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Bericht der Großloge für Deutschland · 1904-04-01 · Nr. 4 - April · p. [Seite]

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Journal
Bericht der Großloge für Deutschland
Volume
1904
Issue
Nr. 4 - April
Date
1904-04-01
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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53 — Refeient das Ueberhandnehmen des Chassidu-mus, den ver derblicheu Einfluss der orthodoxen Rabbiner, die rituellen (gesetzlich nicht anerkannten) Eheschliessungen uud die un ausrottbaren Chederim (rituellen Schulen) in Galizien zurück Redner verlangt vom Htlfsverein, dass er sich für die pein liebste Beachtung der Vorschriften über die Volksschulen um den Besuch dei selben einsetze. Der Correfent ist dem Referenten für seine Ausführungen sehr dankbar, möchte sich aber auch Air praktische Mass nahmen aussprechen, worunter er die Errichtung von Gatten und Gemüsebauschulen versteht. Auch die Gründung von Vorschusskassen wäre von mannigfachem Nutzen. Zum Zwecke der Debatte über die vorstehenden Wei Referate wird die Versammlung auf l/^l2 Uhr Nachmittag vertagt. Als erster Redner ergreift Br. Dr. Tenner (Weinberg] das Wort. Seine Ausführungen sind aus dem Grunde von lebhaftem Tnteresse, weil sie sich auf speeifisch-jüdische Verhältnisse in „Podolien" (dem äussersten Osten Galiziens) beziehen, wo der Jude häufig Landbebauer ist. Br. Dr Ten n er schildert die Verdrängung der jüdischen Landbauern durch die Be günstigang der kleim ussiseken Grundbesitzer seitens der Landesbehörden, welche ihnen billige Kredite gewähren. Die jüdischen Bauern fühlen sich daher gezwungen,' um das kärgliche Brot zu verdienen, auch am Sabbath hinter dem Pfluge zu gehen. Redner verlangt daher vom galiz. Hilfsvereine die Errichtung von Vorschusskassen in Ost galizien. Br. Dr. Thon legt besonderes Gewicht auf -die Förderung der Auswanderung und der auswärtigen Koloni sation. Andere Redner verlangen die Popularisierung der galizischen Hilfsaktion im Wege eines im jüdischen Jargon verfassten Journals.. Nachdem schliesslich die Debatte an ihrem Ende an gelangt ist, und die von einzelnen Rednern überreichten Resolutionen zahlreich einlaufen, werden die Wünsche und Anregungen der Teilnehmer in einer einzigen Entschliessung zusammengefasst und angenommen. Dieselbe gipfelt in folgenden Punkten: Der s. w. Verband wird ersucht, beim galiz. Hillsviereine nach folgenden Richtungen sich einzusetzen: 1 dass der Besuch der Volksschule seitens der jüdischen schulpflichtigen Kinder in Galizien mit allen gesetzlichen Mitteln erzwungen und die rituellen Eheschliessungen beseitigt werden, '2. dass Vorschusskassen errichtet, 3. Handwerker- und Gartenbauschulen errichtet werden, 4. dass die Auswanderung und Gründung von Kolonien gefördert werde und ' ' '*• «aalte 5. dass eine unentgeltliche Zeitung im jüdischen Jargon zum Zwecke der Popularisierung der Thätigkeit des galiz. Hilfsvereines herausgegeben werde, j Infolge vorgerückter Zeit und der Abwesenheit des Referenten, welcher sein Femblejben telegraphisch entschuldigt hatte, wird der Programmpunkt 2 (Erziehunjgsfrage) von der Tagesordnung abgesetzt und dessen Behandlung dem nächstjährigen Brudertage vorbehalten. 'Derselbe wird in Troppau tagen. An den s. w. Verbandspräsidenten Dr. Hamme rschlag wurde eine Begrüssungsdepesche abgeschickt. Zum Schlüsse dankt der Vorsitzeride allen Erschieneneu, freut sich der eifrigen Mitarbeit und schliesst die Ver- . . -* V ■ : * Sammlung. ' Am Abend fand ein gemeinsames Brudermahl statt. Beitrag zur Frage der Schaffung jüdischer Jugendschriften. Mit selbstredend regem Interesse habe ich dem neuesten Bericht der Grossloge das Referat des Br. R. Kaufmann- Stuttgart: „Reorganisation der Jugendlektüre und Beschaffung von Jugendschriften mit jüdischer Tendenz" gelesen. Sie gestatten mir, wenn ich Ihnen meine Ansichten darüber unterbreite. Vor allem muss man bei der Ueberwachung der Lektüre unserer Kinder bemüht sein, Schriften mit ausgeprägt;- christlicher oder gar antisemitischer Tendenz von Ihnen fern-; * V>« 1 •"*!.''" i zuhalten; sie .vergiften ihr'Gemüth. Schriften mit aufgeprägt confessioneller Tendenz zählen,'überhaupt zu den Auswüchsen der Jugendlitteratur. In dem „Wegweiser durch die deutsche Jugendlitteratur'- (Leipzig 1881) werden als „Merkmale einer guten Jugendschrift'' hervorgehoben/: ,\ Jugendschöffen, welche bedingungslos empfohlen werden sollen," müssen eine sittliche oder überhaupt belehrende und bildende Tendenz haben, der jugendlichen Fassungskraft nach For1n und Tuhalt entsprechen, anregend, aber keineswegs aufregend und die sogenannte Lesewuth befördernd geschrieben.seinWir. verwerfen alle Jugendschriften, die unsere Kinder in. einen einseitigen Gedankenkreis bannen. Wenn diejenigen Schriften, die zur Förderung einer biblisch-christlichen Weltanschauung dienen, von uns abgelehnt werden, so dürfen wir nicht in den. entgegengesetzten ' Fehler vei fallen. Unser modernes Zielbewus<tsein verlangt fuf^unsere Kinder eine gesunde Lektüre, die moralisier emlen Erzählungen gehören einem überwundenen Standpunkt' au, alles, was nach einseitiger Tendenz irecht, sollte unseru Kindern nicht dargereicht werden. Man glaubt eine uatüi liehe Frömmigkeit anzubahnen und zeitigtastatt dessen Scheiuheiligkeit uud Antipathie gegen jedes religiöse Empfinden: eine confessionelle Tendenz darf dem Kinde pichtaufgedrängt werden. Wenn die' „Allgemeinen Bestimmungen'1 des Kulturministers Falk Vom 15. Oktober 1872, die jetzt noch in Kraft sind, in- Bezug auf das Lesebucl|( das dem gesammten Unterricht im Deütsclieu zu Grunde lliegt, die Forderung ausspricht, dass es sich von kirchlicher}' und politischen Tendenzen lernhalten und der gesammte Inhalt den erziehlichen Zweck der Schule fördern-soll, so messen wir eine ähnliche Forderung an die J u g e n d s c h t i f t stellen. Diese unsere Auffassung hindert uns natürlich nicht, die von Professor Kuttner unserer: Jugend" erzählten jüdischen Sagen und Legenden nachdrücklichst zu empfehlen. Bei dieser Gelegenheit möchten wir noch auf einen empfindlichen Mangel hinweisen. Wir entbehren nocli -abgerundeter Lebensbilder aus dem reichen Inhalt unserer jüdischer! Geschichte und jitteratur — ohne wissenschaftlichen Beigeschmack, vielmehr allgemeinverständlich gehalten. Das ist noch des Schweisses der Edlen Werth. Vielleicht dient diese Anregung dazu, den Impuls dazu zu geben, anstatt die Herausgeber speci|fisch jüdischer Jugendschriften zu fördern, das Angenmerk auf die

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