Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1899
- Issue
- Nr. 7 - September
- Date
- 1899-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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redliche Handwerker; in der einen Hand die Feder, mit der sie das Gotteswort niederschrieben, in der anderen Hand das Werkzeug, um damit das tägliche Brot zu gewinnen. Die Liebe zur Arbeit war zugleich im Sinne und im Geiste der Volkstradition, enthält doch die allbiblische Literatur so manchen Hinweis auf die sittliche Pflicht und den endlosen Segen der Arbeit, sowie manche Ermahnung gegen Faulheit und Trägheit. Ja, es ist eine uns' Israeliten ehrende Tradition, die Liebe zur Arbeit. Man durchblättere doch die mit Recht so hochgeschätzte Literatur der Griechen und Römer, man lese ihre historischen, poetischen und philosophischen Schriften, ob man irgendwo auf einen ähnlichen Satz stösst, wie ihn der Psalmjendichter herrlich und schön im 128. Psalm uns hinterlassen hat. Dort wird das glückliche Familienleben eines schlechten, gottestürchtigen Handwerkers geschildert, wie er Gott fürchtet und in seinen Wegen wandelt; wie das Weib einem traubenreichen Weinstock' gleich im Hause schallet und waltet, wie die Kinder gleich Oelbäumen um den Familientisch aufgepflanzt stehen, wie solch ein Mann eine Enkelschaar um sich schaut; aber dem ganzen lieblichen Familienbilde geht eine Voraussetzung vorher: „wenn du dich von deiner Hände Arbeit ernährst, heil dir, es geht dir wohl, heil dir, so meinen die alten Lehrer, in dieser Welt, der Welt der Dinge und Körper; es geht dir wohl in einer anderen Welt, der Welt der Ideen und Seelen. Welch eine höhe .Werthschätzung der Arbeit seitens des jüdischen Geistes! Der Grieche überwies die Arbeit als eine des freien Mannes unwürdige Thätigkeit dem Sklaven, der Jude erkennt in ihr ein Mittel, das zu den Stufen der Sittlichkeit hinaufführt, einen Schlüssel, der die Himmelspforte erschliesst. Dieser hohen Bestimmung und Werthschätzung der Arbeit sei an erster Stelle dieses Haus geweiht. Die Arbeit fördert und entwickelt die sittliche Kraft in dem Menschen, sie weckt das Vertrauen zum persönlichen Können, sie stärkt und hebt das Selbstbewusstsein. Es bedeutet doch etwas anderes, wenn das Stück Brot aut dem Familientisch ein durch Fleiss gewonnenes oder ein geschenktes ist; ob der tGroschen in der Hand ein durch Schweiss des Antlitzes verdienter oder ein Almosen ist. Fürwahr, es ist ein Merkmal des Fortschrittes der .Menschheit, dass die Arbeiterfrage in der Gegenwart im Vordergrunde steht, es ist ein Zeichen der Grossjährigkeitserklärung des Arbeiters, ein Zeichen der erwachten Würdigung der Leistungen auch des Arbeiters an den grossen Aufgaben der Gesellschaft. Und dieses Vertrauen zur eigenen Kraft, und dieses sittliche Selbstbewusstsein soll auch in der jüdischen Jugend, indem man sie zum Handwerkerstände zuführt, geweckt werden; es muss wiederum jenes alte talmudische Wort zu Ehren gelangen: „es ist etwas Grosses um die Arbeit, denn sie ehrt ihren Herrn." Jahrhunderte lang sind wir mit Gewalt den Arbeitsstätten ferngehalten worden, das ehrliche Handwerk ward uns untersagt, da brach das neunzehnte Jahrhundert an, und mit dem Sturze der-Throne des Despotismus, mit der wenn auch nur langsamen Zdrückdrängung der welllichen und geistigen Reaklion, verzog sich auch allmählich das finstere Gewölk am Himmel unserer Geschichte, und die freundlichen Strahlen des erleuchteten Geistes der Fürsten und Völker fielen auch in unsere Wohnungen; wir ermannten uns, griffen selbstbewusst ein in das nationale und soziale Streben der Zeit,, Vereine zur Förderung des Handwerks unter den Juden wurden gegründet, und eine Krönung unserer Bestrebungen in hiesiger Gemeinde und als ihf äusseres Zeichen , erhebt sich unser Lehrlingsheim, ein Denkmaljüdischer Energie, ein Zeichen der in unsern Kreisen neu erwachten Würdigung der sittlichen Bedeutung der Arbeit. •'. . ,'- - Aber nicht allein die Liebe zur^ Arbeit, sondern auch die Ausdauer" und Beharrlichkeit in dem erwählten Berufe soll in diesem Hause unseren, jungen Handwerkern eingeprägt werden. Die ewige Wanderung unsrer Väter durch die Völker der Geschichte, ihr."stets .gefährdeter Autenthalt in allen Landen, der oft erzwungene Wechsel der Mittel zur materiellen Existenz, die Unsicherheit der materiellen Unterlage ihres Daseins haben . eine gewisse Ünstetigkeit und Unruhe in dem Wesen unseres Stammes und in der Wahl des Berufes zur Folge gehabt Der Beruf, der heute bescheiden ernährte, wurde oft morgen mit einem andern, der grösseren Gewinn in Aussicht stellte, vertauscht., Diese Neigung zum Wechsel des Berufes, , auch in dem Handwerkerstande, ist noch hier-und da in unsrer Glaubensgenossenschaft vorhanden. '• -Diese Ünstetigkeit, dieser Wankelmulh wirft aber einen dunkeln Schatten auf den Charakter des Menschen; das ehrbare ünd fleissige Handwerk hat noch in der Gegenwart in einem gewissen Sinne einen goldenen Boden; nicht besitzt es die Zauberkraft wie , der Wunderbaum irri Buche Jona, . der über Nacht stolzblätterreich und schattenspendend emporwächst, nicht macht das Handwerk über Nacht x^ich und begütert, aber es gewährt ein inneres festes Bewrusstsein, schützt vor Verarmung und festigt den Blick in che Zukunft, denn fürwahr, des Spruchdichters Wort ist noch heute zu beherzigen: .Wer drängt reich zu werden, geht, nicht ungestraft aus". Verehrte Festversammlüng! Neben der Weckung der Liebe zur Arbeit und der .Würdigung der sittlichen ße-/ deutung der Arbeit, neben der Festigung der Beharrlichkeit im Berufe in dem : sich' hier entwickelnden jungen Handwerker, werde auch, wie in einem jüdischen Familienhause, religiöser Sinn und göttesfürehtiger G&st in die empfänglichen Seelen unserer Pfleglinge gelegt. Dieses hohe Ziel ertheile ganz besonders dem neüen Lehrlingsheim seine Weihe. An der Wand des Speisesaales betindet sich die Inschrift: „Nicht um des Brotes -willen allein lebt der Mensch", der dort fehlende Nachsatz aber lautet: „sondern um deswillen, was aus dem Munde Gottes hervorgeht". Unsere Zöglinge sollen wie in einem Familienhause erzogen werden, erzogen werden zu gottestürchtigen, redlich strebenden Menschen, die die Wahrheit lieben und die Lüge hassen, das Recht üben und das Unrecht vermeiden,' das Gute anstreben und das Böse unterlassen, zu Glaubensgenossen, die dem Juderithum Ehre bereiten, zu Bürgern, die den Landesfürsten und das Vaterland verehren und lieben. Dem Zögling, der die Stufen-dieses Hauses hinansteigt, rufi"s aus dem Munde des Propheten Sacharja zu: „Diese Dinge sollt Ihr thun: redet Wahrheit einer mit dem andern, Wahrheit. Recht und'Friede lasset walten in Euren Thoren. Und - im Herzen sinne Keiner Böses gegen den Nächsten, und falsche Worte liebet nicht, denn das alles hasst Gott" (Sech. 8, 16, »?). Nicht soll das alleinige Streben in diesem Hause sein, soviel Handwerker als möglich in die Welt hinauszusenden, ohne Rücksicht auf ihren inneren