Mannheim
Compact Memory

Bericht der Großloge für Deutschland · 1904-11-01 · Nr. 8 - November · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bericht der Großloge für Deutschland
Volume
1904
Issue
Nr. 8 - November
Date
1904-11-01
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/4864325-6028963-6074096--0753-4864912
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

— 92 — I Und deshalb Ut es wiederum nur im Sinne Laskers, dass unsere Ordenstendenzen keinen anderen Standpunkt kennen, uns vielmehr ausdrücklich gebieten, Patriotismus zu pflegen und zu fördern. Wer von unseren Aufgaben spricht, der knüpft gern an unsere -Haupttugenden an, die Wohlthätigkeit. Brudeiliebe und Eintracht Und thatsächlich sind diese 3 Tugenden'das Leitmotiv unseres Ordens. Dass wir Recht haben, die Wohl- 'hätigkeit an die Spitze der erziehlichen Tugenden zu stellen, können wir wiederum von Lasker lernen, der in einer Rede in einer amerikanischen Loge Folgendes aussprach: „Bei meiner Reise durch Amerika haben die wohltätigen Anstalten der Juden einen besonders tiefen und befriedigenden Eindruck auf mich gemacht. Ich sehe in diesem lebhaften Interesse an den Werken der Liebe und der Wohlthätigkeit die schönste und erhebendsteiAuffassung des Judenthums. Die Juden, sie legen dadurch Zeugniss ab für das Gute, welches in der jüdischen Rasse zu finden ist, wo immer dieselbe auch wohnen mag." Und unsere, von uns zu übende Wohlthätigkeit, sie ist eine eigenartige, die sich in Almosen nicht ausschöpft. Unsere Wohlthätigkeit, sie hat vorbeugender Xatur zu sein. Wir haben die Thränen zu trocknen, noch ehe sie geweint sind, wir haben den Bruder zu stützen, ehe er strauchelt. Nicht bloss dem Tiefgebeugten sollen wir die Hand entgegenhalten damit er, matt, sich wiederaufrichte, auch dem noch Rüstigen sollen wir mit kräftigen Armen durchs Leben führen, damit ■ er keine Ermattung wahrnehme. Nicht das Elend dürfen wir abwarten, bis es seine Furchen tief eingegraben, die wir dann nicht mehr glätten können,- vielmehr dem nagenden Kummer den Eintritt abwehren, bevor er mit stürmischer w Macht eindringt. Dazu bedarf es der Einsetzung aller Kräfte. Auch bei unserem Wohlthun müssen wir Opfer bringen, bis an die äusserste Grenze der Möglichkeit gehen. Wiederum ganz so, wie Lasker wohltbätig war, von dem Ludwig Bamberger in seiner Gedenkrede gesagt hat: „Lasker war kein Utopist; nur in einem Punkte vielleicht, in seiner Wohlthätigkeit. Man hört manchmal von einem Menschen, der eiden grossen Aufwand in der Lebensführung macht, sagen : woher nimmt er die Mittel zu solchem Aufwände? Bei Lasker-konnte davon freilich nicht die Rede sein. Aber ich, der ich in seine Verhältnisse hineingeblickt habe, ich habe mich manchmal gefragt: woher nimmt Lasker die Mittel für all seine Wohltätigkeit? Für irgend einen Hilfsbedürftigen, wenn ein Jüngling im Studium oder wenn eine herabgekommene Familie zu unterstützen war, immer war Lasker unter denen, die sich selbst am Höchsten besteuerten. So vom Grossen bis zum Kleinsten war er voller Aufopferung, voller Menschücbkeit und Hingebung." Und dann giebt es auch eine Wohlthätigkeit, die nicht bloss in Darreichung von Gtld und Arbeitsgelegenheit besteht. Viele von uns sind nicht im Stande, grosse Geldopfer zu bringen und andererseits vielen Menschen, die mit Glücksgütern gesegnet sind, bangt es doch na"eh Theilnahme und Mitgefühl, sodass unsere .Wohlthätigkeit von selbst damit zum zweiten Leitmotiv unseres Ordens, zur Bruderliebe übergeht, der Bruderliebe, von der Lasker in einer seiner Reden in Amerika gesagt: ,,Als die Gottheit Israel auserwälte, um der Führer ' und der Lehrer der Nationen zu sein, sollte, wie ich es auffasse, ein grosser Theil der Pflicht in der Ausübung der Bruderliebe bestehen, welche jüdische Charaktereigenschaft is*," der Bruderliebe, welche sich nicht beschränkt auf die Mitglieder unseres Bundes, nicht auf die Mitglieder unseres Glaubens, sondern auf die ganze Welt, sodass unsere Bruderliebe zur Menschenliebe wird. j. Freilich, wir machen keinen jäehl daraus, dass wir in erster Reihe unsere Liebe undi Hilfe unseren Glaubensgenossen zuwenden und wenn wir unsere Aufgaben überdenken, den Opfern der Verfolgung zu Hilfe zu kommen, so bringen es die Verhältnisse leider von selbst mit sich, dass die Verfolgten unsere Glaubensgenossen sind. Nach dieser Richtung stehen wir auf dem Standpunkte, dass auch unsere, der deutschen Juden Ehre angegriffen wird, wenn irgendwo Juden ihres Namens und ihres Glaubens wegen bedrängt weiden und dass wir Juden in Dentschland deshalb nicht die Hände in den Schoss legen dürfen, wenn diejenigen, welche unseren Glauben bekennen, ausserhalb Deutschlands schütz- und wehrlos der Willkür der Machtgeber und den rohen Ausbrüchen der Masse preisgegeben sind. Das ist der Grund, weshalb die Hilfsaktionen für Galizien, Rumänien, Russland einen so breiten Raum in unserer Thätigkeit einnehmen. Wiederum ganz im Sinne Laskers, dessen grosse unq erfolgreiche Theilnahme} am russischen Hilfscomi'e bekannt ist, der seine ganzen Kräfte daran setzte, um im deutschen Parlamente zu erreichen, dass im deutschen Handelsvertrag mit Rumänien die volle Gleichstellung auswärtiger, jüdischer Kaufleute von Rumänien anerkannt werden musste und der, als im Jahre 18G3 an dem Pflegling eines gewissen Markus in Jerusalem ein Verbrechen begangen und der Pflegevater selbst misshandelt worden ist,' eine Interpellation an die preussische Regierung richtete, da Markus preussischer Schutzbefohlener war, und nicht eher ruhte, bis seine Interpellation die Absetzung des preussischen Konsuls zur Folge hatte. Zu dieser Bruderliebe erziehen wir uns durch das Gebot, sich selbst zu erkennen. Denn nur der, welcher erkannt hat, dass auch sein eigenes Spiegelbild harten Kampf mit sich selbst, mit seinen Leidenschaften und Schwächen fordert, nur der wird auch mit den Schwächen der anderen Menschen Nachsicht haben, nur der wird den Menschen ehren und lieben. Aber freilich, diese Bruderliebe,, die die höchste Toleranz gegen jedermann gebietet, sie kennt eine Grenze : Gegen das Gemeine und Schlechte sind wir nicht tolerant, auch wenn wir sie bei einem Bruder finden. Auch das haben wir wieder von Lasker gelernt, der in seiner jereits erwähnten Rede, von der man ihn abhalten wollte, durch die Drohung, dass man dann auch seine Freunde und Glaubensgenossen an den Pranger stellen würde, erklärte: „Meine Herren, ich verspotte solche Drohungen. Wer ein gutes Gewissen hat, braucht sich um solche Dinge garnicht zu kümmern. Und wenn, was Gott verhüten möge in die Reihen der anständigen Männer sich solche eingeschlichen haben sollten, die nicht in diesem Kreisen sich zu bewegen verdienen, dann hinaus mit ihnen." Das ist auch unser Standpunkt. Der Orden verlangt von seinen Mitgliedern, dass sie in ihrem beruflichen, ge-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.