Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1905
- Issue
- Nr. 3 - April
- Article
- Beilage zu Nr. 3
- Date
- 1905-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal additional
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/4864325-6028966-6074113-6074111--0862-4865012- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
I Neben der Verwahrlosung und Zügel!' isigkeit in künstlerischer und ästhetischer Beziehung durch eitle, die heilige Sache und den heiligen Ort aus den Au^en lassepde Chasanim, war es, aber auch das unw ürdige Benehmen "der Synagogenbesucher, das sich umso unangenehmer fühlbar machen musste, je mehr Luft und Licht, anfangs nur durch Kitzen und enge Spalten, in das dü<trc Ghetto, drang, je mehr auch die Ghettojuden dcrSegnungen theilhaftig wurden, welche fortschreiten'le Kultur, autkl.irende Zivilisation um sich verbreiteten. Zurück zur Natur ist"noch immer 'die KampTparole. Nur aus ihr schöpfen wir Grundgesetze, die unwauilelbar sind, im Gegensatz zu den vielen auf dem Wege, der Reflexion aufgestellten ästhetischen Regeln und Systemen, die immer nur Kinder ihrer Zeit bleiben. Nach Wahrheit und Ehrlichkeit lechzt unser Zeitalter. Es ist schon längst satt der überfeinerten Kultur, die den Individualismus schon im Keim zu ersticken droht, die den Gefühlen genau die Grenze abstecken mochte, bis zu der sie sich äussern dürfen, ohne gegen den sogenannten gesellschaftlichen guten lou zu \ erst<>ssen. Eine solche l'niformierung, der Gefühle kannte der altjüdische Gottesdienst allerdings nicht: diese Acsthetitt war ihm fremd: dafür aber wurde er beseelt und himmelan gehoben durch die Wahrheit und Echtheit der frommen Gefühle seiner Teilnehmer, durch die aufrichtige Kewonoh, die jeden Einzelnen durchdrang, die jene Stimmung verbreitete, unter deren Einwirkung die Leidenden, 1 " Schmerzgebeugten 'Trost, die Verzagenden und Verzweifelnden unerhörte Widerstandsfähigkeit und todesver.ichtenden Muth fanden: Wodnrch wurde nun diese Kewonoh. ein Begriff, der mit dem Worte ..Andacht ' durchaus nicht erschöpfend übersetzt werden kann, erzeugt : ..N'otli lehrt beten", sagt ein deutsches Sprichwort, und die Jahrhunderte lang andauernde Xoth war es auch, die flicht nur innige, ergreifende Blüthen gottesdienstficher >Poesie zeitigte, sie war es auch, die den Gheftojuden mit einer Inbrunst beim Gebete erfüllte, wie wir sie heute vielleicht am ähnlichsten nur noch linden in jenen biegenden, in denen ein Kischinew und Hornel möglich ist. Solche Vorgänge, wie sie. Gott sei's gedankt, in unsrer Zeit Ausnahmeersclieinungen bilden, diedie ganze zivilisierte Welt mit Entsetzen und Abscheu erfüllten, sie waren in dem Zeitalter, da die luden gezwungen wurden, in engen, schmutzigen, 'nahezu luft- und lichtlosen Ghettis zu Wohnen, nur zu häufig an dar Tagesordnung, i- ■ . ' Damals war die Synagoge 'der einzige öffentliche Ort. wohin der gehetzte, unter Spott und I lohn unsäglich leidende Jude sich flüchten konnte, um sein von namenlosem Jammer zerrissenes Herz vor dem. auszuschütten, von dem allein, er Hilfe erwarten durfte. ' Kummergebeugten Hauptes betrat er zitternd und bebend sein meist kellerartiges. von mattem Kerzenschimmer kümmerlich erhelltes Gotteshaus, trat hin an seinen Ständer und seinem lew nischbor wenidkeh, seinem gepresstei*. gebrochenen Herzen entrangen sich Worte' und Laute, die mehr einem unauthaltsamcn Schluchzen, mehr dem Aufschrei einer, todeswunden Seele glichen. Krampfhaft schlugen die Hände ariein- '• ander, ballten sie sich zu I ^usfen: der ganze Körper geriet in exstatische Erregung und Bewegung. Bewegungen, die wohlden Gesetzen und Kegeln der Ae.sthelik spotteten, ebenso wie die auf- und niederwogenden Wellen eines sturmgepeitschten Meeres, die aper trotzdem auf den - Wissenden, auf den Verstellenden-mit elementarer Gewalt erschütternd und zugleich erhebend, atembeklemmend und-zugleich 1 befreiend Virkten. ja auch auf Andersgläubige nicht immer ihre Wirkung verfehlten, wenn wir an Luthers Ausspruch denken, der da lautete : ..Wenn ich s, > beten könnte, wie die Juden beten, ich wollte für 200 Fl. Bücher darum geben." Indessen, fand auch . die Kunst im alt jüdischen Gottesdienste Verständnis und rührende ■ ' I ' tL Pflege,- und das chaotische Durcheinander wich wie" durch Zaubermacht einem lautlosen, gc-, spannten Aufhorchen, wehn . der stimmbegabte < hasan. die lieben, alten traditionellen Weisen zum Vortrag brachte, jene Weisen, die gewissennassen als ..Leitmotive" für jedes Fest erfunden und durchgeführt w orden sind, jene Weisen, die jedem einigermajßsen stimmbegabten Baal habajis geläufig und ans, Herz gewachsen w aren und ihn befähigten, wenn auch nicht der ^.'hasanimzunft angehörend, vor den Tisch des Herrn zu treten, um als Baal tclVIloh. als Vorbeter seines Amtes' zu walten. 'Aber einem grossen Teil der damaligen Träger der synagogalon Gesangskunst genügte es nicht, durch schlichten, innigen Vortrag das Gotteswort musikalisch zu illustrieren. Das war t * ■ zu einfach. Das konnte, wie bereits erwähnt, auch von jedem hierzu fähigen Laien nachgemacht werden. Tis musste darum eine .Kunst - 1.' —