Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1904
- Issue
- Nr. 6 - August
- Date
- 1904-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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— 74 — sie imstande sein werden, das Unternehmen noch weiter auszugestalten. Nicht anerwähnt soll noch bleiben, dass den Besuchern der Toynbee-Halle an jedem Abend, während der Pause Thee und Gebäck gereicht werden wird, gleichfalls unentgeltlich. An mehreren, namentlich grösseren Plätzen, wo Logen existieren, haben diese Arbeitsnachweise errichtet, die Taugenden Gelegenheit zum ehrlichen Erwerb geboten, und aus Almosenempfängernselbstthätige Menschen erzogen haben. Die-Grossloge f. D. strebt nun an. dass möglichst aller Orten, wo sich unsere Logen befinden, Arbeitsnachweise errichtet werden mit einer Organisation, bei welcher auch die an kleinen Plätzen wohnenden Brüder mitzuwiiken vermögen. Später soll, ein Verband der Arbeitsnachweise gebildet werden, der sich über ganz Deutschland erstreckt, wodurch ein noch 'wesentlich grösserer Erfolg zu Gunsten der Armen erzielt •werden könnte. I Die Frage, wie ist es möglich, die planlose Auswanderung aus Rassland, Galizien and Rumänien in geordnete Bahnen zu lenken etc. beschäftigt seit längerer Zeit nicht nur die Grossloge f. D., sondern den gesamten Orden, denn so wie bisher kann es nicht weitergehen. In gar nicht hoch^ genug zn Schätzender Weise waren unsere Brüder in Amerika bis jetzt bemüht, die dort ankommenden Einwanderer über das ganze Land zn verteilen, um die übergrosse Ansammlung an einem Orte zu vermeiden, wodurch sehr leicht .judenfeindliche Strömungen entstehen können, und leider auch schon entstanden sind. Mit den ungeschulten Kräftea liess sich drüben nichts anfangen, und wohl hierauf zumeist ist es zurückzuführen, wenn in manchen überseeischen Ländern nun gesetzliche Verbote gegen Einwanderungen gefordert werden. Neuerdings ist innerhalb iea Deutschen Distrikts angeregt worden, zunächst die Auswanderer durcty Erlernung eines Handwerks zur Auswanderung zu erziehen, und einen Arbeitsnachweis in Amerika zu errichten, auf dessen Nachricht hin von dem Vorhandensein geeigneter Arbeitsgelegenheiten dieEntsendung tauglicher Kräfte nach dort erfolgen soll.- Die Errichtung und Leitung dieser ganzen Organisation ist dem Orden'zugedacht. Aus der Befürchtung heraus, dass für eine derartige Autgabe die Kräfte des Ordens nicht ausreichen dürften, soll hierüber zunächt eine Verständigung unter den Grosslogen der drei Europäischen Distrikte erfolgen, und ist hierfür eine Delegierten-Confereaz für den 23. Oktober er. anberaumt worden. In letzterer soll auch die Errichtung einer sogenannten Handwerkerbank in Rumänien berathen werden, und um Angabe evtl. weiterer Gegenstände für die Tagesordnung sind die Europäischen Grosslogen ersucht worden. Welche Bedeutung und grosse Wichtigkeit eine Bank in Rumänien hat, die den Zweck verfolgt, kleinen Handwerkern dort Darlehen zu gewähren, die sie von keiner anderen Seite erhalten können, weil sie Juden sind,: und somit jetzt ihr Handwerk gar nicht betreiben könuen, bedarf wohl keiner weiteren Erörterung. Durch den russisch-japanischen Krieg stockt Handel und Gewerbe in Rassland, wodurch namentlich an grösseren Plätzen daselbst unsere Glaubensgenossen. in grosse Noth ond Bedrängnlss gerathen sind. Auch demgegenüber, regt sich der jüdische Wohltätigkeitssinn. Die Alliance Israelite Universelle hat 100 000 Francs, der Hilfsverein der Deutschen Juden 50 000 Markgespendet, und dem General-Comite wird nach Erhalt weiter erbetenen Aufschlusses vorgeschlagen werden, auch unserseits durch Bewilligung von 5000 Mark an dem Hilfswerk theilzunehmen. wie das wohl auch seitens anderer jüdischer Organisation^ erfolgen wird. Die Zuführung jüdischer Knaben zum ünterofflzlerberufe ist von einer unserer Logen angeregt worden; diese Anregung wurde von der Grossloge an den Central-Verein Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens weitergegeben, da diese Angelegenheit mehr im Rahmen der Tätigkeit des Central-Verein liegt, und wie letzterer in der Sache verfahren, ergeben die,? jüdischen Zeitschriften der letzten Wochen. Gegenwärtig handelt es sich darum, unbeschadet gegent heiliger Anschauungeinige jüdische Knaben den Unteroffizierschulen zuzuführen, und es ^erscheint rathsam, dass sich die Logen hierfür interne>- sieren. Selbstredend kommt für uns bei dieser Frage Sur ein Moment, das der Auffindung eines Erwerbszweiges in Betracht. Dabei liegt der Gedanke so nahe, dass es unseie Sorge sein müsse, jüdische junge Männer mehr als bisher, auch dem kleinen Beamteustande zuzuführen, wobei in Frage kommen: Post, Telegraphie, Eisenbahn. Schutzmannschait. elektrische Strassenbahnen etc. etc. Wenn wir zu allen derartigen Erwerbszweigen unser Contigent stellen, dann wird mancher Vorwurf gegen uns verstummen, und die Grossloge sollte Stipendien gewähren, wo es sich darum handelt, junge Leute für derartige einzuschlagende Berufe verzubereiten. Besonders zu dieser Anregung sollten sich die Brüder ausführlich äussern. I Wie traurig die Erwerbsverhältnisse der jungen Mädchen _ in Galizien liegen, darf als bekannt vorausgesetzt werden; Kenner der Verhältnisse erklären, dass Galizien noch lange der kräftigste Nährboden für Prostitution und Mädchenhandel bilden wird, wenn nicht schleunigst zu Gunsten der dortigen Mädchen etwas energisches geschieht. Nun wird folgendes vorgeschlagen: „Es möchte jede unserer Logen in Deutschland und Oesterreich je zwei galizische Mädchen übernehmen^ und ihre Ausbildung— eine als Kindergärtnerin, die andere als Stütze der Hausfrau .— bewirken. Nach erfolgter Ausbildung (1 bis 2 Jahre)- würden die Mädchen nach Galizien zurückkehren. Die Reisekosten ebenso die Ausrüstungskosten würden von Galizien getragen werden. Die Ausbildungskosten tragen oder beschaffen die einzelnen Logen für die von ihnen übernommenen Zöglinge. Sobald eine Anzahl von'Mädchen ihre Ausbildung erlangt hat, kann eine neue Serie nach Deutschland etc. überführt werden. Es ist in Aussicht gestellt worden, dass das erforderliche Geld für einen solchen Plan in Galizien sich finden würde." Dieser Vorschlag wird das General-Comite in seiner nächsten Sitzung beschäftigen. Bei der Grossloge für Deutschland liegt ein Antrag auf Anstellung von Erhebungen vor, um eine Uebersicht darüber zu erlangen, ob es Vereine gibt, die sich zur Aufgabe gestellt, die Kinder der armen jüdischen Bevölkerung einem Berufe zuzuführen, und sie durch günstige Anregung wirtschaftlich und moralisch auf eine höhere Stufe zu bringen. Hierbei haben die Antragsteller in erster Reihe die weibliche Jugend in einem Berufe heranzubilden im Ange; sie äussern sich hierzu: „Nach dieser Richtung hin sind wir Juden weit im Rückstände geblieben. Während die jungen