Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1904
- Issue
- Nr. 8 - November
- Date
- 1904-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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—! 91 — Und wenn wir in unserem Orden nur Juden vereinigen so wollen wir uns nicht abschliessen von den Andersgläubigen, wenn man uns nur nicht abschliesst. Die jüdische Noth ist es, die die Juden zu einer Gemeinschaft zusammengeschmiedet; nicht nur die gemeinsame Religion nicht nur die gemeinsame Abstammung vereinet die Juden sondern auch das Bewusstsein, gleichen Unbillen ausgesetzt zu sein. Das allein würde den Zusammenschluss einer Auslese hochstrebender Israeliten schon rechttertigen. Mit seinem Aufruf, Israeliten zu vereinigen zur Förderung der höchsten und idealsteh Güter der Menschheit, da schuf der Orden einen Sammelplatz für das Judenthum fern von dem Getümmel der Gasse, in den geweihten Hallen der Logen tempel. Mit seinem Appell zur Selbsteinkehr und zur Selbstzucht wies er uns den richtigen Weg zur Abwehr gegen unsere Feinde. Ein Jeglicher, der im Geiste unserer Ordensprinzipien wirkt, der soll zum personifizierten Protest gegen die schmählichen Lügen jener Gegnerschaft werden welche keine andere Waffe als das Gift der Verleumdung besitzt. i Und so wollen wir in unseren Logen den Kampf gegen die Vorurtheile der Masse gegen uns Juden aufnehmen durch Selbstemanzipation, durch Aechtung und Beseitigung alles dessen, was der Abneigung gegen uns gerechten, ja auch nur ungerechten Anhalt giebt. Auf uns Juden selbst wollen wir wirken und um nach dieser Richtung helfend einzugreifen, sind manchmal Dinge zu besprechen, die Interna der jüdischen Glaubensgemeinschaft bilden unc welche die Juden, schon um antisemitischen Angriffen vorzubeugen, nicht in weitere Kreise tragen dürfen, wenn sie auch sonst nicht das Licht der Oeffentlichkeit zu scheuen haben. Das ist der überaus einfache Grund, weshalb wir hier nur Juden vereinigen. Eine Abschliessung gegen die Andersgläubigen beabsichtigen wir nicht. Denn das wäre eine Versündigung gegen den Geist unserer Zeit, gegen den Geist der allgemeinen Humanität, der jede soziale Ab Scheidung der Menschen wegen Rasse, Farbe und Religion verwirft, gegen den Geist, der auch uns Juden zuruft, dass wir aufgehen sollen in der Gemeinschaft der Völker, unter denen wir leben, mit denen wir ein Vaterland und ein Gesetz haben. Wäre der Vorwurf der Abschliessung gerechtfertigt, wir dürften uns nicht den Namen „Lasker-Loge" beilegen, den Namen des Mannes, dessen Sinn für das Schöne, dessen tiefer Respekt vor der Forschung ihn bewog, mit Vorhebe Umgang mit Männern der- Wissenschaft und Kunst aufzusuchen ohne Rücksicht auf ihre Confession; den Namen des Mannes, der mit den edelsten Christen seiner Zeit herzliche Freundschaft verband und an dessen Bahre mehr Christen als Juden Worte des Schmerzes und der Anerkennung sprachen. Und wenn man Sie, meine Verehrten, nach dieser Richtung hin einmal iiterpelliren sollte, dann antworten Sie nur, dass auch wir den Umgang mit Andersgläubigen als etwas Erspriessliches erachten, dass wir die Annäherung und den Verkehr mit den Andersgläubigen wollen, dass wir ihn aber nicht mehr als eine Ehre und als eine Auszeichnung betrachten wollen, sondern als ein selbstverständliches Anrecht. Ja, wir wollen die Gemeinschaft mit den Andersgläubigen, aber wir wollen sie nur, dort eingehen, wo wir die volle Ueberzeugung haben, dass es um unserer selbst willen, um unserer Persönlichkeit willen beabsichtigt wird. Ja, wir verlangen mit allen unseren Kräften für uns Juden die volle Gleichheit der Rechte, aber dieser Gleichheit der Rechtesetzen wir zur Seite: die Gleichheit der Pflichten. Und um uns zur Erfüllung aller dieser Pflichten befähigt zu machen, das ist, Mitzweck unserer Vereinigung. Wir müssen unausgesetzt darnach streben, unsere Mitbürger vom Gegentheil dessenzu überzeugen, dessenLfflan uns zeiht. Unsere Erscheinung und unsere Handlungsweise müssen das beste Zeugniss für uns ablegen. .Vergessen wir nicht, dass man uns, selbst wider unseren Willen, eine Solidarität, wenigstens in dem, was man uns Tadelnswertes zuschreibt, auterlegt.. Was ein Jude verschuldet, müssen Alle büssen. Das ist ja der Denkfehler unserer Widersacher, weil es einzelne schlechte Juden giebt, weil esmangel- und fehlerhafte Juden giebt, deshalb, was von solcheh Mängeln und Fehlern vorhanden ist, von allen Juden auszusagen. Jeden jüdischen Spitzbuben stellen sie jubelnd an den Pranger als ausnahmslosen Semitentypus. Aber da diese Solidarität einmal besteht, so handelt jeder Jude doppelt , uhrecht, *wenn er gegen das Sitten- und Strafgesetz fehlt. ' Wie unser Lasker, so muss ein Jeder von uns sich bemühen, der lebendigste Protest zu sein gegen die absurde Lüge von dem Materialismus des Judenthums; wie Lasker, der in seiner berühmten Rede gegen die Ausschreitungen des Eisenbahnconcessionswesens von sich sagen konnte: „Mein ganzes Leben habe ich darauf eingerichtet, dass Jeder meiner Schritte die öffentliche Prüfung in. Beziehung auf Geldangelegenheiten bestehen kann: dass ich alles zurückgewiesen habe, was nicht allein in direkten Widerspruch, sondern überhaupt» in irgend eine Concurrenz mit meiner öffentlichen Tätigkeit treten könnte." i Ebenso ungerechtfertigt wie der Vorwurf der Abschliessung ist der oft gehörte Vorwurf, dass wir durch unsere Vereinigung zeigen, dass wir uns weniger als Deutsche denn als Juden fühlend Angriff und Abwehr verlangen Kenntnis! Wer aber das Judentum kennt, der wird dessen inne sein, dass man von ihm nicht abzurücken braucht, um seinem Vaterland ein treuer Sohn zu sein, der wird wissen, dass das Judenthum seinen Bekennern gebietet, den König zu heben, das Vaterland zu ehren und.in Treue anzuhängen. Und ich denke nach dieser Richtung dürfte es genügen, wenn wir zur Abwehr dieses Vorwurfes auf unseren Glaubensgenossen Lasker hinweisen, an dessen Bahre nicht nur seine politischen Glaubensgenossen, sondern auch seine Gegner, nicht nur seine Religionsgenossen, sondern auch die Bekenner der christlichen Religion den folgenden Worten seines Freundes zustimmen mussten: „Im ganzen deutschen Volke schlug nie ein Herz treuer für Deutschland als das Eduard Lasker's! Wie er auch gekämpft und gestritten, über allen Kämpfen der Parteien stand ihm eins: das war das Vaterland. Die Liebe zum Vaterlande, sie ist ihm in .seinem ganzen politischen Leben ein Leitstern gewesen. Die Wohlfahrt des deutschen Volkes hat ihn geleitet bei all' seinem Thun und Handeln; in welcher Weise er auch handelnd auftreten und seinen Ueberzeugungen gemäss wirken mochte, sein höchstes Ideal, das war die nationale Grösse des deutschen Reiches." L