Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1904
- Issue
- Nr. 1 - Januar
- Date
- 1904-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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5 - werden und die bittere Not der jüdischen Bevölkerung bewirkte es, dass die jüdischen Werber' um eine solche armselige Subpacht sich gegenseitig in der Konkurrenz derartig überbieten, das« nicht Bios der erzielte Verdienst auf das Minimum reduciert wurde, sondern dass der Schänker, um die hohe Pachtsumme zu erschwingen, gezwungen ist, dem armen Bauer statt eines guten Branntweins den ärgsten Fasel zu liefern. Auf sein Haupt entladet sich dann der Hass der bäuerlichen Bevölkerngv der noch geschürt wird durch die Predigten gegen den Alkohol. Andere jüdische Familien haben sich durch den Salzveri kauf ernährt. Der galizische Landesausschuss hat unter dem Vorwande, das Salz zu verbilligen, sich von dem Osterreichischen Finanzministerium ein Monopol für den Salzverschlei*s in Galizien verleihen lassen. Der Salzverkauf geschieht nun in eigenen Trafiken, die der Landesausschuss ausschliesslich an christliche Inhaber verleiht. Das Salz ist dadurch nicht billiger geworden, aber hunderte und hunderte jüdische Familien haben dadurch ihr Brot verloren. Auf dem flachen Lande in Ortschaften und Dörfern wohnten ca. 130000 Juden als einzige Kaufleute und Händler, bei denen der Bauer sämmtliche Artikel seines anspruchlosen Lebensbedarfes zu kaufen oder auch zeitweise zu borgen pflegte. Selbst die Judenfeinde klagen diese jüdischen Händler einer sträflichen Ausbeutung nicht an. Sie begnügten sich mit kleinem aber sicheren Verdienste und hüteten sich weislich, bäuerlichen Existenzen ihre Nahrungsquelle zu zerstören. Sie lebten und Hessen leben. Vor diesen patriarchalischen Verhältnissen machte die moderne Entwicklung nicht halt, nnd da die socialen Relormen in Galizien zumeist von katholischen Priestern propägirt werden, fehlte auch, der antisemitische gegen die als behäbig geschilderte Existenz der Juden auf dem Lande gelichtete Einschlag nicht. Auf diese Weise wurden die „Kolka rolnice", bäuerliche Consum-Vereine gegründet, welche ja in jedem Falle einen Fortschritt auf socialem Gebiete bedeuten. Nur haben sie die materielle Existenz von ca. 130000 jüdischen Bewohnern einfach untergraben. Was solleu diese plötzlich nahrungslos gebliebenen Massen unternehmen? Sie mussten die ihnen in mancherlei Beziehung wohlthätig. gewesene Diaspora aufgeben, in die Städte wandern; nid sehr bald waren die ersparten paar Gulden entweder in gezwungenem Müssiggange aufgezehrt oder in einem zweck- und fruchtlosen Unternehmen verloren. Ausser diesen Consum- Vereinen bestehen im Lande viele andere Vereine und Institute, welche den Zweck verfolgen, christlichen Gewerbetreibenden, Handelsleuten, Bauern etc. Credit zu verschaffen, sie auf diese Weise im Kampfe gegen „die jüdische Conkurrenz" zu unterstützen. Solche Vereine werden von Gemeinden, Bezirken and vom Lande unterstützt. In den Städten Galiziens bemühte man sich stets einen tüchtigen, arbeitsfreudigen jüdischen Handwerkerstand zu erzielen. Dieses Bestreben trug gute Früchte und es gab eine Zeit, in welcher das Handwerk fast ausschliesslich in den Händen der Juden war. Seitdem man aber anfing, bei öffentlichen Lieferungen, Bauten, bei staatlichen und autonomen Unternehmungen zuerst die christlichen Handwerker zu begünstigen, zuletzt die jüdischen Handwerker prinzipiell aus» zuschliessen, stehen z. B. in Lembetg, dem Mittelpunkte aller gewerblichen Arbeit des -Landes, . 40 Schlosser- und Tischlerwerkstätten leer, 122 Meisterarbeiten mit halbem Personal und etwa 200 Meister sind nicht mehr im Stande, Gesellen zu halten, sie arbeiten, um mühevoll sich und ihre Lehrlinge vor dem Hungertode zu schützen. Während in der an verschiedenen Beispielen gezeigten Weise der Jude aus allen Erwerbsgelegenheiten ausgeschlossen wird und nur dort/herangezogen wird, wo es unbedingt nötig ist; da sollte man meinen, werden von den Juden .alle Mittel, welche körperliche und geistige Bildung schaffen können, aufgewendet, um den Conkurrenzkampf zu bestehen, statt dessen bleibt der Jude im allgemeinen beschwert mit religiösen Vorurt heilen, ohne jede Elementarschulbildung, ohne die Befähigung, sich Berufen zuzuwenden, "welche eine gewisse -Uebung der körperlichen Kraft und Thätigkeit erfordern, dazu die Sabbathnud Sonntagsruhe: da.ist es kein Wunder, dass die ökonomische Lage der Juden - im ganzen'Lande, im Osten und Westen, in den Städten und auf dem Lande eing so verzweifelte geworden, dass der. ganze sogenannte Mittelstand an den Bettelstab geraten ist. '. ' '" i . v" ' •"- ' Wie anders hat sich das Schicksal der Juden in Posen, jener Juden gestaltet, welche vor .150 Jähren noch mit den galizischen unter gleichen Verhältnissen gelebt haben. In (ializien wurde niemals ein Schulzwang ausgeübt, hier wollte man die Schulbildung überhaupt nicht ibrdern: dadurch machte sich im Laufe der Zeit in der judischen Bevölkerung selbst ein bildungsfeindlicher Trieb geltend,-welcher zu der fanatischen, lichtfeindlichen, bigotten Lebensanschauung eines grossen Theiles der Juden Galiziens führte, welcher ihrerseits wieder eine noch grössere Verelendung bedingt, indem jenes fanatische und jeder Ethik entbehrende Formenwesen ihrer religiösen Lebensführung sie verhindert, au dem Fortschritte der Zeit in Arbeit und Gewerbe theinzunehmen. Der Kamp! gegen diese Finsternis auf geistigem, und ethischem Gebiete, welcher ausgezeichnete Männer' hervorbrachte, ist fast erloschen. Uiiter dem Schlagworte ..manrfiuss tolerant sein" lässt man Schäden, fortwuchern, die den ökonomischen Niedergaug ungeheuer beschleunigen, . wo solcher noch überhaupt möglich ist. In diesem Kampfe leistet die Baron Hirsch- Stiftung mit grossem Erfolge ganz ausserordentliches. In 50 Schulen, zumeist in den finstersten Schlupfwinkeln des stärksten Fanatismus werden. Jahr für Jahr fast 10000 Knaben mit. dem Talisman des Lesens, Rechnens und Schreibens ausgerüstet. Zu diesen Schülern wird in einer europäischen Sprache und nicht m jenem hebräisch, slavischgermanischen Sprachengemenge, das eher einem unartikuliertem Gestotter gleicht, gesprochen. Von diesen Kindern wird kaum eines in die alte Finsterniss, in die alte Bildungsfeindlichkeit zurückkehren, und. was immer unternommen wird zur Rettung der unglücklichen Bewohner Galiziens, die Baron Hirsch-Stiftung-Schulen werden die,Gadres bilden; die durch sie der krassesten Finsterniss entrissene Jugend wird das einzige hoffnungsvolle Gebiet - sozialer, moralischer und materieller Fortentwicklung seimy . Diesem jammervollen Elend" abzuhelfen, hat sich der Hilfsverein in Wien zur Aufgabe gemacht. Man gebe sich keiner Täuschung hin. In einem von Juden so massenhaft