Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1904
- Issue
- Nr. 8 - November
- Date
- 1904-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Abgeordneten < jüdischer Konfession werden sich gewiss nicht abhalten lassen, die Gleichberechtigung ihrer Glaubensgenossen zu vertheidigen, ebenso wie sie die Gleichberechtigung einer andenen Kontession vertheidigen würden, falls sie angegriffen werden sollte. Aber man wird berücksichtigen müssen, dass dieser Standpunkt dem grossen Charakter Laskers entsprang, dass er stets nur die Gesammtheit im Auge hatte: gerade das entsprach seiner edlen Gesinnung, dass er von der Erweckung des Rechtsgefühls und des Pflichtbewusstseins der Gesammtheit die völlige Heilung der Juden auch für den Einzelnen erwartete. Er meinte, dass. wie an seinem Grabe "gesagt wurde, ..wenn erst die Rechtsgleichheit und die treie Entfaltung aller Kräfte tür die Gesammtheit gesichert sei. sich dann auch in den einzelnen Theilen die Liebe und die Wahrheit. Gerechtigkeit und Friede begegnen würden". Und dann waren auch zu seiner Zeit die Verhältnisse der Juden nach jeder Richtung besser als jetzt. Als er in Amerika einen Vortrag hielt, da hatte er ein Recht, über die deutschen Juden Folgendes zu sagen : -Die Juden gehören zu den besten Bürgern Deutsch- lands. Sie machen nicht nur in intellektueller Beziehung grosse Fortschritte, sondern auch in der Industrie, in der sie geachtete Stellungen sich erringen. Dem juristischen Berufe geben sich eine Menge von ihnen hin und erlangen hohen Rang unter ihren Kollegen. Ihrem Streben nach hohen Posten stehen Schwierigkeiten nicht im Wege. Im medizinischen Fach ist der Eintluss der Juden fühlbar und auf _ dem Gebiete der Wissenschaft nehmen sie eine -eminente Stellung ein. Auch hier treten ihrem Weiterkommen keine Hindernisse entgegen. An den Universitäten sind sie zahlreich zu linden und Viele nehmen Lehrstühle ein-.- Als nach Beendigung des Krieges gegen Frankreich eir. oslpreussisches Infanterie-Regiment von den enthusiastischen Bürgern freudig begrüsst in Berlin einzog, da konnte .-ich der Abgeordnete Lasker den Wunsch nicht versagen, den ihm vorgestellten Oberst nach der Aufführung der im Regiment kämpfenden Israeliten zu tragen. .Brav, sehr brav, "mein lieber Herr Doktor, haben sich meine Leute geschlagen, "ich hätte es Ihnen gewünscht, zu sehen" antwortete lächelnd der Oberst. rDanke verbindlichst Herr Obersf entgegnete Lasker,. „aber ich bitte um Verzeihung, erstreckt sich Ihre Zufriedenheit auch auf die Juden T* .Juden"' ruft erstaunt der Oberst, ..Juden, .Herr Dotaor kenne ich garnicht. Wer bei mir in des Kaisers Rock steht, seine Pflicht und Schuldigkeit erfüllt, für das Vaterland sein Leben einsetzt, für den habe ich nur eine Benennung : Soldat!" In Laskers dankbarem Blick glänzten Thränen der Freude, es that seinem Gemüthe ungemein wohl, auch dort, wo bisher das schärfste Vorurteil geherrscht, nunmehr gerechte Anschauung zu finden , Und bei der Berathung des Gesetzes über den freiwilligen Austritt der Juden aus der jüdischen Gemeinde, da konnte noch ein Mitglied des Herrenhauses — und es Jst für Sie interessant, dass dieses Mitglied Friedländer-Bromberg war — feststellen, dass im Herrenhause selbst zwei Juden sitzen. Herr von Kleist -Retzow fing seine Rede mit den Worten an: ,.Ich habe die herzlichste Theilnahme für das VolkderJuder... das Heil ist den Christen durch die Juden geworden.' Und Herr Baron von S e n ff t-Pilsach begann seine Rede mit den Worten : ..Jeder gute Christ hat Sympathie für das Judenthum aus dem Grunde, weil auch der Christ ebenso gut durc\ das alte Testament verpflichtet ist wie die Juden und der Christ, der das nicht ane/kennt, der muss auch au, dem Christenthum ausscheiden." So waren damals die Verhältnisse der Juden und da^ ist der berechtigte Grund für Lasker gewesen, Enthaltsamkeit zu üben, die Sache seiner Religionsgenossenschaft y.x führen. Wie haben sich die Verhältnisse für die Juden in den letzten Dezennien geändert! An Stelle der lichten Ausblicke, welche die politischen Verhältnisse von damals den Juden boten, sind. manche dunkle Punkte getreten. Die gesetzliche Gleichberechtigung freilich, sie ist geblieben, aber jetzt nur noch auf dem Papier. Die Gleichberechtigung, sie hat die Gleichberücksichtigung nicht mehr zur Foige. Jahrhunderte schwanden, neue Anschauungen und Erleuchtungen, Entdeckungen und Offenbarungen verscheuchten alte Vorurtheile, wie z. B. die Ordalien . den Hexen- und Gespsnsterglauben. Nur ein Vorurtheil ist das alte geblieben: das gegen;die Juden. Wenn man die Feindseligkeiten der letzten Jahre überblickt, so darf man sich, so traurig auch die Thatsache ist, der Ueberzeugung nicht verschliessen. dass die Abneigung gegen uns eine tie. ist. als man vor Jahren noch annehmen musste und dass diese sobald nicht schwinden wird. Das Gift des Hasses, zeigt seine Wirkung überall, in der Oeffentlichkeit und im privaten Verkehr. Geschäftliche und gesellschaftliche Aechtung der Juden ist auf der Tagesordnung. Ja, selbst der verwitterte Schutt und Moder alter Vorurtheile und Verfolgungen-wird aus der mittelalterlichen Rumpelkammer ans Tageslicht befördert. Brauche ich . hier erst an da nahe Könitz zu erinnern? Freilich der Antisemitismus — diese Schmach des 19. Jahrhunderts — war auch schon zur Zeit Laskers in Blüthe. Und es spricht wieder für sein edles Herz, wie er darüber dachte. Am Abend vor seinem Geburtstage suchte BertholdXuerbach seinen Freund Lasker auf und sie kamen auf die Antisemitenbewegung zu sprechen. Mit Thränen in den Augen erzählte der greise Dichter, dass man ihm „Hepp Hepp" nachgerufen ur. fügte hinzu; „69 Jahre alt bin ich geworden und mein Arbeit hat nur dem Deutschen Volke gegolten und als Mann mit weissem Haar muss ich dies erleben." Da war es Lasker, der ihn tröstete. ,,Was wollen Sie," erwidei Lasker, „wollen Sie einem Kranken einen Vorwurf darau machen, dass er die Cholera hat. Auch der Antisemitismu ist eine Epidemie, die vorübergehen wird." Diese Ruh Laskers der antisemitischen Bewegung gegenüber stellt ihn zwar psychologisch hoch, aber für die Sache selbst können wir seinen Standpunkt heute nicht mehr theilen. Auch einer Krankheit gegenüber darf man die Hände nicht in den Schoss legen, sondern muss auf Heilmittel denken und die Erkenntniss muss eine allgemeine werden, dass es in erster Linie den Juden selbst, den von der Noth selbst Betroffenen obliegt, sich zu wehren und unentwegt zu kämpfen, bis Recht und Gerechtigkeit zur Wahrheit geworden ist. " f - t