Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1900
- Issue
- Nr. 5 - April
- Date
- 1900-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
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wir lieben unser Vaterland wie unsre Geistesheroen, wie Kant, Schiller, Göthe, Lessing Deutschland geliebt, wir arbeiten für steine Aufgaben, wie diese Vorbilder es gethan. Und was haben wir Juden als Juden erreicht? Wir sind mit der allgemeinen Weltkultur voiwärts geschritten, haben als treue Söhne des Vaterlandes au seiner eigenen Entwickelung Theil genommen, aber sind auch treu geblieben unserer Glaubeus-Gemeinschaft, die unsre Ideale erfüllt, uud die uns den Silin giebt und die Gruudlage für das Höchste, was wir erstreben. Wenn wir dieser Treue auchin verschiedenen Formen Ausdruck geben, wir vereinigen uns immer in dem Grundenipfiuden, welchesrdas Judenthlim ausmacht: Gutes und Rechtes allüberall . zu schaffen'und ein Segen zu sein für Alle! Freilich der Kampf, den wir für unsre Menschenrechte, für unsre Äuerkennuug als vollberechtigte Deutsche auszufechten hatten, hat lange unsre Kräfte derart absorbift, dass das Gefühl für unser Judeuthum iu unsrer Gesammtheit zu schlummern schien. In der ersten Hälfte des Jahrhunderts hat das Judenthum wohl deshalb nicht die Eutwickeluug genommen, die es hätte nehmen können und nehmen müssen, weil es eben erwacht, das helle Licht der Freiheit nicht ertragen konnte. Wir sehen einen begabten Juden, Friedländer, eine directe Aufnahme in die Gemeinschaft der Christen erbitten, um das Judenthum und Christeuthum zu verbinden, um ganz aufzugehen in die Volksgemeinschaft. Eine Verirruug der Begriffe! Als ob die Mutter Germania nicht Kinder verschiedenen Blutes, verschiedenen Glaubens gleich lieben könnte! Wir sehen be gabte Jünglinge: Heine, Börne, Gaus sich vom Juden!huni lossageu, während sie innerlich mit ihm verwachsen waren uud verwachsen blieben! Es war alles in Gährung! Unfruchtbare Kämpfe zwischen Orthodoxie und Reform liillten die erste Hälfte des Jahrhunderts aus, Später, als man gelernt hatte, dass man zugleich Jude und treuer Bürger des Staates sein könne, fing mau an, dem .ludeuthum näher zu treten, es genauer keimen zu lernen und grösseren Kreisen näher zu briugen. Immer mehr verstand man es dahin, dass t.s eine Lehre der Tugend und der Uebung der Menschenliebe ist. Diese Thätigkeit, die Verbreitung des Bewusstseins für diese Aufgaben, ist das Ziel, nach welchem wir noch heute streben. Sie hat in den letzten Jahrzehnten zur Gründung dreier grosser Verbände geführt, der Alliance israelite universelle, der Jewish Colonization Association uud der B*uei B'riss-Orden. Sie sind eigentlich das schönste Zeichen jüdischen Sinnes im vergangeneu Jahrhundert. Jene Vereinigung hat ihre getrennte Aufgabe, aber alle sind berufen, die universelle Bedeutung des Judenthums zu bewähren. Die Alliance israelite sucht ihr« Hauptaufgabe dal in, Bildung zu verbreiten, besonders in denjenigen Ländern, wo Bildung noch als dem Judenthum gefährlich betrachtet wird. Sie will die4 Jugend für die Erkenntniss des heiligen und erhabenen Wesens des Judenthums gewinnen. Die Jewish Colonization Association, sucht weite Kreise dem von Alters her dem Judenthum eigenen Ackerbau wieder zuführen, um sie zu echten Bauern und Bürgern des Heimathlandes zu machen, die das Land lieben, weil sie es bebauen. In den Ländern, wo .sie politisch und social geknechtet sind, sollen die Unglücklichen gefühlt und geleitet werden, um sich mit eigener Kraft zu entwickeln zu selbstständigem Erwerb. Der B'nei-B'riss-Orden will seine Mitglieder veredeln, sie zur Höhe menschlicher und sittlicher Auffassung erziehen, ihnen ihre Pflicht als Juden nnd Menschen zum Bewusstsein bringen. Diese drei Institutionen nehmen einen mächtigen Aufschwung in ihren idealen Erstrebungen^diein.die Hebung des allgemein e u Kulturniveau« ausmünden. Sie verbreiten einen wahren, echten Segen durch Erziehung der Jugend, durch Bilduug der Erwachsenen Hiid ihre. Heranziehung zu tliätigen Mitgliedern iii der Gesellschaft und durch Selbstzucht. Wenn wir nun in di§ 'Zukunft zu schauen versuchen? Wir sind als Juden von der unverwüstlichen Zuversicht erfüllt, dass alles sich gut weiter entwickeln wird. Es geht vorwärts. Trotz alledem, was uns'hindert. Zwar hat es Mendelsolni schon vor 120 Jahren für unmöglich gehalten, dass man fürder. noch von Blutbeschuldigungen gegen das Judenthum sprechen werde und das Ende des Jahrhunderts sieht die Blutlüge kühn, von Neuem auftauchen! Wenn wir aber dem gegenüber halten, dass das zu einer Zeit geschieht, wo ,iu anderen., Gemeinschalten die wunderlichsten Dinge geschehen, wo Aberglaube und Mysticismus ihr Haupt kühn hervSorstreckeu, wo Dunkelmänner, Fanatiker, Feinde der Freiheit, der Wissenschaft, gegen die Entwickeluug der Wissenschaft, die Freiheit der Gedanken einen Damm autzurichten suchen — müssen wir uns tröstend sagen: das sind natürliche allgemeine Rückschläge in der Entwickelung jeder Kultur, jede grosse Epoche weist solche Schwankungen auf, man muss grosse Zeitläufe miteinander vergleichen, um dds Fortsein Utes inne zu werden; Friedrich der Grosse hatte zvfar stolz und feierlich ausgesprochen,"in seinem Lande könne jeder nach seiner Fac,ou selig werden, doch wurden den Juden weder Freiheiten noch Rechte gewährt. Seine Erkenntniss war die des Denkers und (lern "Volk gegenüber wurde sie nicht zur That. Heute aber erkenueu alle Parlamente unsere Gleichbeiechtiguug an uhcI. Steljen sie gesetzlieh fest. Die Gleichberechtigung als sittliche Förderung dringt in das Volksbewusstsein immer mehr ein-; sie wird Gemeingut der*Coltnr. Und man hat im'Berliner Vertrag auch dem Orient die Gleichstellung der .luden diktirt. Es i<5t allerdings vieles leider nur geschriebenes Gesetz und.nicht Uebung geworden, aber ist das nicht überall-ähnlich! Ist denn uns Juden nicht auch vieles Gesetz und nicht Uebung? Dennoch seieu wir zuversichtlich: Die Grundsätze des Rechtes werden mehr und mehr Geltung ellarigen, die Kultur dringt nur sehr langsam von den Spitzen in die Massen. Es ist ein langer Frozess, bis sie Gemeingut aller Menschen geworden ist. Wenn wir uuu also auch wegen-dei1 Kultuirückschläge nichts zu fürchten haben, müssen wir uns doch bewusst bleiben, dass wir unsere Rechte - und unsere Stellung von Neuem stets zu erkämpfen haben, wir dürfen nicht schlafen und nicht schlummern. Aber wir müssen uns am h tragen: .Was sind wir der Menschheit, dem Vaterlaüde und als Juden dem .ludentlium schuldig? *' War das vergangene Jahrhundert das Jahrhuudeit der politischen Gerechtigkeit, so wird."dasnächste Jahrhundert das der sozialen Gerechtigkeit sein. Immer mehr wächst das Bewusstsein, das wir" für -einander verantwortlich sind, dass ein Jeder autkommen muss für das Glück des Nebenmeuschen, und diese soziale -Fürsorge, wird mehr und mehr aus einem Austiuss des Wohlwollens zur Pflicht der sozialen Gerechtigkeit Mehr und mehr greift der G«-