Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1904
- Issue
- Nr. 3 - März
- Date
- 1904-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— 40 — „Reorganisation der Jugendlektüre und Beschaffung von Jugendschriften mit judischer Tendenz." Referat des Br. Richard Kaufmann -Stuttgart. Seit einer Reihe von Jahren geht durch die Lehrerschaft der grösseren Städte Deutschlands eine Bewegung, welche eine Reorganisation der bestehenden Jugendliteratur anstrebt, Man hat in einzelnen Städten Verzeichnisse nach leitenden Grundsätzen zusammengestellt, welche eine Richtschnur für alle Eltern und Erzieher bilden sollten, die den "Werth eines Buches als Bildungsmittel verstehen und schätzen. Demgemäss sind in diesen Katalogen auch nur s o 1 c Ii e Bücher aufgeführt, welche für die Erziehung uqd Bildung der Jugend in Betracht kommen. Am nachdrücklichsten wurden die Reorganisationsbestrebungen von Seiten des Hamburger Lehrervereins gefördert, und auch von dort sind Stimmen laut geworden, deren theilweise Mittheilung hier gerechtfertigt scheint. Die Lehrerschaft beurtheilt die Jugendschriften frage naturgemäss vom pädagogischen Standpunkte aus. Demgemäss soll der Lesestoff immer in einem ursäch liehen Zusammenhang mit den herrschenden Grundsätzen der Erziehung stehen, welche ihrerseits Produkte der j^eschichtlichen Entwicklung sind. Auf diese AVeise wird es ein-, leuchtemi und verstäudlich, wenn die Bestrebungen gewisser Zeitabschnitte einen direkten Einfluss auf die pädagogischen Grundsätze haben, diese aber wiederum bestimmend werden für den geistigen Gehalt der Jugendlektüre. — So z. B. brachten die Ideen Rousseaus und Pestalozzis iü philantropischer Form die eigentlichen Kindel bücher, diefromantische Reaktion der Xapoleonischen Zeit gab den Kindern die Sagenr und Märchenbücher, die kirchlich -politische der bnVdestäglichen Zeit die fromm-feudalen Volks- und Jugendschrißen im Charakter der Spinnstubengeschichten ä la Hoffmann, Xieritz, Pichler u. A. Das neue Deutsche Reich endlicli brachte den Gedanken der nationalen Erziehung zur Herrschaft und diesem Umschlag entsprach das Hervortreten der patriotischen Erzählungslitteratur. — Auch in unseren Tagen bereitet sich eine neue, vielleicht die grösste Umwälzung vor, welche nicht ohne Rückwirkung auf die pädagogische Strömung bleiben dürfte: „es ist das die soziale Frage." Ist der Mensch nicht mehr der gefesselte Sklave der Produktion, so gewinnt er Müsse und Lust, Ausblick zu halten auf die Weite der Welt und ihre Herrlichkeit. Es entsteht (las Genussbedürfniss und die Erziehung eilt, den Menschen für den Genuss fällig zu machen. Die Waarenerzeugung intensiver zu gestalten durch Erziehung zur Arbeit, den degenerierenden Einflüssen der modernen Produktion und den aus ihr sich ergebenden Lebensgewohnheiten, entgegenzuarbeiten durch grössere Pflege der körperlichen Erziehung, endlich den ermöglichten Lebensgenuss zu leiten und zu veredeln durch Erziehung zur Kunst, das sind die Wegstrecken, die sich heute schon übersehen lassen. Mit Aufnahme dieses Programms in die moderne Erziehungslehre würde in Zukunft, die technische Ausbildung«=.zur Handfertigkeit, der Körperpflege durch Gymnastik und Spiele ein breiterer. Raum angewiesen, wodurch eine Einschränkung der Lesestunden er, folgen müsste. Gerade desshalb soll der Ausfall an Privat, lektüre ersetzt werden durch eine wesentliche Verbesserung des Lesestoffes nach der litterarisch-künstlerischen Seite hin. Im weiteren, wird zugegeben, dass die Zahl der. Jugend- Schriften, aus denen die Jagend Gewinn für Wissen und Charakter ziehen kann, verschwindend klein ist gegenüber der Unmasse von Jugendschriften, welche Belehrung und Veredelung in unangemessener Form anstrebten. Neben einer ganzen Reihe von Grundsätzen, welche dann noch für die Reorganisation der Jugendlektüre aufgestellt sind, dürfte für uns nur wichtig sein, was bezüglich der Tendenzfrage gesagt ist. Die Dichtkunst kann und darf nicht allein das Beförderungsmittel für Wissen uud Moral sein. Gegenwärtig sind es den politischen Zeitverhältnissen entsprechend, mehr der Patriotismus und die Religion, die das Gewand der dichterischen Form missbrauchen. Der grösste Teil der spezifischen Jugendliteratur besteht aus Tendenzschriften. Und wenn eine Tendenzschrift eine grosse That auch nach der künstlerischen Seite hin darstellt,, so ist sie doch mit Rücksicht auf die geringe Urtheilskraft der Kinder in der Jugendliteratur zu verwerfen. — Im vorigen Jahr hat sich ebenfalls der Zentralverein der jüdischen Lehrer Deutschlands bewogen gefunden, die Jugendschriftenfrage in die Hand zu nehmen. Neben Berücksichtigung einer Anzahl Grundsätze der christlichen Lehrerscltaft haben die jüdischen Lehrer das lobenswerthe Bestreben, vor allem diejenigen Schriften zu prüfen und zusammenzustellen, welche der jüdischen Jugend in ästhetischer Hinsicht als Bildungs- und Genussmittel empfohlen werden können uriter besonderer Berücksichtigung der eigenartigen jüdischen Verhältnisse. Auf das erste Verzeicliniss des Zentralverbandes werde ich später zu sprechen kommen. Dagegen kommen wir zunächst zu einer Frage von grösster Wichtigkeit und prinzipieller Bedeutung: „Brauchen wir eine Jugendliteratur mit spezifisch jüdischer Tendenz? - Mag es dahingestellt bleiben, ob Bücher mit bestimmten Tendenzen für die Jugend empfehleuswerth sind oder nicht, das ist 'eine rein akademische Frage, welche die Pädagogen unter sich ausfechten mögen. Hören wir zunächst die negativen Einwände. Wozu Jugendschriften mit jüdischer Tendenz? Sie sind überflüssig schon deshalb, weil sie nur dazu beitragen würden, die israelitische Jugend mit Ideen zu erfüllen, die mit dem fortschreitenden Zeitgeist unvereinbar sind und unsere Abgeschiedenheit in socialer Beziehung fördern könnten. Unsere Jugend soll die gleiche Erziehung und Lebensanschauung erhalten wie die christliche, damit die trennenden Schranken für die gesellschaftliche und politische Gleichberechtigung mit der Zeit einmal fallen. Unter der Fülle des Vorhandenen findet sich sicher eine hinreichende Auswahl solcher Lektüre; die sich für Israeliten eignet. Hierauf möchte ich erwidern, dass nichts verkehrter wäre als die Annahmen, es würde die Beschaffung von Jugendliteratur mit jüdischer Tendenz etwaigen Isolierungsbestrebungen Vorschub leisten Bei all unserer dankbaren Liebe zum deutschen Vaterlande, bei all unserer Fürsorge für eine zeitgemässe Erziehung unserer Jugend haben wir doch auch Verpflichtungen gegen die durch die Jahrhunderte geheiligte Tradition des Judenthums. Und sorgen Andere in ihrer Sphäre nicht auch für Verbreitung von Tendenzen in ihrem Sinn? Man sehe einmal die Bibliotheken unserer Lehranstalten an, welcher Art