Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1898
- Issue
- Nr. 8 - Dezember
- Date
- 1898-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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— 85 — jeder Gemeinde stand der Babbine r,- welcher nach Berathang mit den Schriftgelehrten öffentlicl e Lehrer für die jüdischen Schulen ernennt. Nur die von ihm eingesetzten Lehrer und Behelfer waren befugt, Unterriehl zu ertheilen. Die Kinder werden gezwungen, die Cheder zu »esuchen; jüdischlesen und schreiben, Bibelkunde und Talmud sind die Unterrichtsgegenstände. Die Regierung hat sich nicht, im mindesten die Aufsicht über diese Cheder uid somit über die Erziehung des jüdischen jungen Nachwuchses 1 orbehalten. Den Rabbinern stand das Recht des Fluches^ Cht rem zu, eine fürchterliche Waffe in den Händen derselben Durch denselben hielten sie <Iieungebildete Masse der Sta inmesgenossen in Gehorsam, hemmten sie die fortgeschrittenen Elemente in der Gemeinde. Wenn auch diese Verwaltung in^I aufe der Zeit mehrfach ein-, geengt wurde, so besteht sie gerade in kultureller Beziehung ungeschwächt fort. Es bleiben immer der Iwirksamkeit der Rabbiner die rituellen und Unje rrichtsangelegenheiten vorbehalten. Ihre Einwirkung auf die Gemeinde-Mitglieder ist durch hundertjährige Gewohnheit und Abhängigkeit so fest gewurzelt, dass selbst die politischen Behörden wenig ausrichten. Bei der tief gewurzelten Abneigung der rabbinischen Gemeindeleiter gegen alles Den sehe, das den Fortschritt bedeutet, ist es unschwer, sich avszumaleu, in welchem Zustande sich die Schulen und das s oziale Leben der Gemeinde befinden. Fern sei es von mir, eiren Stein des Vorwurfs aul diese Unglücklichen zu werfen. .Bs ist das so gekommen, weil es durch die Theiluahmslosig ceit, mit der diesen Proletariern des Körpers und der S iele begegnet worden ist, weil man sie in dem trostlosen Elend verschmachten lässt, weil es so hat kommen müssen. Diese Geistesnoth und Armuth erzeugt sittliche Defekte, dass alle hässlichen Triebe Eingang finden und verwerfliche J littel in Beruf und Erwerb gewählt werden. Das Schulwesei der dortigen Gemeinden hat sich von den mittelalterlichen Einrichtungen noch nicht entfernt, noch immer werden in/den jüdischen Schulen die Kinder in alter Weise belehrt, noch immer dringt kein Lichtstrahl moderner Bildung in das |)uukel der Cheder hinein. Das heranwachsende Gesuhlecht kann aus der geistigen und körperlichen Verkümmerung nicht herauskommen. Im Jahre 1887 haben in Galizien 3126 Volksschulen bestanden mit 397 605 Schülern, aber schulpflichtig 'waren 710 000; im Jahre 1897 waren 3802 Volksschulen mit 609 734 Schülern bei 980 000 Schulpflichtigen. Es nehmen immer noch über 300 000 Kinder an dein Volksscliulunterricht nicht Theil. Von 100 Männern können 85 und von 100 Frauen 72 nicht lesen. Ich wage zu behaupten, cass unter den nicht Eingeschulten ein sehr grosser Theil jüdischer Kinder sich be<- fiudet. Welch'einen Einblick gew ihren diese nackten Zahlen! Keineswegs soll es. verschwiegen werden, dass in den beiden grössten Städten Lemberg und Krakau, sowie in mittleren Städten; deren es eine gr>sse Anzahl mit zahlreicher jüdischer Bevölkerung giebt, viele wohlhabende, reiche,gebildete, angesehene Kaufleute, Aerzte, At vokaten oder Andere sich befinden, aber gerade der Umstani, dass neben den relativ wenigen besser situirten Juden, <iie grosse Masse derselben in Erwerbslosigkeit. Dumpfheit, geistiger Knechtschaft versunken ist, hat es zu Wege gebracht, dass eine tiefe, fast unüberbrückbare Kluft-gähnt zwischen den Besitzenden und Besitzlosen, zwischen den Gebildelen und Ungebildeten. Je mehr die Wenigen aus der breiten Schicht durch Bildung oder Wohlhabenheit sich herausgehoben haben, desto mehr hat sich die Entfremdung gegen die' Niederei} herausgebildet und in deren Gefolge die Gleichgültigkeit und Theünahmlosigkeit gegen das Geschick der armen jüdisch-polnischen Bevölkerung. Und in diesen niederen Schichten, welche Verrohung! Welcher Neid und Missgunst! Noch jüngst las man aus Frankfurt a. M., wie die polnischen Juden einander denünzirt' haben, weil Mancher von der Ausweisung nicht betroffen wurde. Schaarenweise Wenden sie sich nach Deutschland, verkommen, verkümmert, von Niemand unserer-Glaubensgenossen geliebt, von Vielen gehasst, von Allen, gemieden. Soll das so bleiben? Soll dieser Zustand sich verewigen? Die ganze Judenheit wird verantwortlich gemacht für die Fehler Einzelner. Liegt darin nicht der Ansporn für 'die Judenheit, alle Hebel in Bewegung zu setzen für die Hebung des sozialen Elends der dortigen Juden, sie herauszureissen aus dem* geistigen Winterschlaf? /; : . *:'v . Und liegt uns Brüdern, die. wir die Mission auf uns genommen haben, Israeliten zu vereinigen, um sie zu erziehen, zu veredeln, zu vervollkommnen, nicht die Pflicht ob, uns dieser Armen zu erbarmen? 1h ihrem Cheder lernen die Kinder nur das Aeusserliche;" Formale unserer Religion zu beobachten und auszuüben. Man soll, sie aber lehren, die sittlichen Heilslehren des Judenthums in sich aufzunehmen und auszuüben. Au der. jetzigen Generation ist kaum etwas zu ändern, aber das heranwachsende Geschlecht soll der Gegenstand unserer Aufmerksamkeit und Arbeit sein. — Man wird mir entgegnen, dass es unmöglich und unausführbar sei, das Gros der galizischen Juden der Kultur entgegenzufahren. Was schwierig ist, ist darum noch "nicht unmöglich",. Aber ist es picht bei allen idealen Bestrebungen. der Fall, dass man deren Unausführbarkeit laut "verkündet hat? Lehrt nicht die Geschichte, dass alle idealen Hochziele' als uferlos hingestellt wurden, dass alle weltgeschichtlichen Probleme in ihren Anfängen bespöttelt wurden? Lehrt-es. nicht die Geschichte unseres eigenen Bruderbundes? Anfangs kaum beachtet, ist er heute ein geachteter einflussreich.er Faktor in der Judenheit in verhältnismässig sehr.kurzer Zeit geworden. Muss uns diese Thatsache nicht von selbst auf die Idee bringen, dass unser Bund diese Aufgabe in Galizien übernehmen solle? Er ist vornehmlich dazu geschaffen: . Seine mustergiltige Organisation, -die für jeden Glaubensgenossen Raum hat, die die Bethätigung1 aller Mitglieder wachruft und. aufrecht hält, die die Hebung des sozialen Bpdens derlsraeliten in grossen Zügen anstrebt und darin e^chemachend geworden "Ts"t. und schon erhebliche Leistungen aufzuweisen hat, wo ein Gedanjke Alle beherrscht, ein Wille Alle führt, ist gradezu prädestinirt, diese allerdings.-schwierige, aber in ihrem Endziel dankbare Aufgabe auszuführeij. Freilich' gehört dazu Zeit, viel Zeit. Es werden: Geherationen vergehen, eiie die geistige Gesundung Galiziens vollendet sein wird, ich verhehle mir keineswegs, dass die Thätigkeit der» ersten Generation sich sehr schwer und Voller Hemmnisse gestalten wird; sie wird nur schrittweise vorgehen .können, sie wird schier unüberwindlichen Hindernissen begegnen, über Abneigungen, Enttäuschungen wird sie hinweggehen müssen. Das muss man sich Alles vor Augen halten. Trotzdem darf es uns nicht abhalten, die Sache ernstlich in Angriff zu nehmen. Jede gesicherte Etappe in unseren Kulturbestrebungeu für Galizien wird eine feste Basis geben für einen