Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1904
- Issue
- Nr. 1 - Januar
- Date
- 1904-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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- 4 geplante Hilfeaktion zu Gunsten der unglücklichen Juden in Galizien. Jeder Bruder, zumindest jedes Mitglied der Grossloge sollte heute rückblickend alle diese offiziellen und nichtoffiziellen Enunziationen, Beschlüsse, Referate etc. durchlesen, jeder müsste sich fragen, wieso es komme, dass seit circa Mitte t^O 1 in den Berichten so wenig mehr — in dem letzten Jahre — fast nichts "mehr über diese Hilfsaktion'zu finden ist. Es ist lichtig, dass die amerikanischen Distrikte vollauf und in ganz ausserordentlicher Weise durch die rumänische Auswanderung in Anspruch genommen worden sind und noch werden. Von ihnen wurde in Folge dessen eine Theilnahme an der Aktion nicht erwartet. Anders steht es in dem deutschen Distrikte, welcher durch die Not in Rumänien nicht mehr in Kontribution gesetzt wurde als der österreichische; man hätte erwarten sollen und dürfen, dass er dieses, für mehrere Menschenalter berechnete Hilfswerk als das seinige betrachte und nicht blos subventioniere, sondern mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln fördere und stärke. Der Hilfsverein bssteht indessen, gegründet und erhalten von dem österreichischen Distrikte. In den -deutschen Logen hört man kaum aas Wort .,Galizien" aussprechen. Es ist wahr, es ist ein recht unsympathisches Wort, und wir Oesterreicher wissen davon zu erzählen. Wir hören es Tag für Tag, wir empfinden es im Hilfsvereine und in den Logen-, wo die Propaganda für dieses Hilfswerk an keinem Tage ruht, wie schwierig es ist den Einzelnen oder Korporationen zu überzeugen, dass dieses Hilfswerk eine unbedingte Notwendigkeit ist, soll sich nicht der Strom der sogenannten Luftmenschen unheilbringend -über den Westen des Kontinents ergiessen. Wir kennen die Schwierigkeiten, dem Nachbar klar zu machen, was für ein unsägliches, unbeschreibliches Elend in Galizien herrscht, und dass Hilfe nicht allein nöthig, dass sie auch thatsächlich möglich ist. Mit wenigen Kronen, die man als Jahresbeitrag dem Hilfsverein in Wien zuführt, ist mehr Gutes gethan, als mit einem Vielfachen in Gulden, welches man dem Bettler auf der Strasse schenkt, und der Hilfsverein ist in der Lage hierfür den Beweis zu erbringen. Nicht allein durch den Hinweis darauf, dass hervorragende Glaubensgenossen in Oesterreich sich in blindem Vertrauen auf den Ernst der Bnei Briss- Gesellschaften, auf die Ehrlichkeit ihres Strebens und auf die Macht ihres Wollens dem Hilfsverein zur Seite gestellt haben, sondern darauf, was derselbe in der kurzen Zeit von 2 Jahren seiner Existenz in Galizien geschaffen hat. Was uns auch stets, wenn auch mit Mühe, gelingt, das sollte seine Wirkung verfehlen in unserem Xachbardistrikte, in den Schwesterlogen Deutschlands, welche gleich uns die hehrsten ethischen Prinzipien in die That umsetzen sollen und wollen-' Nein und wieder nein! Dieses Nein ermuthigt mi«h, der Aufforderung eines Redactionsmitgliedes dieses G. L. Berichtes Folge zu leisten, die Zustände in Galizien zu schildern und die L.- des 8 Distriktes und ihre Brüder für das Hilfwerk zu erwärmen. — Ich will teils aus eigener Anschauung, teils nach Schriften und Vorträgen von hervorragenden Kennern des Landes-, wie Dr. Friedländer und Dr. Bloch die Zustände in Galizien schildern, Sie mit dem Elend unserer Glaubensgenossen dortselbst bekannt machen und dadurch vielfache Irrthümer richtig stellen, welche zu unrichtiger Beurtheilang Anlass geben. In Galizien wohnen fast eine Millionen Jaden — im Jahre 1890 800 000 d. i. der achte Theil der gesammten Juden des Eidenrundes. Von dieser Million, in den Städ!en zusammengepreßten und über das Land in ungleichmässisrer E ichtigkeit verstreuten Juden kann höchstens % als frem-ler Filfe für eine meist bescheidene Lebensführung nicht bedürit-g bezeichnet werden. Ve führen einen schweren Ökonomist n K ampf, bei welchem die Zahl der Unterliegenden von Jahr zu Jahr zunimmt und die restlichen Va UDer 600000 Seelen d >r israelitischen Bevölkerung Galiziens sind hilflos, mitteile s, dem moralischen jund physischen Untergange rettungriosp:-eisgegeben. Diese ungeheure Verarmung und Verelendung ir physischem und moralischem Sinne, zeigt sich schon in den Vohnungsverhältnissen derselben, welche die denkbar schiede - sten sind, in den Städten weit schlimmer als auf dem Lan^ . Eli der sogenannten „Judengasse" lebt das Menschenelt-;, i zusammengepfercht: in einem engen Raum von nicht nif u a.s 4 Metern Umfang, wohnen in der Regel 2, sogar 3 Familien mit zahlreichen Kindern beisammen. Betritt jemar. 1 eine solche Behausung, so stockt ihm der Atem, es strömt iim eine dicke verpestete Luft entgegen, dass er Ott schon bam Eingange zurückprallt. Hier leben mehrere F|amilien. ein Theil schläft die halbe Nacht und muss dann die Behau.-ir verlassen, damit der andere Theil die zweite Hälfte der Nacht dir Ruhe pflegen kann. Es sind die ewigen Seuchenheerden. welche jahraus jahrein Epidemien ausbrüten. Weit besser v.\ hygienischer Beziehung sind die Dorfwohnungen, obgleich aum diese schlecht genug sind und zumeist aus baufälligen Lehmbitten bestehen. Gali den Die Juden bildeD 12% der Gesammtbevölkerung und ernähren sich nahezu ausschliesslich durch hmdel. Der 10, Mann ist also ein Händler, d. h. \'9n den » Mitbürgern leben; an sich ein unhaltbarer itd er zum Unglücke in Galizien, wo abgesehen von ro->grundbesitzern, die gesammte bäuerliche d|es Landes in bitterster Noth sich befindet. Der Händler soll somit auf Kosten von 9 Menschen nahezu so arm sind als er selber. Dieser schreckliche unerträgliche Zustand beschleunigt die Katastrophe zu Tag. * lziens Kleiner nmss .Zustand wenigen Bevölkerung jüdischdie and von Tu? leben, Früher haben sich zahlreiche jüdische Familien mit den. Fuhrwerke ernährt. Durch die Vollendung eines ungeheure Bahnnetzes sind diese Bettler geworden. Früher waren fa-; ausschliesslich Juden Inhaber von Tabak-Trafiken in den Städten uud Dörfern. Die Landesbehörde hat dem Bestrebet der tfot der christlichen Bevölkerung abzuhelfen, alle Mitt angewendet, um die Trafiken aus den Händen der jüdische Familien in jene der christlichen übergehen zu lassen. Dadurch haben hunderte und hunderte jüdische^Familien ihr an sich ärmliches Brod verloren^ Die Staatsbahnverwaljtung ha' nahezu sämmtliche jüdische Restaurationspächter lauf d< i ßahnhöfen Galiziens durch christliche Pächter ersetzt,' wodun i neue jüdische Bevölkerungsgruppen der Erwerbslosigkeit vti-. fallen sind. Ein Haupterwerbszweig der jüdischen Bevölkerui; % war das Schankgewerbe. Die Juden waren die Propinatioc ■• Pächter. Der österreichische Staat hat nun um sehr vieH Millionen das Propinationsrecht den Grossgrundbesitzern ab gekauft. Diese sind jetzt selbst als Propinationspächter rar ganze Bezirke aufgetreten, die Juden konnten nur Subpacht.-r