Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1901
- Issue
- Nr. 2 - Februar
- Date
- 1901-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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- 15 - Dies vorausgeschickt, wollen wir nun zur eigentlichen Thätigkeit unserer. Loge übergehen. Die Zahl unserer Sitzungen im abgelaufenen Jahre betrug 42J Obwohl diese Zahl, bereits durch ihre Höhe allein anschlich wirkt, gewinnt sie noch mehr an Bedeutung, . wenn wir uns die Zahl der Theilnehmer wie auch die Anträge und Beschlüsse selbst ansehen. Wir haben in das Jahr 1900 zwei Aufgaben für unsere Thätigkeit mit hinübergebracht: Unsere Schöpfung, die Handelsschule und die ~rst kurz vor Jahresschluss 1899 eingeleitete Hilfsaction. Da letztere die wichtigste und!der Ausgangs punkt unserer so vielseitigen Thätigkeit war, - wollen wir uns zuerst mit dieser befassen. »: Es ist noch jedem erinnerlich, wie unser hochgeschätzter Bruder Dr. Lippe, der Volksarzt und Volksfreund, schmerz erfüllt von den Leiden, die er geschaut, diese in einer Logensitzung schilderte, als sämtliche Theilnehmer, ohne das „Wie und Woher" zu erwägen, sich wie ein Mann erhoben und eine Hilfaction beschlossen. Von i.l Hi- Erfahrung belehrt, dass wir bei den Reichen unserer Stadt nicht die erforderliche Stütze für unsere Hills thätigkeit finden werden, gingen wir hinaus in das Volk, das mit leidet und mit fühlt, und ohne jemanden zu überlasten, haben wir von einem Jeden nur so viel verlangt, als er entwehren konnte um die Aermsten, denen, es am trockenen Brot fehlt, unterstützen zu können. Gleich den Regentropfen die zusammengenommen einen Bach erzeugen, haben wir von 10 Centimes Beiträge es zu Stande gebracht wöchentlich 2000 und mehr Brote an die Armen zu vertheilen. Ein jeder von() uns' war Augenzeuge dieser Brotvertheilungen jj und eine traurige Erinnerung dieser tragischen Scenen.wird uns stets im Gedächtnisse bleiben. Welche entgegengesetzte Gefühle durchwühlte das Herz dieser Unglücklichen. Schande und Schmerz, so tief gesunken zu sein, und ein^öefühl der Freude,"den daheim nach Brot schreienden ndern den. Hunger stillen zu können, kämpften um die Oberherrschaft und alle hatten Worte des Dankes und Segens für die Veranstalter! Möge das Bewusstsein der Pflichterfüllung unsere einzige Genugthuung und der Ansporn für die Zukunft sein. Unser Dank gebuhlt den zahlreichen unbekannten und unbenannten Spendern, die so selbstlos uns in die Lage setzten, dieses edle Rettungswerk zu beginnen. Wir sind aber bald zur Ansicht gelangt, dass wir mit den uns zur Vertilgung stehenden Mitteln auf halben Wege wurden stehen bleiben und haben wir uns auch nicht in unseren Voraussetzungen getäuscht. In unserer Stadt waren in Folge der allgemeinen misslichen Geschäftslage die Verhältnisse so deprimirend, dass wir von einem Appell an unsere hiesigen Glaubensgenossen absehen mussten. Da waren es einige Brüder unsereri Loge, die sich an die „Alliance Is» raelite" durch deren hochherzigen, pflichtbewusstan Repräsentanten, Herr Astruc, wandten. Die Alliance, den Traditionen ihres Begründers, des unsterblichen Cremieux treu, war auch hier wie immer, wo es galt, bedrängten Glaubensgenossen zu helfen, die Retterin in der Noth. Sie stellte uns bereitwilligst frcs. 4000 zur Verfugung and haben wir hiervon frcs. 2000 für Brotvertheilungen verwendet und als die Osterfeierlage -herannahten, wann die Beschaffung der Lebensmittel für die armen Juden, eine fäst unlösbare Frage wird, war es uns möglich 3500 Ko. Mazoth und 12 000 Ko Kartoffeln unter die Armen zu vertheilen. Wir wollen aueli dankend unserer Brüder im freien Amerika gedenken. Unser Ruf nach Brot durchhaute den weiten Raum und weckteeinen mächtigen Wiederhall auch jenseits des Oceans. Zahlreiche Spenden wurden uns von dort eingeschickt, welche unser'Werk erleichterten und auch bis in die letzte Zeit haben die freien jüdischen Bürger des Sternenbanners ihrer unter der Tricolpre leidenden Glaubensgenossen nicht vergessen.:. Wir wollen noch hervorheben, dass unsere Loge eine neue Art der Vertheilung einführte, indem wir niefit wie allgemein üblich, blos Anweisung-über .eine gewisse Quantität der angeführten Lebensmittel ausfolgten, unbekümmert ob sie diese erhalten, haben wir in unserer Fürsorge für die Armen nicht gescheut die Vertheiluugin natura'selbst zu übernehmen, um gewiss zu sein, dass die Armen die ihnen zugedachte Gabe anch wirklich erhalteu. ■ Welche Opfer an Mühe und Zeit dieses Werk manchen Brüdern auferlegte, ist einem Jeden bekannt und wurde es zur-Zeit hervorgehoben. Wir haben gehofft, dass mit 'dem heranbrechenden XLzm sich auch der Himmel über die Lage unserer Glaubensgenossen aufheitern wird und haben .gedacht, .vielleicht werden sich nun die Verhältnisse zum Besseren wenden. Aber zu unserem grössten Schmerze mussten wir erfahren,' dass sich die Lage stets verschlimmerte und-wir in unserem begonnenen Werke nicht nachlassen konnten. '., , , Die jeder Existenz beraubten Juden hatten längst in der Flucht ihre Rettung gesucht : wenn, aber die Auswanderung zuvor in ihren Anfangsstadien war, brach sie beim Beginn des Frühlings mit elementarer Gewalt hervor und nahm den Charakter der Massenauswanderung an. Besorgt standen wir dieser Bewegung gegenüber, bewusst, welch Unheil von einer solchen zialksen unorganisierten Emigration resultireu kann, überhaupt da sie sich ia ■ einer sonderbaren Weise manifestirte: die zu Fuss-Wanderung. * Wir haben ■ daher unsere Aufmerksamkeit dieser neuen Erscheinung in der Geschichte unserer Brüder zugewendet, den Betroffeuen die Gefahren ihres Unternehmens auseinandersetzend, uns bemüht, sie. von . ihrem. Vorhaben zurückzuhalten und haben auch aus unserer Mitte Delegirte in die Provinz hinausgesandt, um von dem Hnorganisirteu Wandern abzurathen. Unsere Bestrebungen fielen auf unfruchtbaren Boden, die Verzweifelten waren Vernunitsgiünderi unzugänglich und so. entstand diese jammervolle Bewegung, deren Zeugeu wir Alle waren. '- .** : ■■ Wir waren uns bald bewusst dass hier mit gewöhnlichen Mitteln nichts auszurichtenJs.t und dass hier grössere Mittel angewendet werden müssen. * Sie haben daher zu diesem Zwecke eine Commission gewählt, welche sich ausschliesslisch mit diesen Fragen befassen sollte. . Diese Kommission hat sofort erkannt-, dass mit unseren beschränkten Mitteln hier nichtsauszurichten ist. Wir beschlossen daher unsern verehrten Bruder Mentor Rabbiner Dr. J. Niemirower in die. grosse Welt rhinauszuschicken,