Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1899
- Issue
- Nr. 4 - Mai
- Date
- 1899-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/4864325-6028956-6029356--0321-4864507- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Gemeinschaft mit Anderen als ausserordentlich geeignet erscheinen. Die ethischen Bestrebungen der Gegenwart, w.elche einen wahrhaften Fortschritt der Menschheitskultur bezwecken, müssen den Rlick — 'unbeschadet aller religiösen Gefühle und Vorstellungen — auf das Irdische, auf das Diesseits gerichtet halten. Und in der Thal ist in der mosaischen Ethik die Betonung 'des Transcendentakn bei den Geboten und Verboten der Sittenlehre nicht üblich gewesen. Der Mensch soll durch die sittliche Erziehung befähigt werden, seine und der Gesammtheit wahre irdische Wohlfahrt zur Richtschnur zu nehmen. Gerade" an die höchsten sittlichen Gesetze knüpft sich die Verheissung, dass ihre Befolgung mit. dem irdischen Leben belohnt wird. ..damit Du lange lebest auf Erden." . Ks kann ferner noch, weil gerade für unsere,Theilnahme an den allgemeinen ethi.-chen Bestrebungen unseres Zeitalters von' Bedeutung, an die eminent sozialethische Tendenz der mosaischen Gesetzgebung erinnert werden. Sich freihaltend von einer kulturfeindlichen. Verketzerung des' Reichthums und des Besitzes, arbeitet sie hin auf einen sozialen Ausgleich auf dem Grunde der ethischen Gerechtigkeit in Verordnungen, die wir heute nicht mehr zur Geltung bringen k mnen. deren Geist aber zu erfassen uns und Anderen zum Se_en gereichen wird. - - Der altjüdischen Ethik kann, wenn man., sie in die modernen Zeitströmungen einführen will, höchstens der Vorwurf entgegengehalten werden, dass sie die nationale Abschlic-ssung begünstig.!. Sicher hatte sie zur Zeit ihres Entstehens eine nationale Tendenz: auf die Notwendigkeit der Abgrenzung einer ethischen Einwirkung zunächst,auf einen geschlossenen homogenen .Menschenkreis werde ich bald zu spreGhe/f kommen. In unserer Zeit, der Epoche eines gesteigerten Xationalbewusstseins. wird man das Verständniss für die Idee der Beschränkung der sittlichen Erziehung zunächst auf eine nationale Gemeinschaft am wenigsten vermissen dürfen. Die nationalen Schranken sind mit der nationalen Expropnirung des jüdischen Volkes längst gefallen. Mehr zur Apologie der jüdischen Ethik hier vorzutragen, erscheint mir nicht nöthtg: die Erkenntniss, dass wir mit einer solchen Ethik eintreten können, dürfen und müssen in die Reihen der Kampier für humanitären Fort- . -. . , , ,— schritt, wird sich aus den kurzen Betrachtungen erschliessen. Für die Behandlung unseres Themas ist dann weiter unerlässlich die Beantwortung der Frage, wie es ethisch zu rechtfertigen ist, dass wir nur Jaden in unseren Bund aufnehmen. Im Lichte der. Ethik betrachtet, hat diese vielerörterte Frage .zwei Seiten, die ich der Kürze halber als subjektive und objektive bezeichnen mochte. Es ist eine von den bedeutendsten Ethikern ausgesprochene Ansicht, dass der erste Anspruch, der an jegliche ethische Gesellschaft erhoben werden muss, der ist, dass sie das Bedürfniss der inneren Gemeinschaft befriedigen, eine Gemeinschaft des inneren Lebens darstellen soll. Wir können leider nicht hotten, ein solchem Ziel zu erreichen in Gemeinschaft mit Denen, bei Denen ein geringer Anlass, eine leichte Suggestion genügt, um den in der Asche fortglimmenden Funken des Judenhasses zum plötzlichen Auflodern zu entfachen. Unsere Mitbürger wissen das selbst von sich am besten und mit Zartgefühl entziehen sie uns den für uns peinlichen Gelegenheiten, indrfm sie uns vielfach von der Theilnahme an solchen Gemeinschaften von vornherein entbinden. Und wo man uns zulässt, sind wir oft verdammt, dazu, wie neulich einer unserer Brüder so treffend bem.erkt hat. die Rollen einer Art Schutzjuden zu übernehmen. Wir können ferner nicht erwarten, dort uns voll und frei in intimem Geistes- und Herzensbunde mit Andern einzuleben, wo wir stets fürchten müssen, dass unsere Nasen Anstoss erregen. Nachdem man uns herausgelassen hat aus den finstern Judenthoren zum Markte des öffentlichen Kulturlebens und wir bildungs- und wissbegierig uns genährt haben an dem Busen der modernen westeuropäischen Kultur, haben wir aber das Bedürfniss einer inneren Seelengemeinschaft mit Anderen und wir finden sie nur unter uns selbst, vor Allem in unserem Orden, der sie als sein erstes und höchstes Ziel erstrebt. Das ist, was ich kurz als die subjektive Seite des Gegenstandes bezeichnet habe. Nun liegen aber weiterhin so unendlich viele objektive ethische Aufgaben vor, die sich speziell auf unsere Stammesgenossen beziehen, dass die Gründung und ErlTaltung eines jüdischen Ordens ein dringendes Bedürfniss genannt werden muss. , Sie gipfeln alle in der Beseitigung historisch bedingter Missstände, die einerseits wir selbst in uns darbieten, anderseits unsere Wirthsvölker auf dem Gewissen haben. Der Kampf für unsere äussere und innere Emanzipation ist noch nicht zu Ende: weder die, welche uns die Freiheit gaben, nachdem ihnen Jahrtausende lang der Judenhass als Aderlass gegen körperliches und psychisches Unbehagen gedient hatte, waren gereift genug dazu, noch wir, die wir der dumpfen Ghettoluft gewohnt, uns nicht sofort akklimatisiren konnten, sind wahrhaft emanzipirt. Niemand aber ist da, der den Emanzipationskampf mit uns führt: er bleibt uns selbst überlassen. Dazu kommt, dass wir verantwortlich gemacht werden in unserer Gesammtheit für die Fehler jedes Einzelnen in unserer Stammesgenossenächaft, jedes ethisch minderwerthige Individuum, das jüdischer Herkunft ist, hängt man uns Allen an die Rockschössen. Wir mussten desshalb uns zusammenschliessen, um in der uns historisch und gesellschaftlich angewiesenen Sphäre für die beiden herrlichen Ideale zu streiten,, die Befreiung der Abkömmlinge eines der ältesten Kulturvölker von schmachvoller Zurücksetzung und die Befreiung einzelner dieser Volksgenossen von ethischen Gebrechen und Fehlern. Und so lange beide Ziele nicht erreicht smd und so lange andere Vereinigungen sie nicht mit Feuer und Ernst erstreben, sammeln wir uns zum müh- _ . ■»' . samen Kampfe tür diese Ideale, die zu erstreiten jeder ethischen. Vereinigung, ja der ganzen modernen Civilisation zur höchsten Ehre gereichen müsste. Wir wenden uns nun zu der Frage nach der ethischen Berechtigung unseres Grundsatzes, innerhalb der Judenheit eine kritische Auswahl zu treffen und dieselbe nur in beschränktem Umfange in unseren Bund hereinzuziehen. Die Exklusivität einer praktischen ethischen Gesellschaft dürfte kaum den obersten Gesetzen der Ethik selbst entsprechen: diese verlangt, dass eine ethische Gesellschaft nicht trennend wirken, sondern vielmehr ausgleichend in die verschiedensten Gesellschaftsklassen übergreifen soll. Edel und schön ist dieser Grundsatz sicher gedacht, die Erfahrung der Praxis aber lehrt unzweifelhaft, dass wahrhaft Grosses nicht von einer grossen ungleichartigen Menge geschafft wird, sondern dass der Weg des ethischen Fortschrittes stets aus dem^