Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1900
- Issue
- Nr. 5 - April
- Date
- 1900-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/4864325-6028958-6029381--0387-4864568- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- hazzan 3× ep/1004827
OCR text
hebräischen Gesängen die damalige Situation kurz tnd treffend. * ■ »Judäa ist ein Traum, der Tempel schwand, der heiligen Harfe Saiten sind gesprungen", begraben unter denTrümmern Jerusalems liegen auch alle musikalischen Herrlichkeiten. Tiefe, oft undurchdringliche Nacht senkte sich auf den übriggebliebenen Rest Israels. Dieser, in. alle Winde zerstreut, , hatte nichts gerettet', als seine heiligen Schriften und die schon damals im Gebrauch gewesenen Gebete mit ihreh einfach rtfzitativischen Tonweisen. Der Genius der Musik hatte trauernd seine Fackel gesenkt. Das musikalische Leben bei den Juden in der Verbannung, im Golus, war dem Ersterben nahe. Dazu trat noch eine direct musikfeindliche Richtung der Schriftgelehrten oder, wenn dieser .Ausdruck zu hart ist, ein vollständiger Mangel an Interesse für Kunstbestrebungen aut dem Gebiete der Musik, ein Mangel, der ja nur zu begreiflich ist angesichts des grossen nationalen Unglücks, das noch Jahrhunderte hindurch seine niederschmetternde Wirkung ausübte. - Noch im dritten Jahrhundert lehrt der unter dem Namen Raw bekannte Abba Aricha in Sura: „Das Ohr, das dem Gesänge lauscht, werde herausgerissen". Aber die menschliche Natur 'lässt sich selbst durch das grösste Unglück nicht für immer aus dem Gleichgewicht bringen. Die Sehnsucht nach der alten Heimath blieb zwar haften in den Herzen der Juden, aber dennoch wollten sie nicht völlig verzichten aut die Freuden des Lebens, insbesondere nicht auf die göttliche Trösterin im Leid, auf die Mftsik. Gegen Ende des dritten Jahrhunderts erlaubte zwar schon der Schriftgelohrte Hunna. dass die Arbeiter auf dem Felde und die Schiffer beim Rudern singen dürfen, als aber einer seiner Nachfolger volle Musikfreiheit eintreten liess, da wirkte diese Maassnahme auch ganz bedeutend auf die Hebung der volkswirtschaftlichen Verhältnisse, welche unter den Folgen des Gesangsverbotes schwer zu leiden 'hatten. Wir hören darüber: , Als-unter Raw Hunna der Gesang noch verstummt war. wurden 100 Gänse und 100 MaaSs"Weizen zu je einem Denar feil geboten, ohne einen Käufer zu finden. Nachdem aber Raw Chasda das Gesangsverbot aufgehoben hatte,, war für den Preis eines Denars nicht eine Gans zu bekommen." Trotz dieser Musikfreiheit blieb in allen Ländern der Diaspora nach wie vor die Synagoge derjenige Ort, wo man der Musik liebevollste Pflege angedeihen liess, insbesondere seitdem sie an die Stelle des Tempels getreten war. Die wenigen überkommenen einfachen Tonweisen bildeten die Grundelemente, aus denen sich im Laufe der Jahrhunderte eine Reihe von Rezitationsgattungen in unsrem Kultus entwickelte. Sie wuchsen empor zu einem triebkräftigen, starken Baum, an dessen Aeste und Zweige allerdings nicht selten Blüthen und Früchte ansetzten, welche einem andern, nichtjüdischen Boden entnommen waren. Die Liturgie erfuhr eine immer grössere Bereicherung durch die Poesieen hervorragender Dichter, welche für ihre Dichtungen entweder neue Melodieen erfanden oder landesübliche Gesänge benutzten und sie häufig selbst in den Synagogen zum Vortrag brachten- Mit der Zeit aber geschah des Guten in dieser Hinsicht zu viel, denn war auch manch wirklicher Dichter vielleicht ein guter Chasan, so wollte jetzt fast jeder Chasan für einen Dichter gelten und anerkannt sein, selbst wenn die Muse der Dichtkunst ihm noch so abgeneigt gewesen ist. Die Eitelkeit war einmal entfacht, sie durchbrach alle Dämme und Hand in Hand mit ihr machte sich unter einem Theil der Chasannim eine erschreckende Unwissenheit breit. Schon im 12. Jahrhundert geisselt der spanische Dichter Jehudah den Salomo al charisi in überaus scharfer Weise, diese Missstände in einem Gedicht, das in seiner poetischen Sammlung „Tachkemoni" enthalten Ist, dessen Inhalt ich Ihnen, trotz seiner offenbaren Uebertreibungen, nicht vorenthalten will. Die Uebertragung ins Deutsche stammt von L. Stein. »Sieh' hin, da kommt schon der Chasan, Den Turban um seine Stirne, Ein Barett auf seines Hauptes Firne, Wie schön und glänzend war das. Zwei hundert Ellen an Maass! Voll reicht sein Bart hinab, Der wie ein Betttuch ihn umgab, Ja, bis zur Erde die Haarspitzen wallen, Er wäre beinahe darüber gefallen. — Wie wir ihn also sah'n Da wandelt uns Ehrfurcht an. Und wir beugten uns ihm entgegen, Und standen starr, ohn' uns zu regen; Bis er mit Lieblichkeit anling, . Zur Pforte des Gebetes einging — Da hab' ich mehr als hundert gezählt. So oft hat er im Gebet gefehlt, Und Böcke zwar von hellem Klang. Nach Abzug der anderen, von kleinrem Belang; Doch hab' ich's ihm nicht zur Rechnung gebracht; Ein Zufall wohl ist es, hab' ich gedacht; Die. Sorg' um den Sabbath hat irr ihn gemacht, Ein Schlätlein ihn überrascht vor Nacht. Drum alsder Morgen strahlte hell, ' i Da mach' ich mich auf zum Bethaus schnell, Da stand der Chasan an oberster Stell", Lässt hundert Benedictionen vornehmen, Die seiner Zunge wie Wasser entströmen, Und schreit, man hört es gar weit'; — Dodh anstatt: „Gott sei gebenedeit, Der den Menschen gebildet und in Weisheit erschaffen,* Sprach er: .Der denMenschen gebildet als weissen Affen," Und in den Lobpsalmen gar, Da macht er Fehler gross und unzählbar; * Anstatt: „Vor Schurken verschone Deine Knechte,* Sprach er: „Vor Gurken und Bohnen gehn feine Hechte;" Anstatt: »Von fettem Weizen bringt er Dir viel,* Sprach er: „Von Federweissem trinkt er Dir viel," Anstatt: „Mit Wolken bedeckt er den Himmel," Sprach er: „Mit Wolle bedeckt er den Lümmel;" Anstatt: „Es freue sich Israel mit sfeinem Gölte", Sprach er: „Es freue sich Israel mit seiner Rotte;" Anstatt: „Lobet mit Cymbeln und Flöten," Sprach er: „Lobet mir Zimmt und Pasteten!"' Sodass ich verstummte vor Scham. Und tiefe Reue mich überkam, Dass ich den Weg zur Synagoge nahm; — Doch wie er die Psalmen nun beschlossen, Hat er sich in neue Lieder ergossen. \