Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1903
- Issue
- Nr. 5 - Juni
- Date
- 1903-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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" Am Mittwoch, den 2». April fand unter Leitung des würdigen Präs. Bensheimer eine ergreifende TrauerK.-e statt, bei welcher Br. Rabbiner Dr. O p p e n h e i in folgende Trauerrede hielt: Liebe Bruder! Wir haben heute Abend unsere gewohnte Logenarbeit unterbrochen, um diesen Abend dem ehrenden Gedenken, dem liebevollen Gedächtniss eines teureu Bruders zu weihen, den ein grausames Geschick allzufrüh seiner Familie und seinen Freunden, sowie seiner eigenen segensreichen Wirksamkeit entrissen hat. Nicht jäh, nicht unerwartet hat uns das schmerzliche Ereigniss vom Ableben unseres lieben Br. Leo Regerisburger getroffen. Wir sahen es dem Br. seit Monaten an, wir sahen es mit bitterem Weh im Herzen, wie eine innere Krankheit am Lebensmark und Lebenssaft dieses einst so rüstigen, kräftigen, lebensfrohen Mannes sog und sog. Und dennoch, da es nun Wirklichkeit geworden, was wir geahmt und gefürchtet — da hat uns der Verlust mit uugeminderter Härte und Bitterniss darniedergebeugt. A is die traurige Kunde sich verbreitete, Leo Regensburger lebt nicht mehr, da machte sich in weiten Schichten ler Bevölkerung die aufrichtigste Theilnahme, der ehrlichste Schmerz geltend; alle wussten : Ein Herz, das in wärmster Menschenliebe geglüht, hat aufgehört zu schlagen. Liebe Brüder! Die allgemeine Theilnahme, die dem Hinscheiden unseres Bruders Le o Regensburger gegengebracht wurde, ist wohlverdient und erklärlich. Diese allgemeine Theilnahme ist begründet in seiner Theilnahme für die Allgemeinheit, in der Theilnahme. die der Heimgegangene während seines Lebens für die Interessen und Aufga' n der Allgemeinheit an den Tag gelegt und die seinem Leben das ihm charakteristische Gepräge aufgedrückt hat. Der grosse griechische Philosoph Aristoteles kennzeichnet den Menschen als ein <ffht: Zjbv* xoXpurav als ein zur Gemeinschaft geschaffenes Wesen, dessen höherer oder geringerer Werth bedingt wir d durch den Grad seiner Theilnahme an den Arbeiten und Be» strebungen der grossen Menschlieitsgemeinsdiaft! Das war auch das Ideal, das unserem verstorbenen Freunde vorschwelt e, und dem er mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft zustrebte. Unter diesem Gesichtspunkte steht das Lebensbild des Entschlafenen einheitlich und abcerundet vor uns, verstehen wir es und finden wir es natürlich und selbstverständlich, wie er allen jenen Institutionen, die dem Wohle der Gesammtheit gelten, die den geistigen Fortschritt, die ethische Förderung, die soziale Hebung des Menschengeschlechts anstreben, seine vol'ste Sympathie und seine regsamste Mitarbeit zugewandt hat. Wir verstehen es, dass er Anschluss suchte an den grossen Freimaurerbund, der, über den ganzen Erdball verbreitet, die Prinzipien der Gleichheit und* Brüderlichkeit aller Menschen ohne Unterschied der Rasse, des Glaubens und des Standes verfechten. Aber wir verstehen es auch, wie sein Inneres darunter litt, dass dieser Bund nicht überall, besonders l icht in unserem deutschen Vaterland, seinen erhabenen Prinzipien die volle Treue bewahrt hat. Wir verstehen es, wenn der Entschlafene als Staats- und Gemeindebürger der liberalen Richtung huldigte, die deu Menschen nur nach seinem Charakter, seinen Fähigkeiten und Leistangen gewürdigt sehen will und die Freiheit des Einzelnen mit dem Wohle der Gesammtheit in gerechtester Weise auszugleichen bemüht ist. Aber wir verstehen es auch, wie schmerzlich er es empfand, als die freiheitliche Entwicklung an Kraft und Ausdehnung zurückging, und rückschriit: liehe Strömungen immer mehr und mehr wieder an Boden gewann. Und eine rückschrittliche Strömung ja eine der hasslichsten war und ist die antisemitische Bewegung, die, von Deutschland ausgehend, ihren Weg in viele Länder und in noch viel, viel mehr Herzen genommen hat. Und wir verstehen es, dass unser Br. Leo Regensbnrger auch eintrat in jenen grossen Bund, der nach aussen hin muthig den Kampf aufgenommen hat für die volle staatsrechtliche Gleichberechtigung und Gleichbehandlung der jüdischen Bürger, sowie nach innen für die Belebung und Kräftigung eines freien,.,, edlen Selbstbewusstseins und gehobener Selbstachtung unter den Jaden selbst'. Dieser grosse Bnnd ist unser geliebter Bnei Beriss-Orden. Schon ehe der Orden hier in unserer Vaterstadt Mannheim eine Heimstätte gefunden hatte, war unser Br. Leo Regensburger in den Orden eingetreten. Er zählte bereits unter die Gründer und Mitarbeiter unserer lieben Schwesterloge in Heidelberg; Ja, der Verblichene gehörte nicht nur seiner Famifie, nicht nur seinen Freunden, nicht nur seinem Vaterlande und seiner Vaterstadt an, er gehörte auch dem Judenthum, gehörte auch unserm Orden, gehörte auch unserer Augu.-t- Lamey-Loge, gehörte auch uns Brüdern an. Er gehörte zu uns, nicht weil er eingeschrieben war in unser Mitgliederverzeichniss, sondern weil er im Mittelpunkte all unserer Arbeiten und im Vordertreffen all unserer edlen Kämpfe stand, weil es thatsächlich keine Frage, kein" Vorkommniss, keine Bestrebung im Orden und in unserer Loge gegeben hat, denen er nicht sein Interesse zugewandt, woran er nicht in Wort und That, in Berathung und Ausführung einen hervoiragenden Antlieil genommen. Brauche ich Sie, meine Brüder, zu erinnern, mit welcher Liebe und Gewissenhaftigkeit der Entschlafene der Loge gedient hat als Präsident, als langjähriges Mitglied im Beamtenrath, als Repräsentant in der Grossloge, als Obm .un des UnterstützuDgs-Ausschusses, als Begründerund thätiger Mitarbeiter im Arbeitsnachweis, als erprobter Geschäftsfüiner in der Hausgesellschaft? Habe ich nöthig, Sie an all das zu erinnern, wo. es noch so mächtig in unserer Erinnerung lebt, da es noch neu und frisch eingegraben ist auf die Tafeln unseres Herzens, da wir uns erst an den Gedanken gewöl i n müssen, dass all das künftig uns fehlen soll? Und nicht nur unserer Loge mit allen ihren Aufgaben, Arbeiten und Interessen gehörte er an, er gehörte auch uns Brüdern an, und es ist wohl keiner unter uns, dem er nicht mit aufrichtiger Zuneigung entgegengekommen wäre, dem er nicht mit der grössten Bereitwilligkeit mit Rath und That gedient hätte, so er darum angegangen worden. Niemals suchte er sich aas Mangel an Zeit oder unter' irgend einem Vorwande von seiuen Bruderpflichten loszumachen; es gab für ihn kein.Säumen, wo die Loge rief, kein Zögern, wo sich ein Bruder an ihn wandte. Was er that, that er gern, es war für ihn kein Opfer, es war ihm eine Freude, ein Vergnügen zu nützen und zu helfen'.- In liebreichem Raten, in werktätigem Schaffen für andere aufzugehen, das ist Kern und Wesen seines segens; reichen Lebens und Wirkens gewesen.