Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1905
- Issue
- Nr. 2 - Februar
- Date
- 1905-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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selten berücksichtigt wurde, blieben sich Wohlthäter uuil Beschenkter innerlich fremd und verstanden einander nicht. Und weil in religiösen Dingen misstrauisch gtworden, drängten sich die Einwanderer räumlich zusammen und richteten ihr Leben nach ihren bisherigen Gewohnheiten ein; hielten sich eigne Lehr- und Gebethäuser und alle ihren rituellen Bedürfnissen entsprechenden Institutionen, selbstverständlich auch ihre eignen Rabbinen. Wie hätten auch diese Menschen Leute als Rabbinen anerkennen mögen, die häufig kein Wort Talmud, häufig nur nothdürftig hebräisch verstanden, meist keinen jüdischen Haushalt führten, am Sabbat fuhren, schrieben und rauchten, barhäuptig beteten und beten Heesen und alle biblischen'Ereignisse auf naturphilosophische Weise zu-erklären suchten und auf der Kanzel Politik mit ethischen Drapirungen trieben und den Mosaismus nur zu oft disqualifizirten! Da<$ man am besten thut, so weit man dies in der Hand hat, diesen Leuten ihre religiösen Gepflogenheiten zu erhalten, beweisen zahllose Delikte, die aus dieser Masse heraus,, unter dem demoralisirenden Einfiuss der bratal materialistischen Lebensanschauung, die ich als „Amerikanismus" bezeichnen möchte, begangen werden. Ist bei diesen Leuten die religiöse Scheu vor dem Unerlaubten erst eiamal überwunden, so schlagen sie, da sie ja selten nur auf eiDer so-hohen Warte des Lebens stehen, um für das Aufgegebene sich einen sittlichen,Ersatz zu schaffen, meist in das krasseste Extrem um. Gestern noch unmenschlich grausam behandelt und heute, ohne erzieherisch vermittelnden Uebergang, in ungebundener Freiheit, angesteckt von der skrupellosen, wilden Jagd nach dem Dollar, der nirgendwo sonst alle Leidenschaften so entfesselt wie in Amerika, uud dort nirgendwo so wie in New-York, gerathen viele von diesen Einwanderern vielleicht morgen schon mit dem Staat und der Gesellschaft in Koiifiikt. Kma Wunder, wenn dann unsere deutschen und amerikanischen Brüder, die meist als mustergiltige Bürger in hohem Ansehen stehen, gleich den portugiesischen und andern Juden, erbittert durch Verbreehen, welche unter Juden bisher unerLüit waren, sich voj den osteuropäischen abwenden, sie als feindliche Elemente betrachten, welche dt-111 früher nur vereinzelten und latenten Judenhass neue Handhaben bieten. Und doch thut man diesen Annen oft bitter Unrecht. In erster Linie siud sie dach aus den abnormsten Verhältnissen,, die sich nur ausdenken lassen, hervorgegangen. In zweiter Linie sollte man üoeh nicht vergessen, da*s unter \ _, Mill. Menschen doch auch mindestens einige Tausend siud, die nicht nur aus Notb und Armutli alleia nach Amerika gekommen sind und jedenfalls schon vorher sich gegen Gesetz und Recht vergangen und gute Gründe hatten, aus Russland, Rumänien und Galizien fortzukommen. Gerathen nun ausser diesen notorischen Spitzbuben, Einbrechern, Taschendieben, Brandstiftern und sonstigen^ gemeingefährlichen Subjekten wiederum auch moralisch schwache Menschen auf abschüssige Bahnen, treibt die Noth täglich andere noch zu bedenklichen Handlungen, erliegen hunderte jüdischer Mädchen und Frauen den Lockungen des Lasters, s oi*t ragen unleugbar die sozialen Verhältnisse weit mehr dazu bei, als Charakter und schlechte Erziehung allein vermögen. Es ist ja wahr, dass alle hier erwähnten schlechten und sittlich verkommenen Elemente, die man zuror unter den amerikanischen Juden so gut wie gar nicht kannte, durchwegs aus dem New-Yorker Ghetto hervorgehen. Aber wiederum bedenke man, dass in keiner anderen Weltstadt, ausser in London, solche fürchterliche Abstände von Reichthum und Armuth existiren, wie gerade in "New-York, und wie gerade dieser unerhörte Luxus, der ununterbrochen an den Augen tausender Hungernder, Arbeitsloser und Besitzlosen v o r ü b erf 1 u t h e t, böse Gedanken erweckt und besonders junge Mädchen verblendet. Diese gehen nur zu leicht in die gestellten Fallen; denn der Reichthum züchtet d i e Laster, denen diese erliegen, die A r ni u t h aber erzeugt Verbrechen. Tout comprendre, c'est tout pardonner. Diese Betrachtungen führen uns immer mehr in den Brennpunkt der Auswanderungsfrage und bieten uns genugsam Winke, wie dieselbe in Zukunft gestaltet werden musste, so weit dieses in unserer Macht liegt; denn ,,le pierre roüle et rien ne l'aneterapas" und wir dürfen uns nicht einbilden ihn aufhalten zu können. Wie die Verhältnisse gegenwärtig in New-York und anderen Grossstädten liegen, und wie ich mich noch vor Kurzem überzeugt habe, ist die Absorptionsfähigkeit der grossen Städte längst überschritten. In Gross-New-York mit seinen 3i/2 Mill. Einwohnern giebt es gegenwärtig 2 grosse Judenzentren die mau Ghettos nennt, das ältere auf Manhattan mit ca. 300 000 Seelen, das neue, in Brooklyn, mit 350 000. Hiervon sollen angeblich 200 000 Schneider und Schneiderinnen lür alle Bekleidungsgegenstände und Mützenmacher sein; andere Angaben geben sogar fL Mill. von ihrer Nadel resp Nähmaschine lebenden Menschen an. In grossen Fabriken wird jüdischen Arbeitern der Erwerb erschwert, in lern ein istliche Arbeiter sie chikaniren, und nicht mit ihnen zusammen arbeiten wollen. Selbst in Kohlenbergwerken, in denen nur einzelne Wenige Aibeit suchen, weiden sie vertrieben. In den Handwerkerverbänden will man sie gar nicht aufnehmen, Tischler, Zimmerleute, Anstreicher, Fuhileute, Bäcker, „Plumper", (Installateure, Klempner) machen geschlossen Front gegeu sie; unter Eisenbahnern werden sie fast gar nicht aufgenommen, auf den Docks und bei den Hafenarbeitern sind sie entweder gar nicht angenommen oder längst weggetrieben worden. Also wohin? In New-York und Nachbarstädten wäre längst eine furchtbare Katasti ophe erfolgt, wenn nicht die grenzenlose Aufopferung unserer Brüder, solche bisher hintanzuhalten verstanden hätte. Nur dtm hohen Ansehen, das die Juden in den Communen, den Gesetzgebenden Körperschaften und der höchsten Verwaltung des Landes geniessen, haben wir zu verdanken, wenn solche Pöbelexzesse, wie sie bereits einmal in Cinciunati und 2 mal in New-Yoik stattgefunden, sofort erstickt worden sind. Wenn irgendwo aber, so ist New- York der Vulkan, den man zu fürchten hat. Denn ausser dort, und einigen anderen Grossstädten, txistirt so gut wie gar keine Auimosität gegen die Juden. Der Amerikaner zieht sie nicht an sich heran, so wenig wie andere ,,Foreigners" er verkehrt nicht gesellschaftlich mit ihnen, er hasst sie aber auch nicht, weil dem Amerikaner überhaupt religiöses Vorurteil und gar religiöser Hass völlig unbegreifliche Dinge sind. Der Wunsch, die osteuropäischen Juden bei ihrer Einwanderung zu hemmen, entspricht rein wirtschaftlichen