Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1899
- Issue
- Nr. 1 - Februar
- Date
- 1899-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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0 In diesem Romane sein Leben, und wir! ■ ■ ' ■ . r Ghettq-Romancn hat er bis jetzt Unerreichtes geleistet. Sein Hauptwerk- »Die Kinder des Ghettoist wohl'der Wurf, der ihm am Besten gelungen ist. schildert Z. seine eigene Kindheit. " linden deshalb auch Szenen darin von solcher naturgetreuen Färbereebohg, ein Milieu, das polnisch-jüdische, von solch packendem Realismus, dass wir Z. in diesen Schilderungen ruhig Zola an die Seite stellen können. Im Humor ist er fast unerreicht, aber oft ist es! ein Humor, aus dem die ver hattene Thräne zittert, eine Saite von Heine lässt er bei uns anklingen, wie auch: sein Stil und sein Esprit* viel Aehnlichkei: mit Heine aufweisen. * Z. schildert seine'Volksgenossen wie sie in Wirklichkeit sind ohne Schönfärberei, aber diese wahrheitsgetreue Schilderung des Lebens im Ghetto ist dabei doch so jrrar.Jios m ihrer so traurigen Wirklichkeit von Armuth, Schmutz und Elend, und wiederum so ergreifend in ihrer Schild ■ - des. idealen Zugs, der trotz alledem'durch diese durch ihre Religion vergeistigten Menschen geht, dass viel leicht unwillkürlich ein ' Hauch von Bewunderung durch seine Schilderungen zieh'., für die Existenz eines solchen Volkes, das selbst ein Wunder, allem materiellen und geistigen «Druck zum Trotz, treu bei seinem*.Glauben, treu seinen Traditionen bleibt. Zangwill hat in s-einerh Hauptwerk: , Kinder des Ghetto" es möglichst vermieden, seinen eigenen religiösen Standpunkt den Lesern klarzulegen. Kr selbst tritt zurück und I Ü3St die Personen seiner Erzählung zu Wort kommen. Dadurch hat der Roman an Ursprünglichkeit gewonnen und die handelnden Personen werden unserem Mitgefühl näher gebracht. In dem richtigen Erfassen der Charaktere in psychologischer Kleinmalerei ist Z. zu den Besten seiner Art zu rechnen - Dass er das Milieu so gut wiedergiebt ist weniger zu erstaunen, denn er schildert Selbsterlebtes Aber wie er es "schildert, das ist eben'-seine unerreichte "Kunst. . Gleich zu Beginn der Erzählung werden wir in eine Wohlthätigkeits - Anstalt, die die reichen ' englischen tt ' i " , | Juden 'Im Ghetto "gegründet, eingeführt. Das ist der Wirklichkeit, dem Leben abgelauscht. Wir werden durch diese Schilderung gewah,r. was der arme russisch-p anische Jude denkt und fühlt beim Empfang der Suppe und des Brotes, das ihm dargereicht wird. Wir sehen. in welcher Beleuchtung, mit welchem Schlagschatten wir Gebende dem Empfänger erscheinen müssen. Auch unsere Schwächen werden mit feinem Humor gegeisselt und es ist gut,' wenn wir aus solcher Schilderung die richtige Nutzanwendung ziehen: denn nicht dass man giebt, sondern wie man giebt macht erst die Gabe werth. , . . Gehen wir nun an der Hand der Erzählung die ein Zelnen ^Charaktere" durch, dann werden Sie auch den Dichter verstehen lernen. In der bunten- Reihe lose aneinandergereihter Skizzen, aus denen der Roman besteht, ist Esther -Ansell. die Tochter des armen Moses Ansell das Bindeglied und auch die psychologisch interessanteste Gestalt des Romans, auf die ich später noch zurückkommen werde. In Moses Ansell haben wir den getreuen Typus des armen •jolnisch-russischen Juden. Solche Ansells sehen wir oft genug hier bei uns in den Strassen, achtlos, vielleicht sogar verächtlich, gehen Wir an ihnen vorbei Ihr Seelenleben kennen wir nicht und wollen es auch nicht kennen lernen. Darin besteht njun Zangwills grosses Verdienst, dass er uns diese Volkslflasse, die auch unsere Volksgenossen sind, geistig näher bringt, uns Verständniss für . ihr Wesen, für ihr Denken un^d Empfinden lehrt. Ein Mann wie Moses Ansell, d£r in .einem Milieu aufgewachsen, das, fern von jedem Streben nach höherer, materieller VVohlfahrt nur einseitig das Studium des Talmud als höchsten Lebenszweck kennt, wird lim praktischen Leben, im Kampf ums* Dasein nur wenig leisten, nur kümmerlich seine Familie ernähren können. ■ . Seine Gedanken! sind nur halb auf der Erde, halb bei seiner Familie. Moses Ansell lebt mehr im Studium des Talmud, als in der Welt der Thatsachen. Er arbeitet wohl, aber ohne rechte Freude an der Arbeit. Oefters hat er für sich und seine Ifamilie nicht genug zu essen, aber er vergisst seine traurige Lage, wenn er sich mit den Geistes heroen der Vergangenheit unterhält, wenn er die Schönheiten einer Predigt, die er am Sabbath gehört, nochmals im Geiste an sich vorüberziehen lässt. Schon manches [Handwerk hat er ausgeübt. Er war nacheinander schon Jlausirer, Schuhmacher, Steinmetz und Schneider gewesen, j Es gab nichts, was er nicht im Stande war, schlecht zu thun. wie Zangwill;sich humoristisch ausdrückt. Seine Frau, opferwillig und' arbeitsam, erhöht den kärglichen Verdienst ihres Mannes durch .Putzen und Scheuern bei fremden Leuten und zieht sich , bei dieser Beschäftigung eine Krankheit zu,- die ihr das Leben kostet. Esther, die älteste' erst zwölfjährige Tochter, in Xoth und Elend frühreif geworden, mus's nun an Stelle, der verstorbenen Mutter die ganze Sorge des Haushalts und die Erziehung der Geschwister übernehmen. Es ist geradezu rlührend, wie sie dieser schweren, über ihre Jahre gehenden Aufgabe gerecht zu werden sucht, und dabei doch zu stolz ist, Almosen, die der Familie in beschämender Weise ge:- reicht werden, anzunehmen. Ein Bruder, der um zwei Jahre' jünger ist und schöne Fähigkeiten zeigt, kommt nach dem Tode der Mütter ins jüdische Waisenhaus. Er ist ihr Stolz und (ihre Hoffnung für eine bessere Zukunft Aber die» fremden Eindrücke der Civilisation, die der Bruder im Waisenhause empfängt, machen aus dem Kinde des Ghetto einen Menschen, der ganz anders fühlt und djenkt als Vater und Geschwister Der Knabe schämt -sich seines Vaters. Er sieht dessen besuchen in der Schule mit Angst entgegen, weil er so schmutzig ist und so schlechte Kleider trägt. Der perfekt englisch sprechende Knabe schämt sich auch des väterlichen Jargons, den er nicht mehr versteht. Er sieht auf den Vater fast verächtlich; herab, während Moses, Ansell in der Hoffnung, dass j aus dem Sohn später ein grosser Gelehrter wird, mit scheuer Bewunderung erfüllt, ihm kaum die Hand zu drücken wagt. Esther, so jung wie sie ist, merkt es besser'wie der Vater mit innerlicher, tiefer Trauer, dass der Bruder seiner Familie entfremdet ist. . Diesen Herzenskonflikt giebt Zangwill 'einen ergreifenden Abschluss in einer Szene, die wofil mit zu den Besten gehört, was er geschrieben. Moses Ansell wird