Mannheim
Compact Memory

Bericht der Großloge für Deutschland · 1905-02-01 · Nr. 2 - Februar · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bericht der Großloge für Deutschland
Volume
1905
Issue
Nr. 2 - Februar
Date
1905-02-01
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/4864325-6028966-6074110--0826-4865005
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

- 21 — Motiven, die ja bekannt sind: Der Nativismus ist nicht gegen die Juden als solchen gerichtet, sondern gegen den „Fremden." Noch im Juni v. J. — also vor etwa 7 Monaten, äusserte sich ein N. Yorker, der zu den massgebenden Personen zählt, zu mir, dass eine Grossthat, "wenn sie der Allgemeinheit zn gutekäme, dieStimmung gegen die Einwanderer sehr wohlwollent machen würde. Sie sollten einmal, statt sich in entwickelnden, oder bereits fertigen Kulturplätzen einzunisten, selber einmal solche schaffen, wie dies früher deutsche Kolonisten und Mormonen gethan, die aus schauerlichen Einöden und fernen Wildnissen fruchtbare Gegenden geschaffen hätten, in denen heute blühende Städte mit Handel um Industiie liegen und den Eisenbahnbau gefördert haben. In diesem Sinne sei von den in Massen einströmenden Juden noch nichts Erwähnenswertes geschehen, überhaupt nichts geleistet worden. Das Resume meiner Besprechungen undCorrespondenzen mit judenfreundl. und massg. Männern ist fast stets das gleiche Mehr als 1 der Ver. St. ist noch nicht ausgebaut, in vielen Staaten der Union sind noch Läadercomplexe von der Grösse Deutschlands ganz unerschlossen. Land und Klima begünstigen die Besiedelung und die Regierungen würden Ansiedlern in jeder Weise entgegenkommen. Ich habe in der „Jttd. Pr." diesen Gegenstand so ausgiebig erörtert, dass ich nicht hier nochmals darauf eingehen möchte. Wer sich dafür interressiert kann meinen Artikel in der ,,J. Pr.';darüber nachlesen. Jedoch muss ich hier noch einiges ergänzen und berichtigen. Es ist wahr, dassich von den Arbeitserfolgen resp. Bewirtschaftung jüdischer Farmen einen deprimirenden Eindruck empfangen habe. Ich habe mich aber nicht dabei beruhigt, diese schmerzliche Thatsache zu constatiren. Ich wollte auch erfahren, warum an ein strapaziöses und entsagungsreiches Leben gewöhnte, dabei äussert genügsame, nüchterne und arbeitsfreudige Menschen, welche ich die schwersten und gefahrvollsten Arbeiten verrichten sah, bei der Landwirtschaft fast völlig versagten. Dabei fand ich aus, dass man 1. die Farmen viel zu nahe an grossen Städten anlegte, allerdings in der .guten Absicht, für die Produzenten gute und ständige Absatzgebiete für höhere 'Preise zu schaffen. Man übersah aber dabei, dass die Nähe der Grossstadt, überhaupt der Stadt, sie verlockte, schneller durch Handel voranzukommen, 2. war man in der Wahl der Leute nicht vorsichtig genug und vor allem kümmerte man sich zu wenig um die Qualität deren Frauen. Ein Mann, der den Boden bearbeitet, der ihn ernähren soll, muss eine auch dazu passende Frau haben, sonst verdirbt ihn die Frau als Landwirt und er wird nie aufkommen als solcher. Von gleicher Wichtigkeit wäre gewesen und würde bei künftigen Ansiedelungen sein, die -einzelnen über das Land bin gestreuten Juden insofern wieder zu zentralisiren, dass man ihnen Gemeinde - Insfitutionen ermöglicht. 2 Fälle, die ich erlebt, sind für viele typisch. Der eine jüd. Farmer, ein Südrusse, arbeitete anfangs mit grossem Fleiss; dann kamen Verwandte und Freunde zu Besuch, die im Sommer alles sehr schön fanden und über den grünen Klee lobten — und im Winter, den Mann überredeten, in die Stadt zu ziehen. Ich traf ihn zufällig, stellte ihn zur Rede, worauf er mir betheuerte, er habe Heimweh bekommen. Dieses Heimweh erklärte sich aber bild in einem brennenden Bedürfniss nach einem ■ Gedankenaustausch mit , Seinesgleichen, Tn einer unbezähmbaren Sehnsuch t nach Synagoge, Lehrhaus, und allem dem,was er in der Stadt errei'cben konnte, gewissermaßen vor der Thür hatte. Fall zwei lag ähnlich; und dieser Farmer« der lieber auf alle Vorzüge und Vorteile des Landlebens als auf religiöseo Bedürfnisse verzichtete, der mir auf meine Vorhaltungen das citirte Bibelwort:. „Der Mensch lebt nicht von Brod allein" entgegenhielt, betheuerte, sofort wieder sich der Bodenkultur zuzuwenden, wenn er Schule, Glieder, Bes- Hamedrasch, Schechita und Mikwa nicht zu missen brauche. Der Mann ist näm'ich nebenbei ein grosser Talmudist. Man errichte diesen Cokonisten, die . man nicht über das ganze Land zerstreuen darf, sondern in grösserer Anzahl zusammenhalten müsste, alles , was sie für ihre religiösen Bedürfnisse gewohnt sind, und man wird keine Misserfolge haben. Aus diesen Gründen sind, wenn aüch nicht hauptsächlich, doch aber grossentheils, . die jüdischen Farmen nicht emporgekommen. Ein weiterer Fehler, der bei jüdischen Siedelungen gemacht worden und wahrscheinlich wieder gemacht werden wird: Man hat die jüdische Volksseele gerade bei jenen Menschen, in denen sie. noch in ungebrochener Urkiaft glüht, nicht verstanden, nicht "berücksichtigt. Ganz zugestanden, dass jede Colonisation mit nüchternen Erwägungen, als ein geschäftliches Calcul behandelt werden muss. Aber, sobald mm das psychisehe.Moment hierbeiaasschaltet, wird sich bald-diesesCalcul alsein gewaltigerRechen fehle r herausstellen, der statt zu Additionen im geschäftlichen Sinne zu führen, bald zu Subtraktionen zwingen wird.. Und wir sollten d»s in Anbetracht unserer russischen Juden auch gar nicht beklagen. Der Jude, der auf dem Felde arbeitet, fern vom Grossstadtleben sein Brod der Erde abringen soll, wird niemals zum stumpfsinnigen, wissensfeindlichen Bauern herabsinken. Vielmehr wird er der tiefen, sinnigen Mahnung: „Arbeitet wie die Bauern und denkt wie Philosophen" überall gerecht werden. Der Jude, besonders der osteuropäische Jude hat starke geistige Bedürfnisse, die bei ihm nicht verkümmern dürfen und an denen er sich anch .sittlich" emporarbeitet. Diesegeistigen Bedürfnisse, diezum grossen Theil auch im Gefühlsleben und religiösen Empfinden wurzeln, müssen künftig mit in Berechnung gezogen werden, sonst wirdman auch fürderhin zu keinem erfreulichen Erfolg gelangen. Das möchte ich allen jenen Brüdern zu bedenken geben, welche dem Niitzlichkeitsprinzip, auf Kosten der Volksseele der osteuropäischen Judenheit vor Allem den Vorrang eingeräumt wissen wollen. Wir haben es mit hochintelligenten, scharfsinnig veranlagten Menschen zu thun, deren eigenartige Individualität, so fremdartig sie uns auch oft entgegentritt, weitgehende Berücksichtigung. erheischt. Und da muss die Liebe mitsprechen; sie sind unsere Brüder, in ihren Adern rollt unser Blut, sie dulden heute noch, um dessentwillen unsere Vorfahren geduldet und gelitten. Mildern wir doch die harte Kritik und lassen wir menschliches Verstehen und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.