Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1900
- Issue
- Nr. 5 - April
- Date
- 1900-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 48 - Sei gegrüsst geliebte Halle Meines königlichen Vaters' Zelte Jacobs! Eure heil'gen"Eingangspfosten "küsst mein Mund.1 Wie lauscht er der einschmeichelnden Macht des Ge sanges. dem L'choh dodi des Chasens, den dieser begeistert anstimmt, wie betheiligt er sich lebhaft mit ganzer Seele, mit voller geübter Kehle an den Gemeindegesängen, die zwarnicht immer den Gesetzen der Schönheit, des Rhyth mus e-ntsprechen, die aber dennoch durch das ganze Gottes haus einen Hauch tiefempfundener Andacht verbreiten. Seelisch gestärkt, körperlich aufgerichtet vvrlässt er mit seinen Angehörigen die Stätte, wo er alte und neue musikalische Eindrücke empfangen. Als ein Anderer, als Ge bieter. als ein von treuer Gatten- und zärtlicher Kindesliebe umeebener Familienvater betritt er sein in hellem Lichter glänze erstrahlendes Heim, begrüsst er in einem schwungvollen Sabbathgesange die Engel des Friedens, die Engel sai bathlicher Weihe, und geheimnissvoll schreiten diese Engel durchs trauliche Gemach, sie weben Fäden innigsten Familienglücks um Vater und Mutter, ■ um die von der Schabbeslampe beschienenen hellstrahlenden Gesichter der Kinder,.die ihr Haupt neigen unter die Hände des geliebten, glücklich heimgekehrten Vaters, um den Segen zu empfangen. {'nd wieder erklingen Töne aus des-Vaters Brust, der jetzt, einem [ Minnesänger gleich, seiner lieben Frau das;sehönsje Minnelied singt, das einer tugendsamen Hausfrau e gesungen worden ist. das Lied vom Eschess chajil. das herrliche Lied vom Biederweibe, das schwerer zu erwerben ist. als die kostbarsten Perlen. . Und sie, die also Besungene? * ' ..Sittsam birgt die stille Hausfrau In der Haube ihre Zöpfe, Blickt sie sanft wie die Gazelle, Blüht so schlank wie eine Addas." Wie hat sie die Woche hindurch mit ihren Kindern erarbeitet, gedarbt und gespart, um den lieben Sabbath ich und wonnevoll begrüssen zu können, wie glänzt die fafel bedeckt mit schneeigfem Linnen;-wie einladend lugen er der reich verzierten Schabbesdecke die mohnbestreuten ■s hervor; mit welchem Seelenfrieden, trotz der Stürme en. ergreift der Hausherr den mit funkelndem Wein illten Pokal, um den Sabbath zu weihen! — Wer aber . messen genug, all die Wonneschauer in ■ Worte . ' zu wollen, die nun das jüdische Herz, den jüdischen i: igen >:rchrieselten angesichts der sauren Fische mit Leb- 1 > . \ angesichts des am Sabbath zur Herrschaft ge- "'langen I n dampfenden Schalet, angesichts der fetlglänzenden Kugel Wort versagt! Aus dem verklärten, dankerfüllten Auge r.nes empfange o jüdisches Weib, Schöpferin dieser Li Ispeisen, deinen Lohn, deine Huldigung. Wer. . er rindet der Jude in seinen Semiross, seinen poetischen Dank- und Lobliedern, schöngesetzte Worte, mit denen er nun den Sabbath besingt, mit denen er seinen Schöpfer preist, ihm aus Herzensgründe innig dankt. Zu entzückendem Wohlklang vereinigen sich mit des Vaters gewichtiger Stimme die hellklingenden Töne aus der Mutter- und der Kinder Munde und diese Gesänge bilden einen Theil des allwöchentlich wiederkehrenden Programms der jüdischen Hausmusik. Frau Musika herrschte als Königin im Bereiche des jüdischen Hauses, sie hegte und pflegte der Ghettojude mit, leidenschaftlicher Gluth, sie liebte er mit allen Fasern seines so reichen Gemülhes und sie vergalt ihm diese Liebe tausendfach, schon dadurch, dass sie ihn weit, weit über die jämmer-, liehe Alltäglichkeit erhob. Wie an dem eben von mir geschilderten Freitag Abend,' so übte auch bei allen Festen im jüdischen Hause die Musik ihre segensreichste Wirksamkeit aus, und nicht zum Wenigsten hat sie dazu beigetragen, ein inniges jüdisches Familienleben zu schaffen, es weit über seine Grenzen hinaus bei Freund und Feind rühmlich bekannt und vorbildlich zu machen. Es erübrigte mir zwar noch, auf die Pflege der Musik im modernen Judenthum des Näheren einzugehen, allein —' die Stunde ist kurz und der Stoff sehr reich. So sei mir denn nur soviel zu sagen noch gestattet. Die vollständigveränderten Zeitvefhältnisse haben leider dahin geführt, dass auch in den meisten modernen jüdischen Häusern das Verhältniss zur Mu>ik ein vollständig anderes geworden ist. Die ehemals wahren Gottessegen spendende Herrscherin, die Musik, sie ist zur Sklavin der Mode herabgedrückt worden. Was Wunder, wenn sie auch diejenigen Orte meidet, wo die Menschen ihr eisig kalt gegenüberstehen, welche die traute Genossin der Kindheit nicht mehr kennen, ihr keine gastliche Stätte mehr bereiten wollen. Nur selten mehr erklingen heutzutage im'jüdischen Familienkreise jene keuschen Gesänge und Lieder, gleichviel ob religiösen 1 oder weltlichen Inhalts, die in ihrer Volkstümlichkeit, ihrer Leichtfasslichkeit zur allgemeinen Betheiligurig sämmtlicher. Familienmitglieder zwingend einladen. Mit dem Verstummen diesesLiedes hat ein grosser Theil jüdischer Väter und Mütter auf eines der ausgezeichnetsten, wichtigsten Erziehungsmittel freiwillig Verzicht geleistet; denn wer hätte nicht schon die erfrischende,belebende Kraft einer vernünftigen musikalischen Bethätigung an sich selbst erfahren? Nennt sie doch Jean Paul ein Seelenheilmittel gegen die Kinderkrankheiten /des Verdrusses, Starrsinns und Zürnens. Möchte doch die Erkenntniss sich bald wieder Bahn brechen, dass die eifrige Pflege der Hausmusik, insbesondere die Pflege des yolksthümlichen Gesanges auch unseren Kindern eine ebenso angenehme wie anregende Zerstreuung bietet. Betrachten wir doch unsere ' Kleinen, wenn wir uns zu ihnen gesellen, mit ihnen irgend ein Schullied-anstimmen. Wie sind sie mit Leib und Seele bei der Sache, wie glänzt, wie leuchtet ihr kurz jjuvor noch müder Blick! Verklärt vom Strahl der göttlichen Kunst ist ihr leicht erregbares Gemüth in solcher Stimmungam zugänglichsten i jeder Belehrung, jeder Veredlung, sind sie am ehesten em-1. pfänglich gemacht für alles Schöne, Wahre und Gute. Wo solch reicher Lohn winkt, sind die von uns geforderten Opfer an Zeit, aber hauptsächlich an gutem Willen wahrlich kaum nennenswerthe Opfer, denn? „Es rafft von jeder eitlen Bürde -1 Wenn des Gesanges Ruf erschallt, Der Mensch sich auf zur Geisterwürde Und tritt in heilige Gewalt; Den hohen Göttern ist er eigen, Ihm darf nichts Irdisches sich nah'n, Und jede andere Macht muss schweigen, Und kein Verhängniss fällt ihn an, Es schwinden jeden Kummers Falten, So lang' des Liedes Zauber walten."