Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1903
- Issue
- Nr. 1 - Januar
- Date
- 1903-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/4864325-6028961-6074069--0481-4864658- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
■ bildet während die Mitglieder sich passiv verhalten, Beiträge zahlen, und die Zeitschrift lesen. Ich denke an den Deutsch Israelitischen Gemeindebund, der seine Interessen mehr aul den inneren confessioneilen Ausbau des jüdischen Löbens! richtet; Der Ordeu kaun aus den oben angeführten Gründen m mehr durch intimen Verkehr, durch häufige Arbeitssitzungen. I durch seine vielen Gegenseitigkeitsbeziehufigen auf seine Mitglieder einwirken. — ' Und so fasse ich zusammen : Der (Jrdeu wirkt im höchsten B ll' Sinne kulturell, erfordert die deutsche Kultur, indem die Elendsten unter unserer Gemeinschaft durch seine socialen Gründungen auf t-ine erträgliche Mittelstufe stellt, indem er die besser Gell stellten zu einer sittlichen Höhe fuhrt. Indem er so wirkt, fördert er nicht bloss die Interessen der jüdischen Gemein schatt, sondern die Inseressen des ganzen Volkes, indem ei die e nzelnen Glieder des Volkes zusammenführen will au der Stufe der Ebenbürtigkeit, der gleichen Werthschätzung, E des friedlichen Wettbewerbes. l'nd also erfüllt der Orden seine Mission: Israeliten zu vereinigen in, dem Werke dei Beförderung der. höchsten Güter der Menschheit, den geistigen und moralischen Charakter unseres Stammes zu entwickeln und zu heben, die reinsten Prineipien der Menschenliebe, der Ehre und des Patiiotismus einzuprägen" In solcher Auffassung wird der Orden den Pnlsschlag der Zeit lichtig erfassen und ,.am pausenden Webstuhl der Zeit schallend der; Gottheit/lebendiges Kleid wirken'1, dann wird der Orden einer der edelsten Theile in der gesammten fi «-larkenden jüdischen Gemeinschaftsbewegung sein. Aus dem internationalen Kongress zur Bekämpfung des Mädchenhandels. Frankfurt a. M. 7.—9. October 1902. (Stenograph. Bericht ). Sanitätsrat Dr. Maretzki (Berlin, Delegirter des jüdischen Zweigkomiteesj: Wir begrüssen es dankbar. dass uns die Möglichkeit gegeben ist, über unsere Thätigkeit zu berichten und unsere Anschauungen über diese Materie vor Ihnen zu entwickeln. Unsere Thätigkeit hatte schon im .fahre IS!»7 eingesetzt; die ersten Anregungen kamen schon W>>. Ansgegangeu ist die Thätigkeit von einer Vereinigung deutscher .Juden, die unter dem Namen Bne-Briss (Söhne des Bundes) in Form von Logeu sich im Deutschen Reiche zusaramengethan haben, um den geistigen und sittlichen Charakter unseres Volksstammes in idealer Weise zn vervollkommnen, das soziale Niveau der Juden zu heben. In 20 Jahren unseres Bestehens hat dieser Bund sich rasch ausgebreitet, und wir haben dje Freude, dass mehr als 50 Logen im deutschen Vaterlande mit mehr als 5000 Mitgliedern sich dieser hohen Mission widmen. Nachdem die Grossloge 1897 das jüdische Komijee zur Bekämpfung des Mädchenhandels eingesetzt hat, lag uns zunächst ob, Freunde in unseren Kreisen für jiiese Idee zu werben. Das ist uns gelungeu, in England, in Oesterreich und besonders in den Hafenstädten. Nachdem wir uns einigermassen gefestigt hatten, sachten wir die Schleichwege, die Arten und Formen de6 Mädchenhandels kenneu zu leinen. Sie werde* von dem Lupauar, einer in Argentinien erscheinenden Zeitlüg, gehört haben. Es ist unserm Vorsitzenden gelungen, dieses Werk zu übersetzen und dem Deutschen Natiouttll:omi<ee zu übergeben. Das erste, was wir dann glaubten fhun zu müssen, war eine Warnung an die osteuropäisc len <-ilaubensgenossen zu erlassen. Diese Tarnung ist in.hebräischer Schrift, von dem grössteu Thejl der galizischfti-juid russischen Rabbiner unterzeichnet, iii den Synagogen angeschlagen.. Es ist uuauch gelungen, in zwei Fällen.'eine,Befreiung von; -verschlepp i e ,i Fra.uen und Mädchen zu erwirken. Wir haben öfter mit dem Londoner Komitee verhandelt.-und um noch grössere Verständigung herbeizufl'thien, anfl m] Juni d \i. in Hamburg eilte Versammlung aller jüdischen .Vohlfährtsveieine abgehalten. Dort ist eine Reihe von Leitsitzen ziiip.'Beschluss erhöhen und dem Deutschen National komitee -eingereicht worden. Mit demselben Gegenstand bat «ich die Kibbiner-Versammlung Anfang Juli beschäftigt und unserem .Vorgehen zug-stimmt. Neuestens haben .wir eine Wa •nungsschvilf für Frauen und Mädchen in (ler Sprache, weich i dort am -meisten verstanden wird, herausgegeben und übera 1 in Bahnhöfen, Wirtschaften und Kaffees verteilen lassen. Diese Schüft enthält nicht nur die Warnung, dass sie sich vor den Händlern in Acht nehmen sollen, sondern auch Adressen uus vielen Städten, -wohin sich die Flauen wenden können! W-s ihnen irgend etwas verdächtiges aufstösst. » •, ' Es ist uns Israeliten außerordentlich ernst mit die>ei Frage, und wenn auch die -Voii uns erzielten ^tatsächlichen Erfolge nur gering zu veranschlagen sind, es sind immeihiu Erfolge, die wir früher kaum geäJint-hätten. 'Es (lait uiis" das nicht Wunder nehmen, denn es -liegt in der Natur dieser schwierigen Materie, und es sird auch inf Allgemeinen ktjij*egrossen Erfolge zu verzeichne \. Wir haben aber unsere Aufgabe auf viel breiterer Basis; ertässt. Wir haben nach den Ursachen geforscht, we.-shab die osteuropäischen .luden leider ein nicht unerhebliches. Kontingent zu den lfädchenhandleru und deren Opfern stallen,, und wir empfinden es ganz besonders schmerzlich, (U Ss, .unserem Volksstamm ein so schwerer Schaden anhattet. -VDie Untersuchungen haben klar ergeben, dass die Frsäch in-in den sozialen Zuständen ler dortigen «luden liegen. : Es herrscht dort ein soziales Elend, verbunded mit einem kulturellen Tiefstände, wie man es kaum für möglich halten sollte. Am meisten sind die Verhältnisse in Gälizien klargelegt,- weil wir dort'■ durchunsere Freunde die Möglichkeit hatten, den Dingen aut den Grund zu gehen. Ich dürfte i i meinem 'JTrteil nicht fehjgfchen. dass die Zustände bei de» 'Jhderi in den anderen osteuropäischen Ländern die gleicl eh. Verhältnisse zeigen Ich will vor Ihnen nicht das. ganze traurige .Gemälde aufrollen. Nur mit wenig Strichen sei. es mir.',gestattet, das Bild zu zeichnen. Von 800 000 Juden in Gälizien führen , ein Dasein, das weit unter das Existenzminimum" unserer Stadt - und Land - Armenbevölkerung reicht. Unsere Almosen- Empfänger fuhren dagegen eh glänzendes Leben. Einesechsköpfige Familie hat kaum linen Golden für die "Woche zu leben. Zahllose Mädchen begnügen sich mit einem Tageohn von vierzehn Kreuzern.; Dizu eine .geistige Armut, die wahrhaft erschreckend ist. Ich'.müs.s. diese Dinge Ihnen schildern, weil ich die Anschauii ng gewonnen hake, dass die dortigen Verhältnisse nicht allen 'hinreichend bekannt oder