Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1900
- Issue
- Nr. 6 - Mai
- Date
- 1900-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— 62 — und durch die jüngsten Nothschreie aus jenen Gegenden grell genug beleuchtet sind. Gleichzeitig herrscht dort /.bei dem allergrössten Theil der Jaden eine Geistesarmut und ein kultureller Rückstand, der wahrhaft erschreckend ist und die Bevölkerung in eine stumpfe Resignation gebracht hat, so dass sie apathisch Alles über sich ergehen Hess. Soll sich dieses materielle und geistige Elend verewigen Sollen unsere dortigen Glaubensgenossen in Noth umkommen, in geistiger Nacht unrettbar verloren gehen? Wir dürfen uns der Wahrnehmung nicht verschliessen, dass in dem per manenten osteuropäischen Judenelend auch eine grosse Gewähr für die Gesammtjudenheit, namentlich aber für die Nachbarländer liegt. Sollte es nicht möglich sein, die bedürfnisslosen, arbeitsamen und begabten Menschen aus dieser unendlich traurigen Lage zu befreien, aus der dumpfen Verzweiflung herauszureissen. Freilich sind schon vor 10—15 Jahren manche i Ansätze gemacht worden, um dieser hart bedrängten Bevölkerung Rettung zu bringen. Sie sind gescheitert, weil sie pich entweder nur auf einzelne Theile der Länder erstreckten, oder auf einzelne Zweige beschränkten. Sie sind gescheitert, weil die Mittel und AVege zur Rettung von Gesichtspunkten ausgingen, die sich nicht verwirklichen Hessen, und weil Versuche gemacht wurden, die bei dem Unverstand und Wen Vorurteilen, die dort herrschen, scheitern mussten. Jetzt macht sich auch wenigstens in Gaüzien ein Zug nach kulturellem Fortschritt in allen Schichten der Bevölkerung geltend und es steht zu erwarten, dass, wenn man sich der galizischen und rumänischen Juden in richtiger, sacligemässer Weise annimmt, es gelingen muss, sie wirtschaftlich und geistig einer besseren Lage entgegenzufahren. Von dieser begründeten Voraussetzung ausgehend, haben die reichsdeutschen uud österreichischen Glaubensgenossen, veranlasst durch die deutschen Bnei-Briss-Logen uud die österreichischen Humanitäts -Vereine vor zwei Jahren ein Rettungswerk angeregt und die notwendigen statistischen Vorarbeiten und Unterlagen zur Prüfung der Sachlage zunächst in Gälizien gemacht. Darauf hin ist in Oesterreich zu Anfang dieses .lahres ein Landesverein gegründet worden, der die Hilfsaktion flir Gälizien organisirt und leitet. Es sollen praktische, gut durchführbare Vorschläge ins Werk gesetzt werden. In allererster Reihe gilt das Interesse natürlich der heranwachsenden Jagend. Es wird geplant, Handwerkerschulen, Lehrlingsheim, Handels- und Ackerbauschulen, zu errichten, an der Hand der früher gemachten Erfahrungen die Jugend zum Handwerk und Ackerbau zu erziehen. Ferner empfiehlt sich die Schaffung von Arbeit und Erwerb für die jüdische Bevölkerung, Errichtung von Hausindustrieen mit gesichertem Absatz, sowie von Central-Verkaufestellen für gewerbliche und landwirtschaftliche Erzeugnisse, Einrichtung von Vorschusskassen zur Beschaffung eines billigen und leichten Kredits, Organisirung und Einrichtung von Genossenschaften in Gewerbe und Handel. Für Rumänien dürfte es sich ausser dieser Aufgabe vornehmlich um eine plan-" massig geleitete Auswanderung handeln. ' Freilich ist das Alles nicht in kurzer Zeit zu erreichen, vielmehr bedarf es unausgesetzter Arbeit durch ein Menschenalter, sollen die galizischen nnd rumänischen Juden zu selbstdenkenden, selbsttätigen Menschen herangebildet werden; denn das soll das Endziel der Rettungsaktion sein: die kulturelle und sittliche Hebung dieser hilflosen, geistig verarmten Menschen zu bewerkstelligen, damit sie aus eigener Kraft dem Fortschritt in allen Berufen sich zuwenden können. Für dieses gross angelegte Werk reichen die Kräfte der Juden eines Landes nicht aus. Die gesammte Judenheit aller Kulturländer muss für dieses Rettungswerk aufgerufen werden. Auch unsere deutschen Juden werden sicher nicht zurückstehen; sie haben die unabweisliche Pflicht, ihren unglücklichen Glaubensbrüdern die Hand zur Hilfe zu reichen. Es soll nun ein ganz Deutschland umfassendes Comite gebildet werden, das Sammlungen von Geldmitteln in weitem Umfange veranstaltet und gleichzeitig in Anlehnung an die bestehenden israelitischen Hilfsvereine für Osteuropa das Rettungswerk in systematischer Weise in die Wege leitet. In Amerika, England und Frankreich sind gleiche Veranstaltungen für dieses grosse Rettungswerk von den dortigen grossen jüdischen Vereinigungen in Bälde zu erwarten. Wir fordern jeden edel denkenden Juden auf, sich an diesem humanen Werke zu betheiligen und sind überzeugt, dass dieser Appell kein vergeblicher sein werde. Es gilt, ein und eine halbe Million arbeitsamer und unglücklicher Menschen^fis^V geistigem Elend und materieller Noth zu befreien. T^jgs wollte da zurückbleiben! Sanititsrath Dr. M a r e t z k i. Rechtsanwalt und Notar B. Timendorfer. Dr. Gustav Karpeles. Luis Sachs. Justizrath Dr. S t a u b. J o s e p h F r a e n k e 1. Aus dem Gedächtnissbuche der Grossloge. Seit Erstattung unseres letzten Berichts haben wir den Tod folgender Brüder zu beklagen: Es starben: 18. Arn 26. April 19» K3 Bruder Emil Schlesinger, Mitglied der Humanitas-Loge in. Gleiwitz seit deml 28. Oktober 1SS4, geboren am 21. August 184.1 in Gleiwitz: 14. Am 14. Mai 1900'Bruder Jacob Gottfeld in Arnswalde, Mitglied der Alle'mania-Loge .in Stettin seit-dem 30. Dezember 1885, geboren am 7. Oktober 1830 zu Arnswalde. 15. Am 24. Mai 1900 Bruder Eduard Münzer, Mit- * glied der Concordia-Loge in Kattowitz seit dem3.Februar 1S97, geborenam 14. Januar 1837. Aus den Logen des VIII. Distrikts. Germania-Loge in Halle a. S. In Folgendem geben wir unsern Bericht über die Thätigkeit unsrer Loge vom April 1899 bis dahin 1900. Die Einführung der Beamten erfolgte durch den hierzu von der ew. Grossloge Delegirten Br. Expr. A. Sernau. — Die nur noch wenigen Sitzungen vor den Ferien waren vorwiegend von Besprechungen über die Einrichtungen unserer Ferienkolonien ausgefüllt. Unter Oberleitung unsres Br. Expr. Dr. G. Oppenheimer waren dieselben wieder im Soolbade Wittekind untergebracht und — den Zeitraum der bezüglichen Ferien umfassend — vom 1. Juli bis 15. August von 50 Kindern aus Beriin, Hamburg, Dresden (Fraternitas-L.) und Halle besucht. Die gesundheitlich erzielten Resultate waren sehr erfreuliche und konnte bei allen Kindern, nach einem durchschnittlich vierwöchentlichen Aufenthalte eine beträchtliche Zunahme des Körpergewichts konstatirt und dieselben erholt und gekräftigt entlassen werden. Die Loge unterstützte eine Anzahl gemeinnütziger Institute (Ahlem, Dietz, Ems, Beförderung der Bodenkultur etc.) und betrieb auch die Unterbringung zweier Kinder eines ehemaligen Bruders ins Mädchenheim nach Ems bezw. in die Isr. Haushaltungsschule in Berlin. Nach beendigten Ferien traten die verschiedenen Comites