Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1904
- Issue
- Nr. 3 - März
- Date
- 1904-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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— 89 — Ich kann nur feststellen, dass während meiner Reise eine Anzahl Logen der Grossloge einen besonderen Dank dafür abgestattet haben, dass sie auch bei sozialen Aufgaben den Neigungen der einzelnen Logen und den lokalen Bedürfhissen am meisten entsprechen. Ich kann freilich auch nicht ver hehlen, dass in einigen, allerdings wenigen Logen noch immer der Gedanke wach ist, dass der Orden es seiner Bedeutung schuldig ist, auf sozialem Gebiete eine Institution zu schaffen, welche den Gesammt-Int er essen dient und von dem Orden allein errichtet und unterhalten wird. Mir ist auch ein solcher Antrag, der die Errichtung einer Anstalt für die jüdischen Idioten Deutschlands zum In halte haben sollte, für die diesjährige Grosslogen-Sitzun \ in Aussicht gestellt worden, aber bisher nicht eingegangen. Vielleicht hängt mit dieser Erwägung der Antrag für die diesjährige Sitzung zusammen, für das Hilfswerk für Galizien von jedem Mitgliede des Deutschen Distriktes 2 Mark zu erheben, ein Antrag, der nach meiner unmass geblichen Ansicht über die Forderungen hinausgeht, die Br. Edmund Cohn aus Wien im letzten Monatsbericht aufstellt. Denn dieser Br. verlangt selbst nur, dass die einzelnen Brr. Mitglieder des Deutschen Hilfsvereins werden und diesen in die Lage setzen, wie bisher auch in Zukunft die Bestrebungen des Oesterreichischen Hilfsvereins zu unterstützen. Diese Bestrebungen gehen neuerdings dahin, die aus der Baron Hirsch sehen Schule entlassenen Knaben, um die sich bisher nach ihrer Entlassung Niemand gekümmert hat, dem Handwerk zuzuführen. Die gemeinsame Konferenz zwischen deutschen und österreichischen Delegirten, die am •J9. November hier stattgefunden hat, hat ergeben, dass hierzu ein Betrag von jährlich 20 bis 24000 Kronen nötig sein wird und dass der Deutsche Hilfsverein sich mit der Hälfte der erforderlichen Beiträge beteiligen soll. Dies ist dem österreichischen Hilfsverein in Aussicht gestellt und es ist zweifellos, dass der geschäftsführende Ausschuss des Hilfsvereins der Deutschen Juden' in seiner Sitzung am 6. Februar auch nach dieser Richtung hin beschliessen wird Gerade mit Rücksicht hierauf hat ja der Hilfsverein der Deutschen Juden bei uns. den Antrag gestellt, ihm auch für das Jahr 1904 einen Beitrag von 5000 Mark zu gewähren, damit er in der Lage ist, den an ihn gestellten Forderungen des österr. Hilfsvereins nachzukommen. Wollten wir noch weiter gehen, so würde der Deutsche Hilfsverein aus seinen anderweitigen Mitteln nichts für Galizien aufzuwenden haben. Es kommt noch hinzu, dass die wiederholten Anregungen die Mitglieder unseres Ordens sollten auch Mitglieder des Hilfsvereins werden, sicherlich auf fruchtbaren Boden gefallen sind. Um mit grösserem Nachdruck die Forderungen der galizischen Kommission zu unterstützen, war der Grossloge daran gelegen, testzustellen, wie hoch die Beiträge sich belaufen, welche die Mitglieder des Ordens dem Hilfsverein der Deutschen Juden leisten. Der Gedanke, diese Beiträge etwa durch die Grossloge oder durch die einzelnen Logen direkt dem Hilfsverein zukommen zu lassen, hat sich als unausführbar erwiesen, aber selbst die Angabe der Mitglieder und der Höhe ihrer Beiträge wurde namentlich von einzelnen grösseren Logen, wie z. B. der Lessing-Loge nicht erreicht, sodass die Grossloge aus dem demnächst erscheinenden Jahresbericht des Hilfsvereins diese statistischen Angaben sich selbst zu verschaffen versuchen wird. Jedenfalls möchte ich den Wunsch des Br. Edmund Cohn aus Wien, dass die Mitglieder des Ordens ihre Beiträge oder wenigstens einen Teil derselben mit dem Vermerk „für Galizien" dem Hilfsverein zuführen, auf das Angelegentlichste unterstützen. „- Bezüglich der Krankenpflegerinnen ist zu berichten, dass seit der letzten Grosslogensitzung 2 ausgebildete Schülerinnen in Thätigkeit sind; die eine in Dortmund, die andere in Mannheim. Im laufenden Jahre erhalten wir 2 weitere fertig ausgebildete Krankenschwestern. Die ganze Institution kann nur gedeihen, wenn nach wie vor bei der Auswahl an die Persönlichkeiten, die sich melden, nach jeder Richtung hin die strengsten Ansprüche gestellt werden. Denn unsere Krankenpflegerinnen müssen nach jeder Richtung hervorragend sein, damit wir nicht den gegen die Juden üblichen Vorwürfen ausgesetzt sind. Deshalb ist der Wunsch allseitig, die Organisation einheitlich zu belassen, damit nicht etwa von den einzelnen Logen ein mihderwerthiges Material herangezogen wird. Voraussichtlich wird es der Wunsch der Grossloge sein, etwas über die beschlossene Enquete in Hessen zu hören. Die Moselloge hat für die Regierungsbezirk Trier eine ähnliche Enquete angestellt und dieselbe durch Mitwirkung der jüdischen Lehrer des Bezirks bereits fertig gestellt. Das Verbältniss der Grossloge zu den Tochterlogen ist andauernd ein herzliches, es sind nur einige, wenige Logen, die zum Bedauern der Grosslöge einen viel geringeren schriftlichen'Verkehr mit derselben unterhalten, als es wünschenswerth ist. Für den gesammten Orden is,t es von Wichtigkeit zu «fahren, was in den einzelnen Logen vorgeht, und aus diesem Grunde freue ich mich persönlich über den Antrag für die diesjährige Grosslogensitzung, Berichterstatter zu bestellen, welche der Grossloge über den Zustand innerhalb der Logen zu berichten haben werden. Nur wenn man die Wunde kennt, kann man sie auch heilen. Ich schliesse meinen Bericht,. obwohl ich noch über Vieles zu berichten hätte, um denselben nicht allzu lang werden zu lassen. Wenn wir die Thätigkeit der Logen der letzten Berichts-Periode überblicken, so dürfen wir, ohne top der Ueberhebung schuldig zu machen, mit voller Befriedigung auf die verflossene Zeit zurückblicken. Was ich bei den Logen, die ich besucht habe, gefunden habe, es gilt wohl von allen Logen. Fast überall, mit wenigen Ausnahmen? waltet der Geist der Eintracht, und wo derselbe, durch diekleinlichen Verhaltnisse des Ortes herrorgerufen, nicht herrscht, wird er hoffentlich durch die allzeit treuen Beamten hineingebracht werden, Durch alle Arbeiten der Logen geht ein grosser idealer Zug, und wie wir aus dem Bericht gesehen laben, überall, selbst in der kleinsten Loge, werden für alle Zweige des sozialen Lebens der Judehheit Einrichtungen getroffen und unterstützt. Der Drang, sein Wissen zu vermehren, ist mächtig in allen Logen und die Vortragsabende, die von den einzelnen Logen veranstaltet werden, sind nach den Berichten stets gut besucht. Möge das Feuer der Begeisterung, welches jetzt noch in allen, Logen lichterloh >rennt, dauernd anhalten zum Wohle des Ordens und aller unser Glaubensgenossen. Timendorfer.