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Bericht der Großloge für Deutschland · 1904-01-01 · Nr. 1 - Januar · p. [Seite]

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Journal
Bericht der Großloge für Deutschland
Volume
1904
Issue
Nr. 1 - Januar
Date
1904-01-01
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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6 — bewohnten Lande, wo die Armut bei Jud and Christ zuhause ist, wo Moral und Kultur noch nicht auf der ersten Stufe angelangt sind, wo die Begriffe Recht und Unrecht nicht klar yon einander geschieden sind, in einem solchen Lande kann von privater Seite in absehbarer Zeit gründliche Ab hilfe nicht geschaffen werden, und doch kann ein zielbewusstes Vorgehen, das sich von dem einmal für richtig erkannten und eingeschlagenen Weg weder nach rechts noch nach links abdrängen lässt, für die Gegenwart viel Erspriessliches leisten und eine bessere Zukunft anbahnen. Eine schwere ungeheure Arbeit, aber sie wird zu bewältigen sein. Der Hilfsverein begann seine Thätigkeit mit der Schaffung von Hausindustrien, weil es auf diese Weise am raschesten gelingt, eine recht grosse Zahl von Menschen in Stand zu setzen, gegen Lohn zu arbeiten und weil es darauf ankam, die jüdische Bevölkerung den Werth der Arbeit an sich kennen zu lehren. Es ist ihm dies durch einen glücklichen Zufall in ganz ausserordentlichem Masse gelungen. Sofort nach seiner Constituirung führte er' eine seither vielgenannte und oft belächelte Heimarbeit, die Haarnetz- Erzeugung ein, indem er nach und nach in 93 Orten weit über 6000 ungeschulte, an keine Arbeit gewöhnte Mädchen und Frauen heranbildete, jnit Werkzeugen versah, welche dann sofort von dem Haarnetz-Erzeuger gegen Lohn in Arbeit genommen wurden. Der Lohn, welcher heute in Ga'izien gezahlt wird, ist genau derselbe wie in Böhmen und Schlesien und sind die Arbeiterinnen in Galizien that<ächlich nibef* glücklich, wie dies aus vielfachen Zuschriften, die dem Hills vereine vorliegen, hervorgeht. Heute lassen bereits mehrere Unternehmer in Galizien Haarnetze verfertigen und alle zu sammen dürfen monatlich 30—50 000 K. in diese 93 Orte an Lohn bringen. Das heisst, es werden diesen armen jüdischen Familien in diesen wenigen Dörfern jährlich fast eine halbe Million Kronen zugeführt. Ich meine, bei diesen Ziffern wird wohl das genannte Lächeln einer ernsteren Miene Platz machen. Bei der Einfuhrung von Hausindustrien muss berücksichtigt werden, dass in anderen Gegenden, wo solche Heimindustrien bestehen, die Arbeiter auf den Dörfern zumeist ein Häuschen und anstossend eine kleine Landwirth schaft besitzen, sodass sie die industrielle Arbeit nebenher ■betreiben, mit einem kleineren Lohne vorlieb nehmen können, was bei den Jaden in Galizien nicht zutrifft; es konnte daher trotz eifrigsten Suchens und sorgfältigsten Erwägens eine zweite Industrie njcht gefunden werden, welche in so kurzer Zeit so viel gut entlohnte Arbeiter schafft, wie die Haarnetz- Industrie. Bei dieser Gelegenheit will ich es nicht vermeiden, die Broschüre .des' Fräulein Bertha Pappenheim — Referat über ihre galizische Reise — zu erwähnen, welche sich auf Seite 34 abfällig über den Erfolg dieser Action des Hilfsvereines ausspricht. Ich kann mir nur denken, dass Fräulein Pappenheim ganz unrichtig informirt wurde, was in Galizien sehr leicht möglich ist, und beziehe mich des Weiteren auf die Ausführungen des früheren Obmannes des Hilfsvereines des Herrn Maximilian Paul-Schiff, welcher in Ost und West, Dezemberheft 1903 No. 12, Seite 800 in erschöpfender Weise diesem Referate entgegentritt. Der Versuch, die Holzspielwaaren-Industrie in Galizien einzuführen, musste aufgegeben werden, da er in UDzweckmässiger Weise begonnen, keinerlei Erfolg versprach. Der Hdfsverein hat jedoch die Absicht, in späterer Zeit in geeignet besserer Weise, auf diese Industrie wieder zurück zu greifen. Inzwischen lässt er eine allmählich wachsende Zahl \ Männern und Frauen in der Korbflechterei unterrichten, wodurch ein überaus armer und erwerbloser Ort zu eiuera ständigen Erwerb gelangen wird. In letzter Zeit hat der Hilfsverein einen Unternehmer gefunden, durchweichen er in Galizien die Herrenkleider-Confection en gros einführt. Die-e Industrie verspricht iu wenigen Jahren einen ganz bedeutenden Umfang zu gewinnen, wolurch. hunderte von Männern Arbeit uud hunderte von Familien Brot finden. Mehrere Industrien, welche in Form von Hausarbeit in Galizien weiterhin eingeführt werden sollen, sind Gegenstand eifrigen Studiums im Schosse des Hilfsvereines. Bei allen Industrien dominirt die Thätigkeit des Hilfsvereines. s Seine Arbeit besteht hauptsächlich darin, geeignete Artikel zu suchen und zu finden, deren Herstellung in kurzer Zeit erlernbar viele Arbeiter gegen relativ hohen Lohn beschäftigen kann und deren Absatz keinesfalls in Galizien, sondern womöglich im Wege des Exportes stattfinden soll. Der Hilfsverein muss vertrauenswürdige Unternehmer finden, die den entsprechenden Unterricht ertheilen lassen, die ausgelernten Arbeiter beschäftigen und den Verkauf des Productes auf eigene Rechnung besorgen. Mit diesem Unter: nehmer wird ein Vertrag geschlossen, wodurch ihm, eine Subvention zugesprochen wird, wenn er seinerseits die an ihn gestellten Bedingungen erfüllt. Es ist selbstverständlich, dass der Hilfsverein den Unternehmer nach jeder Richtung hin zu unterstützen bestrebt ist, seine eigentliche Thätigkeit jedoch ist mit der stattgehabten Einführung der Iadustrie zu Ende. . Eine Anzahl junger tüchtiger Handwerker Wurde mit den Grundzügen der englischen Sprache vertraut gemacht, und in jüngster Zeit beschäftigt den Hilfsverein die Frage, au: welche Weise eine möglichst grosse Zahl von Burschen welche die 4 Klassen der Baron Hirsch-Stiftungsschulen absolvirt haben, den verschiedenen Handwerken zugeführt weiden können. Es ist zu hoffen, dass auch diese Action, deren Unterstützung der'..Hilfsverein deutscher Juden" in Aussicli' gestellt hat, in kurzer Zeit einen vollen Erfolg zeitigen wir.i. Das statutuarische Arbeitsfeld des Htlfsvereines ist ein j recht grosses, und konnte er bisher nur nach den hervorgehobenen Richtungen thätig sein, weil seine. Geldmittel äusserst beschränkte sind. f Sobald er über grössere, alljährlich zufliessende Mittel verfügen wird, können noch andere Wege betreten werde:;, um insbesondere die heranwachsende Generation aus ihrem Milieu herauszureissen, sie productiver Arbeit zuzufühieü. wobei in erster Linie an den Ackerbau zu denken ist. Wir haben vielfache Beweise, dass die Jaden die- Landes unter gegebenen Verhältnissen gerade so für den Ackerbau geeignet sind wie jedes andere Volk. In einer | ganzen Reihe Dörfer Ost- und Westgaliziens ernähren sie^ sich nur durch Ackerbau. Der Anblick solcher Dörfer - es sind leider nur wenige — und seiner Bewohner irt ein

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