Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1899
- Issue
- Nr. 6 - August
- Date
- 1899-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
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76 - wurde für dieses Mal davon Abstand genommen. Von englisch amtlicher Seite wurde hervorgehoben, dass Regierungsvertreter mit bestimmten Weisungen versehen sein müssten: das aber liesse sich;ür diese Tagung nicht herbeiführen. Wohl aber würden die Regierungen den Verband- Jungen hohes Interesse entgegenbringen, und über die getassten Beschlüsse liesse sich dann weiter zu Vorkehrungen schreiten. — 2> Die einberufenen Landes-Central-Comitcs setzten sich aus den einflussreichsten und hochgestellten Personen zusammen. Es verdient vielleicht Erwähnung, dass während in den meisten Ländern hierbei auf die verschiedenen Confessionen Rücksicht genommen wurde, für Deutschland nur evangelische Vereinigungen in das Central- Comitc berufen wurden. Andererseits haben wir pi bekunden, dass Herr Pastor Burckhardt und andere deutsche Delegirte zu gemeinsamer Arbeit sich entgegenkommend zeigten. Besonders herzlich für. unse'rn Delegirten gestalteten . sich, wie vorauszusehen war. die -Beziehungen zur Jewish- Association-und sehr liebenswürdig waren die Herren und Damen von der N. Vigilance Ass. ~J Es gehört-hierher, kurz über die äussere Gestaltung und Form des Congresses zu berichten: denn auch dieses wird zur richtigen Würdigung des internationalen Zusammenschlusses, sowohl was seinen unmittelbaren, als auch was andere •philantropische Zwecke anbetrifft, beitragen. Die Sitzungen im Westminster Palace-Hötel an den Tagen vom Mittwoch, den 21, bis. Freitag, den 23. Juni, begannen jedesmal um 10 Uhr und dauerten mit Unterbrechung zu einer Frühstückspause bis 4 Uhr. Abends ianden Ex: perten-Commissions-SUzungen statt. Die Vormittags-Sitzungen waren vorwiegend der Verlesung der Berichte der Vertreter der verschiedenen Länder gewidmet; die Diskussionen waren aut' die Nachmittage verlegt. Die Einladungen zum Frühstück erfolgten _ für den Mittwoch vom Parlamentsmitglied Wilson, tür-Donnerstag vom Parlamentsmitglied Samuel Smith, und für Freitag von der Nat. Vig. Ass. Aberydemp:änge wurden veranstaltet: am Dienstag, den 20., in den Räumen der Königl. Gesellschaft Britischer Künstler, am Donnerstag bei Ihrer Hoheit, der Frau Herzogin von Westminster, Freitags bei Herrn und Frau Bunting. Englischer Sitte gemäss wurden die Tagessitzungen jedesmal voft einem Ehren- und Begrüssungsvorstand eröffnet, dessen sämmtliche Mitglieder Ansprachen an den Congress hielten. Diese Vorstände bestanden aus: iMittwoch) Sr. H. der Herzog von Westminster, Frl. Ellice Hopkins, der Bischof von London, der Präbendar:Geistliche Wrebb-Peploe. (Donnerstag) D. Cardinal Erzbischof von Westminster, d. Gräfin von Aberdeen. H. J. Wilson, M. P., d. Canonikus Scott Holland, (Freitag) D.'Grat von Aberdeen, Lady. Battersea, Chief Rabbi Dr. Adler. Lord Kinnaird. Diese äussere Skizzirung des Congresses liefert bereits wesentliches Material zu seiner Charakterisirung. Es wird sofort erkennbar, dass die Internationale Zusammenkunft in taktvoller Weise auch zu einer intercontessionellen gemacht war. An der Spitze der Bewegung stehen der protestantische Bischoi, der katholische Cardinal und der Chief Rabbi. — Ferner1 zeichneten sich die Verhandlungen dadurch aus. dass im Ehren-Vorstand und in dem die Sitzungen leitenden Bureau Damen sich befanden, dass ferner als Delegirte, Berichterstatterinnen, Rednerinnen, Damen in hervorragenden Stellungen, von Geist und hohem Charakter, sich betheiligten. Hierin zeigt sich ein Stück neuzeitlicher Frauen - Bewegung, und zwar von einer erhebendsten Seite. Auch eine jüdische Dame der englischen Aristokratie war im Ehrenvorsitz* Bedauerlich war, dass auch hierin gegen viele Länder Deutschland zurückstand. Aus unserm Vaterlande waren in einer Sache, die die Frauen am innigsten erfassen sollte, zwar weibliche Delegirte entsandt. Doch zur Betheiligung von Berichterstatterinnen und Rednerinnen kam es nicht. Noch einen Vorzug besass der Congress vor vielen sonstigen Tagungen, nämlich den Ernst und die Würde, die vom Beginn bis zum letzten Augenblick der Sitzungen herrschten. Man durf te sich fragen, ob es wohl viele - parlamentarische Versammlungen gäbe, in denen ein nach Hunderten zahlendes Auditorium der Verlesung der Berichte stundenlang Tas: für Tag mit spannender Aufmerksamkeit folgt. Es war eben ein Zeichen von der vorzüglichen. Zusammensetzung der Versammlung und ihrem hohen Bildungsgrad. Das Einladungs-Programm hatte jedem Landes-Comite auterlegt, zwei Referate zu erstatten: 1. Weisser Sklaven- Handel vom Gesichtspunkte der bestehenden Landes-Gesetzgebung und Verwaltungsbestimmungen, sowie der für Gesetz und Administration vorgeschlagenen Veränderungen, •>. die in dem betreffenden Lande angewendeten Mittel zur moralischen Erziehung und Hebung junger Männer und Mädchen. Der Delegirte unseres Comites, Br. Tuch, hielt es für angemessen, obgleich dem Internationalen Congress die Vertreter des evangelischen Central-Comites für Deutschland zu referiren hatten, seinerseits Berichte über beide Angelegenheiten von unserem besonderen Standpunkte aus anzufertigen. Diese Berichte hatten nach Maassgabe unserer Erfahrungen sich kaum mit unserm Vaterlande, dagegen mit dem Transito- Geschäft der Seelenverkäufer, dem jüdischen Antheil daran, der Schuld, die hierfür die osteuropäischen Juden-Verfolgungen trifft, und endlich dem galizischen Rettungswerk, wie unser Br. Dr Maretzki darüber zur Grossloge berichtet hat (vergl. die beiden letzten Gfosslogen-Berichte) zu beschäftigen. Die beiden Arbeiten waren auf Deutsch und auf Englisch in mehreren Fxemplaren ausgefertigt worden. Br. Tuch,*) der bereits am Montag, den 19. Juni in London eingetroffen war, erörterte an diesem Tage und an den folgenden mit dem Vorsitzenden der Jewish Association, Rev. Singer, deren Ehren-Sekretär, Mr. Moro, dem Sekre- ■tär Dr. Friedeberger und dem Chief Rabbi Dr. Adler die Frage, ob neben dem Referat des deutschen C.-C. unaufgefordert ein jüdischer Sonderbericht erstattet werden solle, und stimmte mit den englischen Herren darin überein, dass Zurückhaltung geübt und das Material für weitere Zwecke verwendet werden solle. Demzufolge blieben die beiden Aufsätze in den Händen der jüdischen Londoner Gesellschaft. Je ein Exemplar in Engüsch und Deutsch wird dem Archiv *\ Ausser Br. Tuch wohnte am Donnerstag und zum Theil am F Feitag Br. Ritter, unser Comite-Mitglied. den Verhandlungen an. Auch Herr Dr. Krnst Tuch, der als Mitarbeiter seines Vaters wirkte, war bei den Sitzungen und Empfängen gegenwärtig.