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Bericht der Großloge für Deutschland · 1905-02-01 · Nr. 2 - Februar · p. [Seite]

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Journal
Bericht der Großloge für Deutschland
Volume
1905
Issue
Nr. 2 - Februar
Date
1905-02-01
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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dass die jüdischen Arbeiter, die von den geringen Streikkassenzuschüsseu nicht leben und nicht sterben können, für die alten Luhne und oft noch weit billiger arbeiten und dadurch den Streik vereiteln. Obwohl nun auch in den letzten 10—1*2 Jahren sehr bedeutende geschäftliche Verschiebungen zu Gunsten der osteuropäischen Juden stattgefunden luli -Ii und diese sogar oft die amerikanischen und deutschen Geschäftsleute übeiflügeln, viele Geshäftszweige gauz und gar au sich gerissen haben, sogar als Aerzte, Advokaten, Nu. s. w. dominieren, so bleibt doch die G e s a m m 11 a g e der grossen Massen eine recht trostlose. Mögen auch von den etwa (»50 000 osteuropäischen Jaden"), die heut« in Gross-New-York wohnen, 50— 00 000 wohlhabend, 15 000 vielleicht sogar sehr reich sein, mögen auch 100 00O in solchen Verhältnissen leben, die sie aus der- R-ihe des Proletariats ausschalten, und mögen auch weitere 150 000 einigermassen erträglich, wenn auch in durchaus nicht gesicherten Verhältnissen leben, so bleiben doch noch mehr als 200 000, die nur von Hand zu Mund und nur kümmerlich leben, und der R-ist gerät durch irgendwelche unvorherzosehende Calamitäten, wie Krankheit, Miethrückstände. Arbeitslosigkeit sofort iu das grössterElend. Man darf nun nicht etwa glauben, dass solche Leute, sobald die Not an ihre Thüre pocht, sofort in die Bureaux der Wohlthätigkeitsgesellschaften laufen. Im Gegentkeil, — -sieht man von übrigens unter,allen Volksschichten lebenden Parasiten der Gesellschaft ab, — ist der "Weg zu den Wohltbätigkeitsanstalten, gewöhnlich die ultima ratio, der letzte Verzweiflungsschritt, der häufig genug auch keine zeitige Hilfe bringt, indem infolge häufigen Missbrauchs seitens unwürdiger Menschen, die Anstalten zu grösster, manchmal aber doch übertriebener Vorsicht erzogen worden srirJ, worunter meist die Würdigsten und Bedürftigsten am schwersten zu leiden haben. ( -.'•*• Fälle von unglaublichem Elen 1, wie die düsterste Phantasie sie kaum zu ersinnen vermag, die ich selbst erlebt!, und. wenn ich sie hier erzählen wollte, manchem von Ihnen eine schlaflose Nacht bereiten würde, haben mich immer und immer wieder überzeugt, dass unser ganzes Wohl" thätigkeitssystem nicht nur unzulänglich undungesund.sondernsogar verwerflich ist und von Grund ausreorganisiert werden muss. Wiewohl sich nun statistisch nicht feststellen lässt, wie viele t Ii e i I w e i s e und wieviele ganz arbeitslose Juden durchschnittlich in New-York leben, zumal oft auch halbwüchsige Kinder und Frauen mitarbeiten, uud sich die Zittern beständig ändern, so ist die Zahl voa 40—12 000 Personen sicher als stabile Anzahl der Arbeitslosen eher unter als über die Norm angegeben. Im Winter frieren dann thatsächlich oft 20—30 000. Menschen, denen es an Holz und Kohlen fehlt, obgleich viele tausende Eimer Kohlen tagtäglich vertheilt werden. Obdachlosigkeit scheint bei Juden viel seltener vorzukommen, als bei Nichtjuden; es giebt in New-Y'ork während der rauhen Jahreszeit durchschnittlich pro Abend 5000 Menschen, die nichr wissen, wenn es Nacht wird, wohin sie ihre Schritte lenken und ihr Haupt hinlegen sollen. Wärmestuben, Polizeistuben, und Asyle sind bereits um 7 Uhr okkupiert, und da alle •> Die neuesten Angaben 760 000, halte ich für übertrieben, diese Räume kaum aller Erulass Begehrenden fassen, so1 suchen Immer noch 1000 -1303 Menschen iu Kellern, in Neubauten, in Wagen, Frachtwagen, Ställen, Remisen, Schuppen etc Unterkunft. Die Heilsarmee nimmt sich gleichfalls-solcher Unglücklichen an und wahrscheinlich gewähren auch die Juden öfter Unterschlupf, woher es auch kommen mag, dass ich aif meinen Streifereien nach Obdachlosen pur selteu Juden gefunden habe. " '•• . ' '; - - Man dprf nun nicht glauben, unsere amerikanischen Brüder hätten mit verschränkten Armen dem Anwachsen dieses Riesenproletariats zugeseheu. Schon die. judenfeindliche Stimmung, die in Arbeiterkreisen emporwuchs, besonders bei den Deutschen, den prädestinirten Trägern des Antis., der aber auch andere Kreise ergriff, — (ein passiver Antisemitismus scheint in Amerika immer-, vorhanden gewesen zu sein) hätte die amerikanischen Juden aufgerüttelt. Es kann aber nicht geleugnet werden, dass die Massnahmen zur Ablenkung der jüdischen Einw anderung durchwegs sehr ungeschickt, oft geradezu verkehrt, daher so gut wie gana wirkungslos wvaren. Dazu kam noch, dass der Baron - Hirschfonds, unglaublich' missw^altet, die armen, bethörten Menschen mit magischer Gewalt aus den fernsten Provinzen Russlauds nach Amerika lockte. (Und für sie f scheint New-York mit Amerika identisch zu sein.) _ ' ,'["■.' •»-*■•. T ■ ' f ■■ ■ ■ Das mindeste was sie erwarteten/ war ein Landhaus in Amerika, während sie in der Hermath nicht einmal so viel Broi hatten, um den Hunger zu stillen. Geradezu märchen-* hafte Vorstellungen habe ich in dieser Beziehung auf meinen verschiedenen Amerika fahrten kennen gelernt. Hätte man nun, statt in New-York prunkvolle aber sehr überflüssige Prachtbautt-n mit unangebrachten Zwecken zu errichten, weitab von der Grossstadt, selbst in weitentlegenen Staaten, Cojonien errichtet und vor allem auf die geistigen und religiösen Bedürfnisse der Neueiugewänderten mehr Rücksicht genommen, so wäre* die grosse und bedrohliche Cdlarojt'ät wahrscheinlich nie entstanden. Uud gerade hier zeigte,-sich, welche tiefe Kluft deu westlichen und östlichen. Juden innerlich trennte. Die , -Deutschen uud Amerikaner, vomj_ besten Willen und den edelsten Absichten beseelt, daher äuch stets hilfsbereit, suchten ja den fremden Brüdern in jeder Weise zu dienen. Aber sie j beurtheilten sie fälschlicherweise.'nach ihrem eignen Standpunkt. Sie, die des strengreligiöseh Standpunktes längst entwöhnt waren, das Ritualgesetz fast gana schon vergessen hatten, übersahen, dass der osteuropäische Jude in ängstlicher Beobachtung aller Ceremonien sein heiligstes Besitztum, im Festhalten an seiner Religion, iein, Stück Lebensaufgabe erblickte, dessenthalben er ja allen Jammer stumm und ergeben auf sich genommen hatte, den man dieses stark religiösen Empfindens halber auf ihn und seine Stammesgeriossen gehäuft hatte. Die „westlichen' Juden erkannten diese Gemüthsseite nicht, würdigten sie nicht und erblickten nur gar zu häufig in dem unglücklichen Russen und Polen den gewohnten, landläufigen Schnorrer, 'der ihnen dankbar sein musste, wenn sie sich überhaupt um ihn kümmerten. Aber „der Mensch lebt nicht von Brod. allein." Und eben weil sein sehr rmpfiodliches und stark ausgeprägtes7 Gemüthsleben nur

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