Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1905
- Issue
- Nr. 2 - Februar
- Date
- 1905-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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— 18 — Bergwerk- und Eisenbähngesellschaften erhoffen billigere Arbeitslöhne, kurzum, ^ist es diesem Interessenstreit zu danken, dass es bisher zu keinen n<>:h weit strengeren Massregelu gekommen ist. -t So etwa lagen 1^90. als ich nach Amerika kam, die Verhältnisse. ' Zu dieser Zeit trat ich zum erstenmale einem jüdischen Orden, dem J. O. S. of B. bei und schon damals machten sich die Logen zur Aufgabe, die osteuropäischen Bbr. zum Eintritt in den Ordeu zu gewinnen, um >tie geistig um sittlich zu heben und wo nothwendig. ihr Fortkommen fördern zu helfen. Auch der Orden B. B., dem ich 1892 beitrat, gewann ■t-iuen mächtigen Zuwachs von osteuropäischen Brüdern durch die immer stärker anschwellende Einwanderung. In beiden < »rden wurde meine Mitarbeiterschaft an der Hebung unserer Bundesbrüder umso willkommener geheissen, als ich ja die Elemente, auf die es einzuwirken galt, schon seit meiner Kindheit kannte. In meiner rheinischen Heimath erschienen in den COer Jahren, anlänglich vereinzelt, später häufiger, osteuropäische Juden. Wie bei den religiös-ideal Gestimmten unter ihnen der Name Jerusalem fascinirend wirkte, so zog die mehr an die Realität des Lebens haltenden Frankfurt a M. gar mächtig an, und an dieser Bevorzugung Hessen diese Durchzügler auch die Narbarstädte grossmütig partizipiren. Hatte ich in Earopa die russischen .luden bis dahin meist nur als ziellose, zersprengte, und nur von den Zufällig kefteu des Wanderlebens existirenden Individuen kenneu gelernt, deren Renomme mit ihrer wachsenden Zahl sich ver schlechterte, so lernte ich sie jetzt zum erstenmale als sesshafte. compakte und für ihre Existenz arbeitenden Massen kennen. Erst jetzt, wo mir mein ärzilieber Beruf auch mannigfache Gelegenheit bot, sie in ihrem ureignen, unver fälschten Wesen zu beobachten, konnte ich ihren Charakter und ihre Psyche — ihr Seelenleben — von neuen Gesichts punkten aus studiren. Und ich muss gestehen, je öfter ich mit diesen Menschen zusammenkam, umsomehr wuchs mein Interesse für sie. Ich kam wiederum zu derselben Schluss fulgerung, dass man arme, heimatlose Menschen, die immer an den Schattenseiten des Lebens Stauden, denen ihr Dasein in ihrem Geburtsland zum Vergehen, in der Fremde als ein Vuwurf angerechnet worden, wah.>aft gerecht n u r s ehr >chwer beurteilen kann. Abnorme Verhältnisse |erzeugen abnorme Charaktere. Hatte ich nun als Arzt vielfache Gelegenheit unsere 1 toteoropfter in ihrem Familien- und Erwerbsleben genau zu beobachten, so gab mir meine Berufung als Bezirksarzt der ,,Deutschen Kranken- und Sterbekasse für Hudson County" reichliche Gelegenheit ihre Beziehungen zu der übrigen Be- ^flk"e>ung, ihre Thätigkeit allerorts, in den grossen Etablissements als Arbeiter und dergleichen mehr, eingehend zu beobachten. In den New-1 York gegenüberliegenden grossen Seidenfabriken in Westhoboken, Union-Hill, Guttenberg, Paterson etc. waren Anfangs der (»Oer Jahre nur wenige Juden beschäftigt. Sie trieben, wo sie ausserhalb New-York wohnten, raeist Handel, gingen als Peddler, (Hausiren auf die zahlreichen umliegenden kleinen Städte, Dörfer und Farmen umher und kamen lräufig, oft schon nach sehr kurzer Zelt zu herrschten sie bald diesen Zweig "des Handwerks mit gleichem Geschick und Glück; als Schneider kamen sie bald zum schwunghaften Kleiderhandel, — es waren eben noch gute Zeiten. Auch für die minder Glücklichen bot sich noch Gelegenheit als Bahnbedienstete, als Dockarbeiter, Zimmerleute, Tischler oder Tagelöhner, als Fuhrleute, Zeitungsverkäufer u.s.w. ihr Bröl zu verdienen. Nur die Allerärmsten suchten in den Seidenfabriken ihren Unterhalt. So lange sie nun daselbst den anderen Arbeitern keine merkliche Konkurrenz machten, die ohaehin kärglichen Löhne nicht, wie sie öfter aus bitterster Noth thaten, durch Unterbietung drückten, bestand keinerlei Animosität gegen sie. Erst als die blutigen Verfolgungen in Russland 1891 und 92 wiederum tausende dieser Parias nach Amerika trieben, diese Neuankömmlinge B r o d u m j e d e n P r e i s für sich und die Ihiigen suchend, die Wirkung der Streikbewegungen illussorisch machten, indem sie sich willenlos zum Ausbeutungsobjekt der Arbeitgeber hergaben, erwachte in Arbeiterkreisen eine gereizte Stimmung gegen diese Juden. Wohl wandten sich viele von ihnen, um am Sabbat nicht arbeiten zu müssen, vom Fabrikzum Peddlerleben, wo sie ja jedenfalls nicht weniger verdienten, wie als Seidenweber; Nun aber überschwemmten sie als solche Peddler derart das Land, dass sie als wahre Plage empfunden wurden und nun thatsächlich den Judenhass der Bevölkerung gegen sich entfesselten. Die schlimme Gepflogenheit, sich dicht aneinander anzusiedeln, war ein weiteres J Moment, w odurch sie die Aufmerksamkeit ständig auf sich lenkten-. Ihre Geschäftsgebahrung war und ist nur allzuhäurig nicht einwandfrei, was jedoch für sie weniger zu bedeuten gehabt hätte, wenn sie sich nicht räumlich so dicht zusammengedrängt und aus jeder Strasse alsbald eine Art Ghetto gemacht hätten. Hygienische Massregeln wurden durch sie sehr erschwert, wenn nicht ganz illusorisch gemacht und so mussten naturgemäss diese Juden als ein dem Amerikanerthum fremdes Element erscheinen. Dabei wurde, wie stets wo man die schlechten Eigenschaften zuerst wahrnimmt, übersehen, dass diese russischen Juden die nüchternsten, fleissigsten und friedlichsten Bewohner waren. Während sich nun in der allernächsten Umgebung New-Yorks allniählig. zehntausende von Juden. ansässig machten, die nur in ganz vereinzelten Fällen die öffentliche Wohlthätigkeit in Anspruch zu nehmen gezwungen waren, hatte sich 18S9 in New-York schon ein grosses jüdisches t Proletariat entwickelt. Ueber die Hälft« der ganzen Kleideriudustrie der vereinigten Staaten wird in New-York erzeugt. Nun weiss ich allerdings nicht, ob der ungeheure Zuzug von jüdischen Schnellem, damals schon 80 C00 — diese Indnstrie für New-York festgelegt hat, oder ob diese Industrie den Zufluss dorthin veranlasste. Jedenfalls waren die jüdischen Schneider und Schneiderinnen in der denkbar schlechtesten Lage; die Bildung von Gewerkschaften schützte sie weder vor Hungerlöhnen und unerhörter Ausbeutung, noch vor anderen sozialen Misständen, wie Wohnungselend oder gar völlige Brodlosigkeit. Jedes Schiff brachte neue Mitbewerber und da die'meisten Neuangekommenen mittel los das Land betraten, häufig auch eine zahlreiche Familie mitbringen, so unterboten und . unterbieten sie sich als Arbeiter aller Branchen. Trotzdem die ausgezeichnet organisierten sozialdemokratischen TJnions bemüht sind, höhere blühenden Geschäften, grossen Läden pp. Als Glaser be-lLöhne zu erzwingen, scheitern die meisten Strikes dadarch