Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1904
- Issue
- Nr. 3 - März
- Date
- 1904-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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— 41 — \ Bücher sie neben den eigentlichen Bildungsschriften fähren Desgleichen die Volksbibliotheken, Tarnvereine, Orts- und Jugendbibliotheken, deren Leiter durchweg Geistliche siDd. Sie alle fahren fast ausschliesslich Tendenzschriften im Sinne einer deutschnationalen und religiösen Erziehung, abgesehen von den vielen Vereins- und Fachbibliotheken, die das nur in sekundärer Linie thun. Die Basler, Wuppenthaler und ganz besonders die Berliner Stadtinission, welche sogar eine eigene sehr bedeutende. Buchhandlung besitzt, produziren jährlich neben den eigentlichen Traktätchen zahlreiche Jagendschriften mit christlicher Tendenz und verbreiten sie in Tausenden von Exemplaren. Die hiesige evangelische Gesellschaft hat das Monopol für die Verbreitung von evangelischen Büchern in Stadt und Land, wogegen der Barromäusverein, dessen "Sitz in Köln ist, die katholische Jugend mit frommen Büchern versieht. Nicht unerwähnt sollen bleiben der deutsche Sprachverein, sowie der Verein zur Erhaltung des Deutschthums im Auslande, die über die ganze Welt verbreitet sind und für eine Verbreitung und Erhaltung des Deutschthums im Auslände Sorge tragen. Nicht vergessen der alldeutsche Verein des Professor Dr. Hasse in Leipzig, dessen Thätigkeit -hon mehr zum Chauvinismus gehört. Nach _ dieser Abschweifung wird man füglich sagen "•dürfen, dass wir selbst als gute Deutsche ein Recht haben, unsere Tradition zu pflegen und unsern Kindern eine Lektüre zu bieten, die unsern Ueberlieferungen gerecht wird. Dies ist aber nicht nur ein Recht, es ist sogar eine heilige Pflicht, welche wir gegen uns selbst haben. Wir leben inmitten eines christlichen Staates, der die konfessionelle Seite besonders betont. Seitdem die bürgerliche Gleichheit der Juden ihnen eine grössere Bewegungsfreiheit im Staatsleben gewährt, haben sich als unvermeidliche Folge die Bande der Solidarität gelockert, vielleicht ist ei der erschwerten gesellschaftlichen Gleichstellung zuzuschreiben, dass dies nicht noch mehr als bisher geschehen konnte. Unsere Kinder werden, sobald sie das schulpflichtige Alter erreicht haben, dem familiären Einfluss nach und nach entzogen. Sie besuchen die christlichen Lehranstalten, um einen Unterricht zu erhalten, der in manchen Fächern eine einseitige Färbung hat; ich nenne hier vornehmlich den Unterricht .in Geschichte und Litteraturgeschichte. Die wenigen Stunden für jüdischen Religionsunterricht reichen gerade für das Nothwendigste hin. So sehr es im Interesse der Gleichheit aller deutschen Staatsbürger liegt, dass die Kinder die gleichmässige Erziehung, Ausbildung und Lebensanschauung erhalten, so birgt doch der jetzige Zustand eine gewisse Gefahr in sich, dass unsere Jugend, sofern sie nicht von frühester Zeit an erfüllt wird von Pietät für die wanderbare Vergangenheit unserer Glaubensgenossen, wenn in ihr nicht rechtzeitig der Sinn und das Interesse geweckt wird für jüdischen Geist und jüdische Eigenart, dass alsdann das Zusammengehörigkeitsgefühl noch mehr abgeschwächt wird. Man vergleiche einmal, wie vorteilhaft die christliche Jugend in dieser Hinsicht daran ist. Wie viele hundert Bücher giebt es, wo beispielsweise die sogenannte christliche Liebe als ureigenes Product des Christenthums in allen Variationen der Jugend gepriesen wird; wie viele hundert Schriften existiren, in denen die Erlösung, die Seeligmachung und Anderes den Kindern in schlichten Erzählungen dargelegt werden. Und was schliesslich^ die Tendenz von bestimmten Büchern betrifft, so kann ich aus meinem beruflichen Leben mittheilen, dass man in gewissen Kreisen hierin sehr penibel ist. Sehr ängstlich wachen fromme Katholiken darüber, dass ihre Kinder keine .Verherrlichung der Reformation in die Hände bekommen, andererseits sind religiöse Protestanten darauf bedacht, alles was päpstlich ist, in den Jugendschriften von den ihrigen fernzuhalten. Man ist hierin soweit gegangen, dass wir heutzutage Spezialhandluugen für , katholische und protestantische Litteratur haben. Aber da, wo die christlichen Confessionen ein bequemes Mittel haben, ihre Traditionen, der, Jugend einzupflanzen, fehlt es uns an geeigneter Lektüre für'die Kinder, welche das ersetzen sollte, was bei der früheren Abgeschlossenheit der Juden die häusliche Erziehung allein that. Eine eigentliche Jugendliteratur, welche nach-Inhalt und äusserer Ausstattung den modernen Anforderungen entspräche, haben wir nur in ganz unzureichendem Mäasse. Das erste Verzeichniss empfehlenswerther Jugendliteratur, welches vom Centraiverein jüdischer Lehrer im*, jüdischen Familienblatt publicirt wurde, führt unter '81 Nummern nur lti von jüdischen Autoreh und specifisch jüdischen Inhalts auf; und auch diese sind bei uns so gut wie gar nicht bekannt, was vielleicht'damit in Zusammenhang zu bringen sein wird, dass ihre Autoren weniger bekannte Namen enthalten — andererseits und das muss betont werden — ihre Ausstattung nicht den Anforderungen entspricht, welche man an ein modernes Buch stellt Nun ist ja .bekannt, dass gerade Kinder, deren Sinn für, Aeusserlichkeiten besonders empfänglich ist, auf typographische Ausstattung sehen und "Bücher mit hübschem Buchschmuck bevorzugen. « Dieses Fehlen einer ausgedehnten jüdischen Jugendliteratur ist eigentlich eine auffallende Erscheinung und \ässtj . sich schwer erklären. Denn einerseits darf doch als bekannt" vorausgesetzt werden, dass Israeliten" von je in der Schriftstellerei hervorragendes geleistet haben und ein beträchtliches Contingent unter den Autoren -stellen — sowie dass andererseits die ganze Vergangenheit des Judenthums, seine Sittenlehre und nicht zuletzt die Schätze des Talmuds genügend anregenden Stoff in sich bergen, der sich für die Jugend fruktificiren Hesse. ' Zur Vermeidung falscher Ansichten möchte ich hier einschalten, dass ich nicht daran denke, die vorhandene empfehlenswerte Jugendbücher voll und ganz auszuschalten zu Gunsten einer specifisch jüdischen Litteratur — das soll nur partiell geschehen. Aber bei dem jetzigen Zustand darf ein weiterer Punkt nicht übersehen werden, der eine Beachtung verdient. Es konnte nicht ausbleiben, dass ebenso wie in der Tageslitteratur so auch in der Jugendlektüre die Person des Juden je nach politischer Stellung des betreffenden Autors eine Charakterisirung ^erfährt. Nun wissen Sie ja Alle, wie'schwer wir darunter zu leiden haben, dass unsere - Glaubensgenossen so häufig in auffallender Weise mit mügliehst schlimmen Attributen dargestellt sind. Wie oft kommt es vor, dass man im Juden nur den Dämon des Bösen oder den Typus des Lächerlichen malt. Ich will hierbei gar nicht einmal von den speeifischen Jngendschriften sprechen, die hier in Stuttgart beispielsweise von Steinkopf, Grundert und dem . Calwer Verlagsverein herausgegeben werden. Solch eine verzerrte Gestalt des Juden finden wir sogar bei Schriftstellern, die nichts weniger als in dem Gerüche des Antisemitismus