Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1899
- Issue
- Nr. 4 - Mai
- Date
- 1899-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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hingen ebenso bezogen, wie auf die allgemeinen Tendenzen und letzten. Ziele des ganzen U. O. B. B. Wie wir zu unserer eigenen Kräftigung einer solchen Selbstprüfung nicht entrathen wollten, so wird sie aiich zur ethischen Hebung und idealen Stärkung unseres Ordens unerlässlich sein, mehr wie sonst, vielleicht heute, wo der Orden aus seinem stillen Wirkungskreise schon herausgelockt wird in ejne Kampfesstellung, weil Neid und Uebelwollen ihm sein rasches Wathsthüm, seine reichen Erfolge missgönnen. Nur hüten wir uns, eben diese Erfolge für unserenJOrden und für die Vortrefflichkeit seiner Bestrebungen sprechen zu lassen, etwa in Anlehnung an den alten Spruch successus docet, der Erfolg belehrt. Dieser Satz kann trügen. Ueber uns aber sitzt eine untrügerische, unbestechliche Instanz zu Gericht unc fordert Rechenschaft für unser Wollen und Thun: das ist die Ethik. Vor ihrem Richterstuhle müssen wir bestehen, vor ihren Gesetzen die unseren sich verantworten. Es ist wohl angebracht, heute diese Festesstunde zu benützen, um das, was wir erstreben und ausführen, im Lichte der Ethik einer knappen Prüfung zu unterwerfen. Lassen Sie mich in der kurzen Spanne Zeit, die mir zur Verfügung steht, die Beantwortung der Frage versuchen: Wie fügen sich in die allgemeinen ethischen Bestrebungen der Gegenwart unsere Ordensideen und -arbeiten ein? Schwer lastet auf dem Gemüthe manchen Menschenfreundes die Erkenntniss, wie wenig das praktische Leben von ethischen Ideen geleitet wird, nachdem doch über 3000 Jahre verflossen sind seit der Verkündüng jener erhabenen Ethik, die wir als theures Vermächtniss hüten, zwei Jahrtausende, nachdem, auf der ersten sich aufbauend^ eine neue Ethik der Welt Erlösung versprach, faef|ein Jahrhundert nach der Proklamirung der Menschenrechte. Und doch — wenn wir uns recht umschauen, ist ein Aufschwung zu Gunsten der Durchtränkung des Lebens der Völker von ethischen Ideen unverkennbar. An die Stelle der Herrschaft des rohen Egoismus tritt mählich wachsend eine Indienststellung altruistischer Ideen in das nationale Leben. Die Rechte auch der Schwächeren, die Pflichten auch der Stärkeren ringen sich zu allseitiger Anerkennung durch. Die Ethik als Sozialethik ist hoffähig geworden, seitdem die berühmte Botschaft des alten Kaisers Wilhelm in das deutsche Land hinausklang und über die Grenzen desselben hinaus von den Herrschenden vernommen wurde. Die soziale Ethik wirkt sittlich hebend auf den Gebenden, wie auf den Empfangenden. Auch ausserhalb der sozialpolitischen Bestrebungen fehlt es nicht an Bemühungen, im politischen, wirthschaftlichen und gesellschaftlichen Leben der Herrschaft des Egoismus und der Brutalität durch Heraufziehen des Volkes zu höherem ethischen Empfinden und Wollen zu begegnen. Ja, es ist eine eigene Bewegung entstanden, hier zu Lande nicht mächtig, aber besonders in Engfand und Amerika von wachsendem Umfange, welche durch Verbreitung ethischer Ideen, durch Veredelung und Eindämmung menschlicher Instinkte und Impulse eine höhere Kultur zu erreichen sich vorgesetzt hat. Auch unser Orden ist eine Gesellschaft für ethische Kultur, ohne den anspruchsvollen Namen und mit beschränktem Wirkungskreise. Er schliesst sich denen bereitwillig an, welche in Vereinen und Vereinigungen eine ethische Wechselwirkung von Person zu Person erstreben und durch ethisch gereifte Persönlichkeiten mitarbeiten lassen wollen an dem grossen Befreiungswerke der Menschheit. Wie können wir. aber den Anspruch erheben, als gleichwerthige Mitkämpfer für ethischen Förtschritt betrachtet zu werden, wenn wir unsanlehnen an eine ^spezifisch jüdische Ethik und sie zur Grundlage einer. sittlichen Weiterentwickelung unseres Stammes mächen wollen. Wir müssen, wenn wir auf die weiteren Schichten der Judenheit wirken wollen, bei einer Belebung der jüdischen Ethik einsetzen. Die Ethik lehrt und lernt man eben nicht W* :yy \T*. . '" « -~;- ■ ,r wie eine neue wissenschaftliche- Disziplin, wie eine fremde Sprache. Man muss vielmehr anknüpfen?n die sittlichen Keime, welche im Menschen-stecken. Das jüdische Volk aber hat in uns, seinen Kindern, fortgeerbt von Geschlecht zu Geschlecht, freilich umhüllt -mit/ religiösem Gewände und umgittert von dem Zaune, den seine Weisen um die Lehre zu machen, für gut hielten, die uralte;Ethik des Mosaismus^ Die ethische Denkart eines Jahrtausende alten Stammes, die sich in uns fortgepflanzt hat, bildet einen selten günstigen Boden, auf dem ein ethisches Aufwärtsstreben sich zu entfalten, vermag: Die mosaische,Ethik hat sich vor keiner Ethik, sei sie religiösen, philosophischen oder realwissenschaftlichen Ursprungs, zu * verbergen.- Glücklicher Weise braucht es meiner schwacherrKraftnicht zugemuthet zu werden, die Vorzüge dieser Ethik im Einzelnen zu schildern, nachdem ihr Inhalt von Meisterhand , gesammelt und bearbeitet, erst kürzlich der staunenden'Mitwelt verkündet ward. Nur einige Punkte möchte ich kurz hervorheben, weil an ihnen sich zeigen soll, dass gerade zur praktischen Mitarbeit in der Gegenwart die altjüdische Ethik vortrefflich, befähigt. Zunächst möchte« ich hervorheben, dass das Leben, die Religion, dje Moral und die Geschichte des jüdischen Volkes durchströmt wird von einer sittlichen Idee, die zu den erhabensten Prinzipien deT Ethik gehört, und welche die erste Voraussetzung für jegliches', ethische Handeln bildet. Das ist die Idee der sittlichen Freiheil, welche den menschlichen Willen für frei und das: Individuum desshalb als verantwortlich, für sein. Thun erklärt. Nicht nur die Bibel erkennt jeglichem Menschen, wie' dem ganzen Volkskörper als sein unverbrüchliches Recht zu seine freie Selbstbestimmung, auch der Talmud, den Viele als ein Werk von finsterem pfäffischem Geist beseelt sich, Vorstellen, befreit das ethische Handeln des Menschen von jeder Vorsehung und Voraüsbestimmung, alles Geschehen und Werden, vollzieht sich bei ihm in Abhängigkeit vom Himmel, nur die Gottesfurcht, der Inbegriff alles ethischen Denkens und Thuns im Judenthum, nicht; diese ist in die freie Verantwortlichkeit des Menschen gestellt. Und ebenso haben die jüdischen Religionsphilosophen, insbesondere auch qeren grösster,_Maimonides, sowie auch unseres Volkes Dichterfürst Jehuda Halevi, die .sittliche Selbjstbestimmungsfreiheit des Menschen rückhaltslos verkündet. Dagegen vergleiche.man-die Lehre von der Erbsünde, der Begnadung und der Prädestination oder gar das islamitische Kismet. Die Idee der sittlichen Freiheit, die so _ est wurzelt im ganzen jüdischen Denken und Wesen, die vornehmste Seite seines sittlichen Charakters, wollen wir weiter zu entwickeln und zu verbreiten uns mit'allen Kräften anstrengen. Ein weiteres Moment lässt die mosaische Ethik als Fundament einer praktisch«sittlkhen Lebensführung und Lebens-