesen Berichten verboten. Fernsprecher: D. Wolff, VI, No. 4619, Wilhelmstrasse 118. Idealismus und Indifferentismus von Br. Dr. Arthur Kahn. „Gedenke zu leben! Dein Leben, und wärest du der armseligste der Erdensöhne ist kein leerer Traum, sondern eine erhabene Thatsache. Dein Leben ist dein Eigenthum; es ist alles, was du hast, um damit der Ewigkeit gegenüberzutreten. Wirke daher, gleich einem Stern, ohne Hast, aber auch ohne Rast!" Dieser machtvolle Weckruf Thomas Carlyle's an die Pflichten, die das Leben auferlegt, könnte dem Munde eines unserer Propheten entflossen sein, so warm berührt er die jüdische Weltanschauung über das, was wir uns, der Mit- und der Nachwelt, schulden. Ueber alle Jenseitshoffnungen stellt die jüdische Philosophie unsere Diesseitspflichten, aus denen wir unsere Lebensideale zimmern und ausgestalten, unsern Lebensinhalt geistig und sittlich vertiefen sollen. Und jüdischer Lebensanschauung verwandt, äussert sich der britische Denker weiter: „Ja, hier in dieser armen, elenden, jämmerlichen Wirklichkeit, in der du eben jetzt stehst, hier oder nirgendwo ist dein Ideal. Von hier aus erstrebe es, und indem du strebst, glaube, lebe und sei frei! Dasldeal liegt inDirselbst,dasHinderniss liegt ebenfalls in Dir selbst." Bis auf den letzten Schlusspassus kann man sich die Anschauung Carlyle's zu eigen machen; aber das Hinderniss liegt nicht in uns selbst allein, es liegt in gleichem Maasse in unserer äusseren Umgebung. Ideale und Wirklichkeit werden als Lebensgegensätze aüfgefasst, welche nur die goldene Brücke der Phantasie zu überspannen vermag, für die aber im wirklichen Leben der vermittelnde Uebergang nicht gefunden wird. Man betrachtet das Ideale als das dem Leben und seine Forderungen Unerreichbare; das Erreichte hört auf, der Idealwelt anzugehören. Das Ideal ist das Erdachte und Ersehnte; seine Erfüllung ist Wirklichkeit, der aber bei ihrer Geburt schon die Fehler und Unzulänglichkeit aller menschlichen Schöpfungen anhaften, weil Kraft und Wille mit ungleichen Mitteln einsetzen. Und so wird der Abstand zwischen Erstrebtem nnd Erreichtem — Ideal und Wirklichkeit — erzeugt und nur das Unzulängliche wird Ereigniss. Es liegt viel Demütigendes für den stolzen Menschengeist in der Erkenntniss, dass die unerschöpflichen Machtmittel seiner Gedankenwelt, Kraft deren er die Erde beherrscht, die Elemente bändigt und "dienstbar macht, selbst die Himmelswelt sich erschliesst, den Sternen ihre Bahnen weist, sogar unsichtbare Welten erforscht, durch die die ihn umgebende Materie in die engsten Grenzen gebannt wird; dass er nur weniges voü dem erreich', was er kennt und erstrebt. Und während sein Geist die Endlosigkeit von Zeit und Raum durchmisst, Ewiges und Vergängliches unterscheidet,- vermag er seine eigne Identität auch nicht einen Augenblick lang festzuhalten, und macht- und willenlos muss er sich dem steten Wandel .der Dinge unterwerfen. "„■.•■-*' *" ' ,-\ -, *"X* Und so viele Welten' sich seinem durch den unermesslichen Raum dringenden Auge auch aufthun, soviele Rätsel der Schöpfung sich seinem forschenden Geiste erschliessen — alles in seiner Umgebung, woran seine Sinne haften, ,,das' Ding an sich", stellt ihn fortwährend vor neue Rätsel, die er nur schwer zu deuten und nie zu lösen vermag. Resigniert muss er bekennen; ignorabimus, 1i denn ..ins Innere der Natur dringt kein erschaffner Geist.'• Wahrlich, ein schmerzliche? Paradoxon, das uns zur Bescheidenheit und Selbsterkenntniss mahnt. Erhebend wiederum für den an die Schranken der Zeitlichkeit gebundenen Menscheh, ist das Bewusstsein, aus seinem schöpferischen Geiste heraus I>inge zu vollbringen, die, bevor sie in Wirklichkeit bestehen, in seinem Vorstellungsvermögen (in feiner Idee) bereits Form und Inhalt haben und die Kräfte entfalten, die er voraussetzt oder in sie hineinverlegt. So ist es zuerst der Gedanke, der der That vorausgeht, ihr die Wege bahnt. Und Faust hätte, ohne »erst in Zweifel zu gerathen, ob kn Anfang erst .die Kraft, die That oder der Sinn war, niederschreiben dürfen: ,.im Anfang war der Gedanke." , . Solchermaassen sind Idee und Ideal — an sich schon Synonyme — gleichen Ursprungs. Produkte unserer Denkkraft. Das unterscheidende Merkmal beider ist, dass das Ideal erst durch die Verschmelzung der Gedanken mit der Gefühlswelt entsteht. Die Idee muss gewissermaassen ein Echo in unserem Gefühlsleben wecken; um Ideal zu werden, oder, wie Lazarus es ausdrückt: ..das Gemüth oder das Herz '( Wir werden nicht wissen. (Schlusswort einer Rede du Kois-Reymond's Uber die Grenzen des Naturerkcnntus^ .1*72.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.