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Bericht der Großloge für Deutschland · 1904-10-01 · Nr. 7 - Oktober · p. [Seite]

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Journal
Bericht der Großloge für Deutschland
Volume
1904
Issue
Nr. 7 - Oktober
Date
1904-10-01
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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zu vertiefen. Bei dieser Thätigkeit heisst es, die einzelnen massgebenden Momente psychologisch fein abzuwägen, um jeden Missgriff zu verhüten;, gerade hier auf religiösem Gebiet wird oft Grosses bewirkt, wenn der alte Grundsatz /he<- cjuid nimis! gar zu viel ist ungesund, beherzigt wird. ' Die deutsche Jugendlitterafur reicht ungefähr 150 Jahre zurück. Sie verdankt den philantropischen Bestrebungen eines Basedow, Campe und Salzmann ihr Entstehen. Diese wieder waren von Rousseau's rEmilu, dem Buche von der Erziehung, beeinflusst worden. Der Genfer Philosoph be merkt u.a. in diesem epochemachenden Werk: „Die Natur will, dass die Kinder Kinder sein sollen." War nämlich , bis dahin in den Schulen von einem erziehlichen Unterricht keine Rede, herrschte vielmehr Unnatur und Carricatur, Ge dächtniss-, Folter-, Stock- und Willkür-Regiment, so sollte von nun ab über dem Kinde ein heiterer Himmel strahlen Spielend sollte das Kind in Schule und Haus Wissensschätze sich aneignen. Es entstand die Jugendschriftenlitferatur N'och ein wichtiges Moment trug zu ihrer Entstehung bei Der Zusammenhang zwischen Volk und Dichtung war gelockert worden und nun sollte das Kind die Bef4higung gewinnen,, mit den Schätzen der deutschen Nalionallijteratur allmählich vertraut zu werden. In Bezug auf die jüdische Glaubensgenossenschaft gewahren wir eine ähnliche Erscheinung. Während eine grosse ' Zahl Erwachsener in religiöser Gleichgültigkeit verharrt, sind idealgesinnt^ Glau bensgenossen eifrig bemüht, der jungen Generation1 frischpulsirendes Leben einzuhauchen. Während früher j Leben und Lehre correlate Begriffe waren, sind sie in unseren Zeitläuften fast zu conlrären Gegensätzen geworden. Es wird der Schaffung einer jüdischen Jugendlitteratur das Wort geredet. Der Philosoph Herbart, in dem viele Lehrer Unserer Tage einen Meister verehren, sagt: „Schon die Absicht zu bilden verdirbt die Kinderschriften; man yergisst dabei, dass Jeder, und auch das Kind, sich aus dem,^was es liest, das Seinige nimmt, und nach_seiner Art das Geschriebene und den Schreiber beurtheilt. Stellt Kindern das Schlechte dar, deutlich, nur nicht als Gegenstand der Begierde; sie werden finden, dass es schlecht ist. Unterbrecht eine Erzählung durch moralisches Raisonnement; sie werden findet., dass ihr langweilig erzählt. Stellt lauter Gutes dar; sie werden fühlen, dass es einförmig is,t, und der blosse Reiz der Abwechslung wird ihnen das Schlechte willkommen machen Und Heinrich Wolgast, einer der ersten Worfübrer aul dem Gebiete der künstlerischen Erziehung der Jugend, verwirft in seinem Buche: Das EJend unserer Jugendlitteratur i Hamburg 1896) jede Tendenzschrift in der spici fischen Jugendlitteratur. Er sagt daselbst Seite 19: „Die Jugend mit den Erzeugnissen jener tendenziösen Jugendschriftstellerei nähren, heisst dem Banausenthum immer neue Opfer zuführen, dem Volke den litterarischen Genuss, der Litteratur den naturgemässen Nährboden entziehen." Zu dieser Art von Schriften müssen wir schliesslich auch jüdische Jugendschrilten moralischen Inhalts zählen. Wenn wir auch nicht auf die Worte der Meister zu schwören brauchen, so dürfen wir doch nicht d»n berechtigten Kern aus den Augen verlieren. Wir brauchen die künstlerische Erziehung nicht als das A und O anzusehen, sondern coordiniren der Idee des Schönen die Idee des Wahren und Guten. Immerhin hat die grell zu Tage tretende moralische Tendenz der Jugendschriften — vom pädagogischen und religiösen Standpunkt aus — ihre bedenklichen Schattenseiten. Die kleinste Unwahrheit, das geringste Scheinwesen ist Gift für die religiöse Gesinnung, bemerkt Diesterweg. Unter allen Umständen aber muss die dichterische Form der Jugendschrift ein Kunstwerk sein. Fort mit jedem seichten und oberflächlichen Machwerk! Wir wollen den litterarischen Geschmack unserer Jugend bilden, und sie aufnahmefähig machen für die edelsten geistigen Genüsse, aber nicht durch flache Leetüre den Sinn für alles Schöne, Wahre und Gute, den Sinn für die erhabensten religiösen Wahrheiten schon in der Jugendzeit ertödten. Für unsere jüdische Jugend wüssten wir keine bessere Leetüre in Vorschlag zu bringen, als Sage und Geschichte. Zu diesem Zwecke müssten abgerundete, volkstümlich gehaltene geschichtliche Einzelbilder in biographischmonographischer Form verfasst werden. An solchen Biographen — von sach- und fachkundiger Hand geschrieben — fehlt es uns. An Helden solcher Geschichtsbilder, an hervorragenden Männern, ist die jüdische Geschichte und Litteratur gottlob nicht arm. Auf die Bedeutung der biographischen Form brauche ich auch nicht hinzuweisen, ich erinnere nur an Goethe's Wort: „Ein Jeglicher muss seinen* Helden wählen, dem er die Wege zum Olymp hinauf sich nacharbeitet." — Damit die Privatlectüre den Charakter einer erfrischenden Erholung behält, ist es eine gebieterische Forderung, sich um die Leetüre der Kinder zu kümmern, dafür zu sorgen, dass die Leselust nicht in.Lesewut ausartet. Hierbei sei ausdrücklich hervorgehoben, dass sich unsere jüdische Jugend auch noch mit den Erzeugnissen der. deutschen Jugendlitteratur beschäftigt. Nach unserer festen Ueberzengung liest die Jugend — besonders der wohlhabenderen Gesellschaftsklasse — in ihren Mussestunden zu viel, viel zu viel auf Kosten einer normalen geistigen und körperlichen Entwickelung. Die Parole dürfte Jauten: -Weniger Leetüre-und mehr Ueben und Stärken der Muskelkraft! Waitz in seiner allgemeinen Pädagogik S. 94 sagt mit vollem Recht: „Das Gefühl körperlicher Gesundheit und Stärke giebt die sicherste Grundlage ab für die Charaktereigenschaften des Mutes, der Entschiedenheit und Besonnenheit; die Verweichlichung des Körpers dagegen zieht geistige Erschlaffung nach sich und erschwert die Selbstbeherrschung, während körperliche Anstrengung und Abhärtung eine gute Vorschule ist für geistige Energie, Standhaftigkeit.und Unnachgiebigkeit gegen sich selbst." Nach unserer weiteren Erfahrung'lesen die Erwachsenen viel zu wenig Schriften jüdischen Inhalts. Sie müssten vor allem in das jüdische Schriftthum sich vertiefen, um mit der GesGhichte ihres Stammes vertraut zu werden und aus einem Born- Erquickung und Stärkung schöpfen, um einen sicheren Halt in sturmbewegter Zeit zu finden. Lasst uns besser werden, bald -wirds besser sein. Br. Dr. Heinemann-Frank fürt a. . M,* ' " Nach Rücksprache mit dem in den Ausschuss zur Förderung der jüdischen Jugendlitteratur kooptierten Br. Dr. Adler möchte ich Ihnen, zugleich in seinem Auftrage, das Ergebniss unserer Berathungen mittheilen.

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