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Bericht der Großloge für Deutschland · 1900-04-01 · Nr. 5 - April · p. [Seite]

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Journal
Bericht der Großloge für Deutschland
Volume
1900
Issue
Nr. 5 - April
Date
1900-04-01
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Verhüllend das Antlitz, aus Demutb nicht, i So stand er da, ein'stolzer Wicht, Gewaltig sich schüttelnd, mit den Achseln rüttelnd, Den rechten Fuss erhebend, geschickt,. Den andern Fuss zur Erde gedrückt, Ein wenig nach hinten gebückt, So, erschloss er seiner Weisheit Schatzkästlein Und zeigte sein Spezerei-Lädelein. Und Pintim begann er zu sagen, Alle blind und lahm und zerschlagen, In einem Gang, krumm.von Natur, Von Versmaass und Gleichklang keine Spur, Gehaltlos, gestaltlos — Wie er sich nun breit gemacht durdh seine Gesänge Vor der thörichten Menge, In Liedern, Zeugnisse seines Sparren, Vor seinen Narren, In seinem langen ..Oren" vor seinen Langohren, Da setzt ein Theil des Volks sich nieder, Ein Theil schloss für immer die Augenlider, I Ein Theil entfloh und kam nicht wieder. Sie eilten vom Gotteshause fort, Die Ochsen Hessen den Hirten dort Und tloh'n den eigenen Weideort; Und nur vier Esel bleiben da, Mi * Die schrieen mit dem Chasan ,,Ja"! Als stünden sie ihm als Chorus nah. So ging es weiter bis zur Mittagsstunde Bis ihnen die Zunge vertrocknet im Münde. Wie endlich nun die Pintim enden, Und er die Tefillah wollte vollenden Man Niemanden mehr im Bethaus traf, Die ganze Gemeinde zu Hause hielt Schlaf." — Noch nie sind wohl die Chasanim, die Träger der t» musikalischen Kunst im Mittelalter bei den Juden so lächerlich gemacht worden, noch nie ist über sie eine so übervolle Schale des Spottes ausgeschüttet worden, wie hier durch den übermüthigen, aber auch zugleich übelwollenden Satiriker Alcharivi. Denn können und wollen wir auch nicht thatsächlich vorhanden gewesene Missstände rechtfertigen oder beschönigen, so wäre es doch ein himmelschreiendes Unrecht, wollte man den Vorbetern die ungef heuren Verdienste vorenthalten, die sie sich das ganze Mittelalter hindurch durch ihre Wirksamkeit auf dem Gebiete der Synagogen- und Hausmusik erworben haben. Möglich, dass diese ihre Wirksamkeit zur Zeit eines Alcharivi in Spanien noch nicht die ihr gebührende Würdigung fand, wie dies in Deutschland in jener Zeit schon der Fall war. Schien doch den spanischen Juden für wenige Jahrhunderte noch die Sonne nur wenig ge. trübten Glückes, durften sie doch selbst hohe, ja höchste politische Aemter bekleiden, durften sie sich dcjch zumeist frei bewegen in Handel und Wandel, während in den deutschen Landen im 12. Jahrhundert bereits die Scheiterhaufen rauchten, auf denen Tausende von Juden um ihres Bekenntnisses willen mit dem Schma jissroel auf den Lippen ihren Geist aushauchten, während die Fluthen des Rheins sieb roth färbten von dem Blute wehrloser jüdischer Frauen und Kinder. ■ Der Jude, fast aller seiner Menschenrechte beraubt, ausgeschlossen vom Handwerk, vpm Landbau, von öffentlichen Aemtern, schutzlos preisgegeben fanatisirten Pöbel*' massen ist er in Deutschland um .diese Zeit und noch viele Jahrhunderte später angewiesen lediglich auf Hausirhandel und Geldgeschäfte. Der Beginn einer jeden Woche ist zugleich für jhn der Beginn unsäglicher Leiden. Mit dem Sack auf dem Rücken tritt er hinaus in eine ihm feindselig gesinnte Welt, Gebeugt vnn der Last der Sorgen, von den ihn umlauernden Gefahren, schleicht er von Haus zu Haus, von Hof zu Hof, muss Spott und Hohn geduldig über sich ergehen lassen und doch —. wenn wir, ihn auf der Landstrasse >n einsam dahinwanken sehen, bemerken wir nicht selten, wie er, seine trabe, traurige Lage verges§end,r sein Auge aufleuchten lässt, seiner Brust entsteigen gar ernste Tonweisen, ein Mussaf- oder Neilah-Kaddisch," ein Boruchattoh, ein Un'ssane tokef. ein odom j'ssodö meöfor und andere Jocnim' noroin-Gesänge. die er von seinem Chasen so inbrünstig an den hohen Festtagen hat Vortragen hören, sie tauchen in seiner Erinnerung wieder auf-, sie beglüeken. beseligen ihn. für wenige kurze Augenblicke.' Aber rjicht. nur ernste Weisen sind es, auch gar lustige entrücken ihn mit Zaubermacht dem Erdenjammer. "Hinausjauchzen huren wir ihn einen Melech eljon, einen kionn amm" cho zwar nicht immer mit Melodien synagogalen Charakters, aber immer eriüllen auch sie ihre göttliche Mission, sie führen den gehetzten, müden Wanderer so weit,. Weit von deT Stadt, vom Lande, von der Erde hinweg, dass es ein wahrer Gottessegen ist. Freilich höre ich schon die; Frage, ob denn diese vom Unglück verfolgten, vom. I jram -. gebeugten Juden so mus: kaiisch waren, um die eben genannten Melodien sich vor die Seele, vor die Ohren zaubern zu können. 1 'lese Frage.- kann und dari unbedingt bejah*. werde*n mit dem weiteren Zusatz, dass die Stimme, "das musikalische Geh'>r bei den modernen Juden bei.weitem-nicht mehr so entwickelt sind, wie bei unseren Vorfahren, den Ghettojuden. Bei ihnen war der Gesang ein gar lieber, immer wieder gern gesehener und gern gehÖrtej\Gast. In Concerten, in Opern oder sonstigen öffentlichen musikalischen Veranstaltungen konnte und durfte mar} ihn nicht aufsuchen.- so war es dehn einerseits die Synagoge, io welcher der Jude neben althergebrachten, echtjüdischen Weisen auch musikalische Novitäten, oft den auserlesensten Ohrenschmaus, zuhören bekam, andrerseits aber war /es. .die jüdische Familie, das jüdische Haus, wo der Gesang'eifrigste, riebe vollste Pflege fand. Ohne Zuhilfenahme von Musik- oder Gesangsprofessoren entwickelte sich von selbst durch die täglichen Gebetsübungen das Gehör, sowohl Wie fße Stimme und fast jeder Jude war im Stande, vor den Tisch des Herrn im Gotteshause zu treten, um als Baal lefillah, als Vorbeter zu fungiren. Auch unseren Ghettojüden, der die Woche hindurch* wie ein Hund behandelt; wurde, der nur zu oft draussen hündisch kriechen musste, auch ihn verwandelte die Musik in einen anderen Menschen, wenn er sich anschickte, deinen lieben Gast, die bräutliche Prinzessin Sabhath zu empfangen. »Mensch, mit menschlichen Gefühlen, Mit erhobnem Haupt und Herzen Festlich, reinlich schier gekleidet, Tritt er in des Vaters-Halle.

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